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Am Abend fand Feuerwerk im Park statt, welches ein Pyrotechniker au» der Provinzialstadt leitete. Raketen und Feuerregen prasselten in den Garten hernieder. Zuletzt erschien der Name „Dora" in Brillantfeuer. Dazu spielte die Musik Dora» Lieblingscowposttion, während die Gesellschaft die wohlgepflegten Gänge paarweise auf und ab wandelte.
„Die Musik schweigt, Mitternacht ist nahe!" sagte Dora, die an Mülverstedts Arm ging, indem sie sich eilig zur Rückkehr wandte. „Man kehrt zurück und wird uns vermissen!"
Mülverstedt fuhr aus tiefen Gedanken auf. „Sie haben recht, wenden wir uns eilig!" bestätigte er.
„Sahen Sie die Sternschnuppe?" frug Dora, als das glänzende Himmelslicht im Aether herniederschwamm.
„Allerdings!" sagte Mülverstedt.
„Was dachten Sie? Wünschen Sie sich nichts?" frug Dora weiter. „Die Sternschnuppen verheißen Erfüllung!"
„Ich dachte wenig, ich empfinde nur!" entgegnete Mülverstedt. „Neben Ihnen ist mein Herz wunschlos und still — so reich an Wünschen und Verlangen es ohne Sie ist! Ich wünsche nur, daß er niemals eine Trennung für uns geben möge!"
Dora antwortete nur mit einem Seufzer, der sich aus gepreßter Brust emporrang. —
V.
„Darf ich Dich einen Augenblick stören, lieber Bernhard?" frug Dora ungefähr vier Wochen später, indem sie in das einfach bürgerlich eingerichtete Arbeitszimmer des Gatten trat.
„Du störst mich niemals, Kleine!" sagte Wülpern, die eingegangenen Briefschaften von sich schiebend. „Wenn Du nur recht oft kämst I O, es wäre reizend, wenn ich Dich immer hier bei mir hätte!"
Dabet schob er ihr einen schlichten Rohrsessel hin, legte das einzige, halbverblichene Sophakiffen, ein Geschenk von Cousine Meta, darauf und richtete den Sessel in richtige Plauderdistanee. „Nun, Kleine? . . . Aber Kind, wie siehst Du aus? Du erschreckst mich!"
„Es ist nichts!" wies Dora herb ab.
„Du bist krank — Du täuschest mich nicht!"
„Nein, Bernhard, nur etwas müde von einer schlaflosen Nacht!"
„Hast Du schlecht geschlafen? Nun, ich war hundemüde und schlief vortrefflich; darum gewahrte ich es nicht! Was möchtest Du haben? Welchen Wunsch kann ich Dir erfüllen? Vielleicht ein Cab, damit Du auch kutschiren kannst? Es ist ja wohl hochmodern? ... Du hast Talent zum Sport, bist eine leidliche Reiterin geworden in kurzer Zeit. Jedenfalls ist Mülverstedt ein vortrefflicher Lehrer!"
Der Name traf Dora wie ein Stich — wenigstens machte sie eine Bewegung, als ob sie Schmerz empfinde. — Dann sagte sie, alle Energie zusammennehmend: „Ich — ich möchte eine Reise machen!"
„Hast Du jetzt schon Reiselust? Ich glaubte, daß es mit Helgoland genug wäre und natürlich erst im August. Ich habe augenblicklich wenig Muße —"
„Ich möchte allein reisen, Bernhard!"
„Willst Du ein Bad besuchen? Oder soll es nur eine Vergnügungsreise sein? Dann würde ich Dir rathen, Schwester Therese mit Dir zu nehmen. Allein — nein, ich möchte es nicht!"
„Nein — ich will — Deine Mutter besuchen!"
„Mama willst Du besuchen? Wie mich das freut! Wie kommst Du auf den Gedanken?" konnte Wülpern nicht umhin zu fragen. Denn das Verhältniß zwischen Beiden war bei vollkommener gegenseitiger Rücksichtnahme doch kühl geblieben.
Dora vermochte seine gewisse Scheu und Furcht vor der Schwiegermutter nicht zu überwinden und machte kein Hehl daraus.
„Ich möchte bei ihr bleiben einige Zeit," sagte Dora langsam und anscheinend nicht vollständig offen.
„Gern, mein Kind! Wann gedenkst Du zu reisen?"
„Morgen!"
Am Tage war keine Rede von dem Besuch «eiter. Dora war von größter Hingebung und Liebenswürdigkeit gegen den Gatten, auch der Abschied am anderen Tage war voll Zärtlichkeit. Wülpern fuhr die Gattin selbst nach dem Bahnhöfe und schied von ihr unter tausend Küssen.
Die Amtsräthin war durch eine Depesche benachrichtigt worden und empfing die Schwiegertochter etwa» verwundert, aber liebevoll.
Am Abend sagte sie aber zu Meta: „Da steckt etwa« dahinter! Die Reise au« dem Hause des Gatten ist wie sine Flucht! Wie denkst Du darüber, liebe Meta? Ich weiß, Du bist über Doras plötzliche Ankunft ebenso erstaunt sl» ich -° ist es nicht so?"
„Allerdings!"
„Eine Entzweiung der Eheleute ist es nicht; dar ist klar! Sollte Dora — vor einem Andern, vor sich — selbst geflohen sein?"
Daß sich in Meta ein ähnlicher Gedanke geregt hatte, war an dem lebhaften, verständnißvollen Ausdruck ihrer Augen erkennbar. Auch die Tante las darin: So ist es!
„Dann ist es nur Lieutenant von Mülverstedt," entschied die Amtsräthin. „Er ist ein häufiger, fast täglicher Gast in Almenhausen, dennoch hat ihn Dora noch nicht ein einziges Mal mit Namen genannt. Armer Bernhard!"
„Dora ist herzensrein, wie sie immer gewesen ist," sagte Meta mit innerer Ueberzeugung. „Es kann noch Alles gut werden. Wir wollen sehr, sehr lieb zu ihr sein!" —
Thatsächlich gestaltete sich das Zusammenleben ruhig und angenehm. Dora war nicht allein voll kindlicher Zärtlichkeit gegen die Schwiegermutter, sondern erschien in einem nur halb bewußten Reuegefühl fast wie eine Büßende. An Cousine Meta schien sie förmlich emporzublicken. Im Uebrigen genoß sie die Annehmlichkeiten der Jahreszeit und der Großstadt mit augenfälliger Hast, al« ob sie Vergessenheit suche. Daneben schrieb sie aber täglich Briefe an den Gatten und empfing solche von ihm.
Und die Briefe wurden immer länger, ausführlicher, zärtlicher. Nur von einer Rückkehr sprach sie niemals; auch ward sie nach einer Verständigung zwischen der Amtsräthin und Meta keineswegs daran erinnert.
(Fortsetzung folgt.)
Wirtschaftlicher Nutzen der Gesundheitspflege.
Von Dr. Otto Gotthilf.
------- (Nachdruck verboten.)
Die Pflege der Gesundheit muß sich jeder einzelne Mensch in hohem Maße angelegen sein lassen. Denn wird seine Gesundheit gestört oder beeinträchtigt, so erleidet nicht nur er selbst geistigen, körperlichen und materiellen Schaden, sondern auch seine Familie und der ganze Staat haben wirthschaftliche Verluste.
Durch Gesundheitsstörungen verliert der Mensch die Kraft zur Arbeit und die Fähigkeit des Erwerbe«; er wird genöthigt, zur Herstellung seiner Gesundheit außergewöhnliche Kosten auszuwenden für kräftigere Nahrung und Pflege, für Arzt und Apotheker. Die Folgen davon sind dann leider nur zu oft Sorgen und Noth der ganzen Familie. Und ist die Familie nicht im Stande, diese Mittel selbst aufzubringen, so muß ihr die Gesammtheit zu Hilfe kommen; Wohlthätigkeitsvereine gewähren mit dem Gelds Anderer Unterstützung, Gemeinde und Staat verausgaben hier Mittel, die sie anderen Steuerzahlern entzogen haben. Wohl uns, daß es in jedem geordneten Staatswesen so ist! Aber man muß doch zugeben, daß dadurch das Nationalvermögen bedeutend geschädigt wird, ganz abgesehen davon, daß der Gesammtheit auch noch die Arbeitskraft des in seiner Gesundheit Gestörten verloren geht. Leidet der Kranke an einer ansteckenden Krankheit, so wird er direct gefährlich für seine nähere und weitere Umgebung und macht ost städtische und staatliche Vorsicht«- und Vvrbeugungs- maßregeln röthig, die häufig große Summen verschlingen,


