schmerzlichen Empfindung, hervorgerufen durch manch' galantes Abenteuer, hatte er sich nach Einsamkeit gesehnt. Daß sie durch einen freundlich geselligen Verkehr nach Belieben unter» brachen werden konnte, war ihm doppelt angenehm.
Bernhard Wülpern war aber erfreut, durch einen angenehmen und intereflanten Gast seiner jungen Frau eine Zerstreuung zu bieten, nach der ihre Jugend und ihr Temperament verlangten.
Wenn Lieutenant von Mülverstedt dann nach einem in Doras Gesellschaft angenehm verbrachten Tage nach Hause ritt, empfand er jedesmal ein Gefühl der Vereinsamung und dachte mit Neid an Wülpern, der sich seines Glücke» kaum bewußt schien.
Denn nun, wo ihm Dora seit zwei Jahren angehörte und vollkommen befriedigt war, kam ihm seine Heirath keineswegs mehr als ein Wagniß vor. Im Gefühl der Sicherheit und in Verfolgung seiner geschäftlichen Pläne fing er sogar an, sie zuweilen ein wenig hintenan zu setzen.
„Ob dies holde, verführerische Weib wirklich das „Bild ohne Gnade" ist, das sie scheint?" frug sich Mülverstedt. „Oder ist sie ein schlafendes Dornröschen? Dann möchte ich wohl der Prinz sein, der sie zum Leben erweckt. O, es wäre himmlisch! Dem guten Narren, den sie ihren Gatten nennt, ist es nicht gelungen. Nein, bei Gott, ich bin kein Don Juan, bin es niemals gewesen, obgleich mich die Welt zuweilen als solchen bezeichnete. Ich werde künftig weniger nach Almenhausen reiten. Ueberdies ist mein Urlaub bald vorbei!"
Wirklich empfing Bernhard Wülprrn zwei Tage später einen Brief des Lieutenants, in welchem sich dieser für den ganzen Winter verabschiedete.
IV.
Als der Winter vergangen war, sand Dora, daß er nur so dahtngeflogen sei, obgleich er wenig Rückerinnerung hinterließ. Um den Wünschen des Gatten entgegenzukommen, suchte sie sich täglich mehr zu einer würdevollen, ihre Pflichten begreifenden Schloßherrin herauszubilden.
Weihnachten hatte sie Bescheerung bei sich gehalten und Ostern den Arbeiterkindern selbst kleine Geschenke als Ostereier im Garten versteckt.
So kam der Mai heran. Im aufsproffenden Grase
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MenStag den IS. Mai
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UnterlMungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Gesühnt?
Novelle von Zoö von Reuß.
(Fortsetzung.)
Man setzte sich und die Unterhaltung ward bald allgemein. Lieutenant von Mülverstedt galt für einen der schneidigsten und glänzendsten Offiziere des Regiments und ward innerhalb desselben sehr verwöhnt-
Der herausfordernde Verkehr mit einer koketten Hauptmannsfrau, die einen alten Mann geheirathet, hatte ihm schließlich ein Duell zugezogen, da» er sogar mit kurzer Festungshaft gebüßt hatte. Um über die Sache Gras wachsen zu lassen, hatte er eine Reise um die Erde gemacht. Kurz nachdem er zurückgekehrt, war ihm eine beträchtliche Erbschaft von einem Seitenverwandten zugefallen, gerade in dem Augenblick, als ihm die Mittel ausgingen und er deshalb durch seine ältere Schwester gedrängt wurde, sich durch eine reiche Partie zu retten.
Gegenwärtig schien er sehr befriedigt und sogar bestrebt, den Platz aurzufüllen, wohin eine Laune des Schicksals ihn gestellt hatte.
„Ich möchte Ihr Schüler werden, Herr Wülpern," sagte er im Laufe des Gesprächs. „Allenthalben im Umkreise von einigen Meilen vernehme ich Ihren Ruhm, schon damals, als ich das Glück genoß, mit der gnädigen Frau zu reisen! Es war meine erste und einzige Reise zu meinem Erbonkel — er wünschte mich zu sehen."
„Sie kamen und — siegten!" scherzte Wülpern.
„Auf Ihrem Besitz sind Landwirthschaft und Industrie verschwistert — die einzige Weise, durch welche die ältere Schwester ihr Leben fristet, fall» sie sich nicht zu bäuerlichem Betrieb entschließt. Und daß ich dazu keine Lust empfinde, brauche ich wohl kaum zu versichern."
Wülpern sprach kurz über die Gesichtspunkte, welche ihn leiteten, und gab hier und dort seine Meinung.
Lieutenant von Mülverstedt erzählte von seiner Weltreise und sah sich zum baldigen Wiederkommen eingeladen, als er nach zwei Stunden schied.
Und er kam wieder, oft und bald. In einer welt


