Ausgabe 
19.3.1896
 
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Sine Hallucination der Sinne gewesen, erregt durch die schwüle, von Weihrauchdüften erfüllte Atmosphäre der halb­dunklen Kirche ? Heiß kochte dar Blut in ihm auf, ein Wonne- schauer durchrieselte ihn.

Tiefer neigte er sich zu ihr herab, er glaubte, den schim- mernden Glanz ihres Haares unter dem Schleiergewebe hervor- leuchten zu sehen, den Duft desselben einzuathmsn. Wie Wahnsinn erfaßte es ihn. O, nur einmal feine Lippen auf dieses schöne Haupt drücken, nur einmal sie an sich Ziehen, ihr sagen: Auch ich liebe Dich, Dich allein, auch ich bin un- glücklich, wie Du es bist! Hatte er diese Worte gesprochen, hatten seine Lippen ihr Haar berührt? Er wußte es nicht; denn plötzlich zitterte ein Kanonenschlag durch die Luft, Alles schnellte von den Sitzen empor, auch Adeline, die nun hoch aufgerichtet neben ihm stand.

Die Jkonostasis (Bilderwand in den griechischen Kirchen, die im Altar das Allerheiiigste verdeckt) öffnete sich, der Erz­bischof trat mit einer brennenden Kerze, gefolgt von einer Schaar goldstarrender Priester, hervor.

Christos anesti!

Christ ist erstanden.

Und wie mit einem Zauberschlage hatten sich alle Kerzen in der Kirche entzündet, ein Lichtmeer wogte auf. Von dem Chor herab ertönte das Gloria, dazwischen donnerten die Böller, erklangen die Glocken hell durch die Nacht-

Christos anesti! Der Ruf pflanzte sich aus der Kirche fort bis zu dem draußen harrenden Volke. Noch ein eintöniges Gebet des Erzbischofs, dann kam die wogende Menschenmenge in Bewegung, und die Kirche fing sich an zu leeren.

Wieder fand sich, von den Andern getrennt, Adeline an Wolfs Seite. Ihre schlanke Gestalt schmiegte sich, wie Schutz suchend, an ihn an. Niemand im Gedränge, so glaubte er wenigstens, bemerkte, daß er sür einen Augenblick seinen Arm um sie legte, sie in aufwallender Leidenschaft an sich preßte. Und wieder kam es wie ein Hauch von ihren Lippen.

O, Wolf, diese Minute der Seligkeit wiegt ein ganzes Leben auf, voll Schmerz und Entsagung!"

Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust.

Ja, ein Leben voll Schmerz und Entsagung!" wiederholte er bitter.

Sie hatten die Schwelle der Kirchthür überschritten, ein wüstes Gelärm umgab sie. Aus jedem Hause knallten Schüsse, aus den Fenstern fielen krachend irdene Topfe nieder, zum Schimpf des Judas Jscharioth und als Symbol der ehema­ligen Steinigung der Juden. Auf den Straßen umarmte und küßte man sich zum Ostergruß, dann strömte Alles zu den Töpfen in den offenen Höfen, die unter der Last der Fleisch­gerichte fast brachen. .

Auch im Hotel erwartete die Heimkehrenden eine reich besetzte Tafel; Wolf erklärte sich aber zu müde und angegriffen, um an ihr Theil nehmen zu können, und zog sich, von Ilse begleitet, in sein Zimmer zurück.

XVII.

Ilse nimmt den Mantel nicht ab, sondern tritt hinaus auf den Balkon und schaut lange starren Buges auf das vom Mondlicht umstrahlte herrliche Panorama, das sie so oft ent­zückt hat. Wie von Silber übergossen ruht bas Meer, auf dessen wallenden Spiegel die klassischen Formen und Linien der Berge ihr zitterndes Bild werfen. Dis Schneegipfel von Epirus schimmern leuchtend herüber, Schaaren fröhlicher Menschen schreiten über den Platz. Alles ist glücklich und fröhlich. Nur in ihr sieht es dunkel und traurig aus wie noch nie. O, wäre sie blind gewesen in der Kirche, hätte sie nicht sehen müssen, was sie gesehen hat! Nicht einmal ge­achtet hat sie den geweihten Raum, die heilige Handlung! Und wenn sie auch einer anderen Glaubensgemeinschaft an­gehörten, als dieses naive Volk, das noch so sehr am Aeußeren hängt, so viel Heidnisches mit in den christlichen Gottesdienst herübergenommen hat, verehren sie nicht Alle denselben Gott, denselben Heiland? Und ist nicht jede Form ehrwürdig, in der Gott angebetet wird? Ilses fromme Seele hatte der fremd­

artigen Ceremonie ebenso andächtig beigewohnt, als sonst daheim in ihrem Kirchlein zu Hertheim dem Ostergottesdienste. Er aber, Wolf, der sonst so vornehme Mann, hatte sich in seiner Leidenschaft so weit vergessen, in ihrer Gegenwart in­mitten einer andächtigen Menge int feierlichen Augenblicke der Verkündigung der Auferstehung des Herrn seine Lippen in sündigem Verlangen auf das Haupt eines schönen, koketten Weibes zu pressen, das gleich ihm nichts achtete, nach nichts fragte, als nach Befriedigung der eigenen Wünsche und Be­gierden. Sie fühlt, sie ist an der Grenze ihrer Kraft an­gelangt. Weiter geht es nicht, sie muß ein Ende machen, ein rasches Ende, will sie nicht selbst zu Grunde gehen.

Mit festem Schritte wendet sie sich dem Zimmer wieder zu. Wolf hat eben noch einige Briefschaften geordnet und faßt nach der Glocke, um Georg herbeizurufen und sich zur Ruhe zu begeben. Aber ihre rasch hervorgestoßenen Worte: Bitte, gönne mir noch einen Augenblick," halten die schon gehobene Hand zurück.

Etwas erstaunt blickt er nach ihr hin; dem sonst auf ihr Aussehen wenig Achtenden fällt die Bläffe ihrer Wangen, das seltsame Feuer in ihren Augen auf.

Du wünschest?" fragt er und rückt ihr höflich einen Stuhl an seine Seite. Eine Ahnung steigt in ihm auf, daß sie in der Kirche irgend etwas bemerkt habe und er ist sofort entschlossen, nichts zu leugnen

Noch pulstrt das Blut in Erinnerung an die letztdurch­lebte Stunde wild in seinen Adern und nimmt ihm etwas von seiner sonstigen vornehm-ruhigen Haltung.

Einen Augenblick athmet sie heftig auf, dann beginnt sie, den Blick fest auf sein Antlitz heftend:Es ist der Moment gekommen, in dem es klar zwischen uns werden muß, Wolf!"

Er sieht sie befremdet an.

Ich verstehe Dich nicht."

Du wirst mich verstehen," fährt sie fort und kann es nun doch nicht verhindern, daß ihre Lippe nervös zu zittern beginnt,wenn ich jetzt dis Bitte an Dich richte, mich morgen mit dem Lloyddampfer allein abreisen und nach der Heimath zurückkehren zu laffen."

Er erschrickt sichtlich, verfärbt sich.

Warum diese Umwege," fährt er ungeduldig auf.Sage es lieber gleich, Du hast mir Miß Graham wegen Vorwürfe zu machen und ich gestehe Dir, ich habe sie verdient."

Du liebst sie -"

Wie traurig und doch wie überzeugt zugleich sie das sagt.

Unruhig rückt er auf seinem Stuhle hin und her. Soll er hier vielleicht die Rolle eines Angeklagten spielen, der vor seinem Richter steht? Nein, dazu wird er sich nimmermehr hergeben.

Weshalbsoll ich es leugnen?" entgegnete er daher, ohne die Augen niederzuschlagen.Ja, ich liebe Miß Graham, liebte sie, ehe ich Dich gesehen hatte."

Dann thatest Du ein Unrecht daran, mit dieser Liebe im Herzen mich zu heirathen "

Du weißt, unter welchen Umständen das geschah. Ich habe, als ich um Dich warb, nicht von Liebe gesprochen."

Aber von Zuneigung und Achtung."

Die ich Dir gegenüber auch niemals aus den Augen gesetzt zu haben glaube."

Ich meine doch," erwidert sie leise, sich von ihm ab« wendend.Es gab heut' einen Moment, in dem ich mich Deiner geschämt habe."

Wie von einem Dolchstoß getroffln, fährt er hoch empor. Nur mühsam vermag er die ausbrechende Heftigkeit zu zügeln; aber in seinem Auge blitzt etwas Kaltes, Feindseliges auf, das ihr fremd an ihm ist.

Mache es kurz," kommt es zornig bebend von seinen Lippen,und wenn es Dir möglich ist, suche Beleidigungen meiner Person später zu vermeiden. Was verlangst Du von mir?"

Auch sie ist aufgestanden und begegnet seinem Blick ohne jegliches Zagen.