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„Et 's en Hellhund," (Höllenhund) verbesserte der erste Hosknecht.
„Jo, ut dat Moargenland," stimmte der Kutscher bei, ein Urtheil, das Alles, was zum Gefinde gehörte, still« chweigend unterschrieben hatte.
,He is nog en beten netter, obschon he »ich moal von Adel is," lautete das allgemeine Urtheil über Melwig, „awers veel »ich, he deit man so."
Man wagte nicht mehr zu denken, geschweige denn zu sagen, zumal seit der Stunde, wo sich Joe Catton in Lindenhagen zeigte und ein Jeder das Gefühl hatte, als ob er in ihm einen Sclaven-Aufseher und Spion erblickten müßte.
Hans Justus ließ den Wagen ungefähr eine Viertelstunde von Altinghof halten und befahl dem Kutscher, da er den kurzen Weg zu Fuß zurücklegen wollte, rasch heimzufahren. Er horchte eine geraume Weile, bis das Rollen der Räder verhallte, worauf er sich seitwärts nach einer dichten Tannen- Anpflanzung begab, um hier im Dunkel der Nacht, in tiesster Einsamkeit eine seltsame Handlung vorzunehmen. Die Jagd, flinte ablegend, zog er ein kleines Tsrzerol, ein sogenanntes Teschin hervor, dessen Mündung er gegen seine linke Schulter hielt. Ein leichter, gedämpfer Knall, nicht lauter, als ihn der herausfltegende Kork einer Champagnerflasche hervorbringt, erfolgte, und Han» Justus wußte genau, welche ungefährliche Blessur er sich beigebracht hatte.
Leise lachend verbarg er die kleine Waffe in einer Vertiefung, die er mit einem Stein und mit welkem Laub bedeckte, nahm die Flinte in die rechte Hand und schritt rasch heimwärts.
Es gelang ihm, unbemerkt durch den Park in den Thurm zu kommen und sein Zimmer zu erreichen, wo er rasch die Rollgardinen herabließ, bevor er Licht anzündetr, um seine Wunde zu untersuchen.
„Bist ein famoser Schütze, John Alling," murmelte er, als er den Roa abgeworfen und den linken Hemdärmel bis zur Schulter hinaufgestreift hatte. „Ein regelrechter Streifschuß, dem ich die nöthige Zeit zur Heilung gönnen muß. Goddam, welche capitale Idee von meinem Liebchen, — klug ist sie, meine Ebba Regina, ebenso klug als schön!"
Er wusch die ziemlich lange blutige Fletschwunde, lächelte über ihre Ungefährlichkeit und bewunderte aufs Neue die eigene Kunstfertigkeit.
Nachdem er sich kaltblütig ein Taschentuch darum gewickelt, setzte er «sich aufs Sopha, lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. Wenigstens blieb er in diesem Zu« stände doch wohl mit der Moral oder Strafpredigt in Betreff des tobten Fuchses verschont, dachte er mit einem ingrimmigen Lächeln.
Man schien vom Hofe aus das Licht in seinem Zimmer bemerkt und dem alten Herrn Mittheilung dävon gemacht zu haben!, daß dieser nach einer Weile bei ihm erschien- Der Baron, welcher kurz geklopft und dann ohne Weiteres eingetreten war, fuhr bei dem Anblick seine» Neffen erschrocken zurück. ,
„Großer Gott, was fehlt Dir? — Was ist geschehen? fragte er hastig.
„O, nichts von Bedeutung, lieber Onkel," erwiderte Hans Justus, sich, wie es schien, etwas mühsam erhebend. „Ich hatte unterwegs einen kleinen Unfall. Beim Neber- springen eines Graben» entlud sich meine Flinte und riß mir einen Fetzen Fleisch aus der Schulter, sogar der Rock zeigt eine Brandspur. E» hätte schlimmer werden können, dieser kleine Riß wird bald heilen."
„Das ist mir unbegreiflich bei Deiner Geschicklichkeit, mit dem Gewehr umzugehen," bemerkte der Baron- „Laß doch einmal sehen, mit solchen Wunden ist nicht zu spassen.
„Nun ja, ich war unvorsichtig," gab Hans Justus sehr demuthsvoll zu, indem er das Tuch abnahm.
„Alle Wetter, das ist ein böser Riß," rief der alte Herr, „wir müssen den Chirurgen holen lassen. Einstweilen will ich Dich aus meiner Haus - Apotheke, so gut ich s vermag, verbinden. Gedulde Dich nur einige Minuten.
Schloßherrin von Altinghof sein wirst -■ jede Minute unseres Lebens zu vergiften?"
„Du wolltest mir ja blindlings folgen, Hans Justus!" erinnerte ihn Ebba Regina ruhig.
„Ja, ja, Du bist die ältere, also auch die klügere," murmelte er schwerathmend, „er bekommt den Schein und bleibt hier. Was dann aber weiter?"
„Dafür laß mich sorgen, Liebster," lächelte sie scheinbar harmlos.
Aber es war ein grausames Lächeln, wie es selbst der cynische Amerikaner mit einem unheimlichen Gefühl empfand. ®r, der schöne, rücksichtslose Abenteurer, sah sich zum ersten Male in einem Netze gefangen, au» dem es für ihn kein Entrinnen gab, well die eigene Leidenschaft es geflochten hatte. Mit Zähneknirschen empfand er seine Ohnmacht, da seine herrische, unbändige Natur sich dagegen sträubte, sich von einem Weibe beherrschen zu lassen.
„So, mein theurer Hans Justus, wir wissen genau, daß unsere Interessen von nun an Hand in Hand gehen müssen, und daß es mein Wille ist, Dich als Erben von Altinghof und Ltndenhagen, mich aber als Schloßherrin mit der freiherrliche« Krone zu sehen. Wähnst Du vielleicht, daß e» der Erbin von Lindenhagen nicht auch eine Kleinigkeit wäre, an jedem Finger einen adeligen Bewerber sich einzufangen? Von dieser Sorte laufen genug umher, die einen Goldfisch angeln möchten. Aber ich will nur den Einen, Dich, Hans Justus, weil Du ein Mann nach meinem Herzen bist, der seine Zeit nicht mit leere» Liebes-Tändeleien vergeudet, sondern furchtlos alle Hindernisse aus dem Wege räumt, die fich seinem Ziele entgegenstemmen. Ich hätte es deshalb lieber gesehen, wenn Du keinen Dritten zum Vertrauten gemacht, sondern allein gehandelt hättest."
„Dann würde der Verdacht sofort auf mich fallen," wandte Haus Justus ein, „nein, nein, Geliebte, höre meinen Plan."
Er flüsterte ihr einige Worte ins Ohr, wozu sts lächelnd nickte. Ebba Regina verstand es eben, bei den grausamsten Dingen zu lächeln. Für sie gab es nur zwei Gegensätze in der Welt: reich und arm, was in ihren Augen gleichbedeutend war mit klug und dumm oder Herr und Knecht.
Die kluge Dame beherrschte ihren schlauen Onkel, der ein Raubsystem betrieb, — doch sollte ihr der Reichthum nur als Mittel zu dem eigenllichen Zweck und dem Endziel ihrer Wünsche dienen, ein gleichberechtigtes, ja, wo möglich bevorzugtes Mitglied jener höheren Kreisen zu werden, die sich weit erhaben dünken über dem großen Troß der Menschheit. Sie wußte er ganz genau, daß kein Junker in der ganzen Gegend es wagen durfte, ihr seinen Namen zu geben, wußte aber auch, daß sie als Schloßfrau von Altinghof und Erbin von Lindenhagen nicht blos eine der reichsten und angesehensten, sondern voraussichtlich auch, der siegreichen Macht ihrer Schönheit und Verstellungskunst vertrauend, eine der gefeiertsten Persönlichkeiten jener Kreise werden mußte. Und zur Er- reichung dieses großen Zieles war Hans Justus der rechte Mann, aber auch der rechte Zeitpunkt jetzt gekommen.
Das würdige Paar verließ die Einsiedelei und Grotte, um sich auf einem anderen Wege dem Hsrrenhaufe zuzuwenden. Hier hatten sie noch eine geheime Unterredung mit einander, da Melwig verreist war, und auch er von ihrem bräutlichen Verhältniß noch keine Kenntniß haben sollte. Als mitllerweile die Dunkelheit ganz hereingebrochen, und der Abend bedeutend vorgerückt war, erinnerte sich Hans Justus, daß er kein Pferd zum Heimreiten befaß. Ebba Regina ließ anspannen, nahm zärtlich Abschied von ihm und schritt dann lächelnd in ihr Zimmer, um Wirthschafts-Gegenstände zu erledigen. Das alte Dienstpersonal des Freiherrn von Below, welche» der Nachsolger zum größten Thetle mit übernommen hatte, haßte das „gnädige Fräulein", wie man sie auf Befehl titultren mußte, aus Herzensgründe, „weil hinter ihrer freundlichen Maske der leibhaftige Teufel sitze," wie die alte Wirtschafterin behauptete.


