Ausgabe 
19.5.1896
 
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lauschten duftende Veilchen und lag verstreuter Apfelblüthen» schnee, und darüber am Himmel hingen weißglänzende Lämmer» Wölkchen wie vergessens Winterschneeflscken.

Dora saß mit einer feinen Handarbeit im Garten und erwartete den Gatten- Sie hatte nicht geglaubt, daß er an ihrer Seite so ganz und gar zu den alten, mühsamen Lebens» gewohnheiten zurückkehren werde. Sie schienen aber bereits übermächtig geworden zu sein.

Soll ich mein Werk halb fertig lassen?" frug er sie, wenn sie ihn bat, ihr und den Annehmlichkeiten des Lebens mehr Zeit und Muße zu widmen.Dann würde es über» Haupt nutzlos fein! Außerdem ist das Glück vieler Anderer mit meinem Werk verflochten, die mir ihr Schicksal anvertraut haben! Laß mich erwerben, so lange ich die Kraft fühle; dann können wir uns auf einen schönen Lebensabend freuen!"

Dabei blieb es und Dora hatte sich auch immer wieder befriedigt gefühlt- Sie konnte, wollte Vertrauen und Geduld haben; der Gatte war tausendmal besser als sie und alle anderen Menschen!

Der Diener brachte die Kaffeemaschine, nun würde der Gatte gewiß bald kommen- Die Kaffeestunde pflegte er nicht zu versäumen.

Plötzlich sah sie einen Offizier auf der Landstraße daher» gesprengt kommen, es war Lieutenant von Mülverstedt. Sie hatte ihn schon erkannt, bevor er noch in das Parkthor ein­gebogen war. Schon hielt der Reiter-

Ich habe mich nicht getäuscht, al» ich Sie auf der Veranda vermuthete, gnädige Frau! Der Frühling lockt mächtig hinaus, auch mich hielt'« nicht mehr in der Garnison. Drei Monate habe ich Urlaub genommen und möchte nun ein tüchtiger Agrarier werden!"

So sind Sie wieder hier? Mein Mann hat mir nichts gesagt oder weiß er nicht darum?" rief Dora von der Veranda herab.Herrlich! Herrlich!"

Lieutenant von Mülverstedt schien sehr befriedigt von dem Empfang und ließ den Schweißsuchs ein paar Mal mit Eleganz courbettiren- Dann warf er einem herbeigeeilten Stallknecht den Zügel zu und stieg ab-

Der Handkuß, den er auf Doras Hand drückte, war so lang und heiß, daß sie das Brennen seiner Lippen fast als schmerzhaften Stich empfand und von einer Gluth übergossen ward, die sie sich nicht erklären konnte. Nur scheu wagte sie zu Lieutenant von Mülverstedt aufzublicken, dennoch gewahrte sie, daß er bleich aussah, nur seine Bugen glänzten und strahlten in Freude und Triumph.

Er erzählte von dem Leben in der Garnison, den winter­lichen Vergnügungen mit einer fast frappirenden Weltgewandt­heit und Eleganz. Alle», was er sprach, zeigte Leben und Verve neben heimlicher Leidenschaft.

Dora machte die Wirthin und bediente den Gast, wie sie immer zu thun pflegte solch' entzückten Dank wie hier hatte sie aber noch niemals erhalten.

O, wenn Sie wüßten, gnädige Frau, wie mich der natürliche, freundschaftliche Verkehr in Ihrem Hause entzückt; während de» ganzen Winter« habe ich da» Vergnügen daran gemessen! Da» neroenaufregende, conventionelle Leben der Großstadt ist mir vollständig verhaßt geworden. Ich werde ein gelehriger Schüler Ihre» Gatten werden in meiner Eigen­schaft al» Grundbesitzer. Wo bleibt Herr Wülpern?"

Dora hatte die Abwesenheit de» Gatten fast vergessen, so sehr hatte Lieutenant von Mülverstedts Unterhaltung sie in ihren Bann gezogen. Wie um ihr Unrecht zu sühnen, flog sie dem Gatten in ungestümer Herzlichkeit entgegen, al» er endlich, müde und von Geschäften abgehetzt, erschien. Er be­grüßte den Gast mit Herzlichkeit und versprach, nächstens nach Mülverstedt hinüberzukommen behufs verschiedener neuer Ein­richtungen, die der junge Gutsherr zu machen gedachte.

Zwei Tage später war Dora» einundzwanzigster Geburts­tag und es war, als ob Wülpern wochenlang an nicht» anderes gedacht habe, al« an diese Feier.

Die Bescheerung, die in dem gemeinschaftlichen Wohn­zimmer aufgebaut worden war, entsprach allen irgend mög­

lichen Wünschen und die Veranstaltung der eigentlichen Feier zeigte von zartester Rücksicht.

Schon am Morgen erschien der Rendant mit der älteren Schwester als Geburtstags-Ueberraschung. Der Rendant halte sich seit Kurzem pensioniren lassen und dem Schwieger, sohn erlaubt, die materielle Einbuße zu decken. Die fast dreißigjährige Therese wuchs sich zu einer richtigen alten Jungfer mit Hund, Katze und Canarienvogel aus und konnte sich im Stillen immer noch nicht beruhigen über das Glück, welches dasKind" gemacht hatte.

Ganz unerwartet kamen auch die Amtsräthtn und Meta mit dem Mittagszuge. Die Aufmerksamkeit galt eigentlich mehr dem Sohn als der Schwiegertochter; sie wußte, daß sie Bernhard mit zarter Rücksichtnahme auf Dora am besten er. freuen konnte.

Am Nachmittag erschien auch Lieutenant von Mülverstedt zur Gratulation. Auf welche Weise er von der Feier in Kenntniß gesetzt war, blieb unentdeckt. Aber die Blumengabe, die er überreichte, war mit Raffinement ausgewählt und Be­zeugte eine längere Vorbereitung.

Auch ein anderer Gutsnachbar, Baron Horsten nebst Frau und zwei Töchtern, war erschienen.

Es war bekannt, daß die Aeltere, Thekla, ihre Netze nach Wülpern ausgeworfen gehabt, und daß der Vater, welcher in Vermögensfall gerathen war, den angesehenen, wohlhabenden Schwiegersohn gern willkommen geheißen hätte. Darum war Dora im Stillen ein Gegenstand des Hasser für die gesammte Familie und der Besuch am Geburtrtagsfeste geschah mehr wegen de» Lieutenants von Mülverstedt, den sie in Wülpern« Hause zu treffen hofften und der gegenwärtig der Gegenstand ihres Strebens und ihrer Heirathsabstchten war.

Natürlich findet man ihn hier im Hause der schönen Frau, den neuen Nachbar," sagte die Baronin Horsten spitz mit halber Wendung nach Bernhard Wülpern und dessen Mutter.Wir haben uns vergeblich nach Ihnen gesehnt, eine volle Woche lang, um von ein paar früheren Regiment«, kameraden meines Mannes zu hören."

Pardon, gnädigste Frau, aber ich bin erst feit vier Tagen wieder in Mülverstedt," vertheidigte sich der junge Erbe.

Das ist ja geradezu eine einzige Geburtrtagsbescheerung! Thekla, Sophiechen, seht doch! Der herrliche Seidenstoff! Magnifique! Welche Spitzen! Das Farrenkrautmuster ist ge- radezu entzückend! Und die Pariser Handschuhe!" brach die Baronin in Verherrlichung au», indem ste den im gemein­schaftlichen Wohnzimmer aufgestellten Geburtstagstisch mit kritischen Blicken musterte.Die Handschuhnummer ist aller­dings recht groß! Finden Sie nicht auch, Fräulein Meta?" wandte sie sich leise an die Begleiterin der Amtsräthin, dis schweigend zugehört hatte.

Und das Parfüm! Eine Kiste voll Kölnisches Wasser und Mahernia das Modeparfüm," stöberte Fräulein Thekla umher.

Und welche Confituren! Pfirsich und Ananas!" bewun­derte Sophiechen.

Das Beste steht im Stalle, das Reitpferd!" fuhr Thekla fort.Frau Wülpern wird uns künftig als Amazone be­suchen. Lieutenant von Mülverstedt wird ihr Reitunterricht ertheilen!"

Wie interessant!" bemerkte Frau von Horsten, indem sie sich nach der Amtsräthin umsah, die auf dem Sopha saß und an einem Kinderstrumpfe für ihre Wohlthätigkeitsanstalt strickte.

Die Worte entgingen ihr nicht und sie sah unwillkürlich nach der Schwiegertochter hinüber, die in diesem Augenblick in's Zimmer trat. Die plastische, wunderbar graziöse Frauen- gestalt war in leichten, rosenfarbenen Sommerstoff gekleidet, da« holde Gesichtchen mit den Hellen und doch so tiefen Kinder- äugen war glücküberstrahlt. Die ganze Erscheinung war wie ein Sonnenstrahl alle Anwesenden schienen sie al» solchen zu empfinden, am meisten Lieutenant von Mülverstedt, der wie gebannt nach Dora hinüberblickte.