Ausgabe 
19.3.1896
 
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Der Professor schüttelte den Kopf.

Nein, nein, das kann nicht sein. Die Baronin ist ein Juwel, eine ganz seltene Frau, die muß jeden Mann glücklich machen. Und wie sie ihn gepflegt hat in seiner Krankheit mit so stiller, geduldiger Treue und Hingebung I Wir Alle hier im Hotel haben sie bewundert."

Sie ist gelernte Krankenpflegerin," warf Mrs. Graham mit etwas hochmüthigem Achselzucken ein,da ist es kein Wunder, wenn sie das Pflegen gut versteht."

Ja, sie erzählte mir davon; aber dennoch, meine Gnädigste, das Verstehen der Pflege macht'» nicht allein, be­sonders nicht bei dem Baron. So für einen Kranken körper­lich und geistig zugleich zu sorgen, das kann nur die Liebe, wie die Baronin sie für ihren Gatten hegt."

Und doch," meinte Adelins, den hübschen Kopf schüttelnd, kann es auch die hingebendste Liebe unbefriedigt lasten, wenn die eigentliche Sympathie der Seelen fehlt."

Glauben Sie? Nun ja, ich gestehe, daß mir auch schon manchmal der Zweifel gekommen ist, ob der Baron wirklich seine Frau so liebt, wie sie es jedenfalls verdient. Aber ich bin überzeugt, was nicht ist, kann noch werden. An ihrer Seite muß ja der hartgesottenste Egoist und Weltverächter zum Glauben an das Gute, zur fröhlichen Erfastung des Lebens bekehrt werden. Und für gar so hartgesotten halte ich den Baron durchaus nicht."

Was sagst Du nun, Adelins?" brach Mrs. Graham mit kurzem Auflachen aus, sobald der Professor sich verab­schiedet hatte-Mit einem solchen Juwel von Frau, wie der deutsche Professor die junge Baronin eben bezeichnete, scheint es mir doch geboten, den Kampf aufzugeben. Laß un» so rasch wie möglich fort aus Corfu, das doch im Grunde, wenn man die Hauptfehenswürdigkeiten kennen gelernt hat, sehr wenig bietet. Da lobe ich mir doch mein Rom, wo Du auch am besten von Deiner bizarren Vorliebe für diesen Baron curirt werden wirst."

Adeline hatte gelassen der Rede der Mutter zugehört. Nun hob sie mit einer leicht abweisenden Miene den Kopf-

Du irrst, Mama, wenn Du mich so rasch für geschlagen hältst. Gerade weil man diese Frau für ein Juwel hält, sie als solches preist, fühle ich den Reiz des Kampfes um so lebhafter und es würde mir nichts mehr Vergnügen machen, als gerade den Gatten dieser bleichen Heiligen besiegt zu meinen Füßen zu sehen."

Thorheit. Er ist immerhin noch ein Kranker," warf Mrs. Graham unmuthig ein,und ich begreife nicht, daß Du Deine Jugend an einen Greis fesseln willst, wo Dir von anderer Seite eine so glänzende Zukunft geboten wird."

Bah, Du meinst den Russen, Mama, nun, mag er immerhin noch ein wenig schmachten. Ob ich Wolf von Men­zelen heirathe, darüber, Mama, kann ich mich heute noch nicht entscheiden. Aber seine Liebe, seine Anbetung, die will ich und werde ich mir erobern; denn ich gestehe es Dir, Mama, noch nie Habs ich sür einen Mann gefühlt, was ich für diesen fühle. Und sollte mir wirklich eine Zukunft an jenes Barbarenfürsten Seite blühen, wie Du es so lebhaft wünschest, so will ich wenigstens, und wäre es nur für eine Stunde, die Seligkeit wahrer Liebe genossen haben."

Um einer Stunde willen solltest Du den Frieden diesrr Leute nicht stören. Das geht zu weit."

Habe ich mich denn schon entschieden, ob es für eine Stunde, ob es sür's Leben sein wird?" entgegnete sie mit einem hochmüthigen Zurückwerfen des Kopfes.Er kam, sah und siegte I Bitte, liebe Mutter, in diesem Punkte laß mich ganz allein mein Schicksal entscheiden. Und um offen zu sein, Fürst Naradin ist mir in der Seele zuwider. Nur der Zwang der Nothwendigkeit könnte mich bestimmen, ihm meine Hand zu reichen."

Dieser Zwang der Nothwendigkeit wird aber in wenigen Wochen eintreten- Die vom Onkel noch einmal, zum letzten Mal gewährten Mittel gehen zu Ende; dann heißt es, ent­weder hier festen Boden fassen oder nach New-York zurück- kehren"

Nach New-York in die Abhängigkeit des Onkels kehre ch nie zurück, darauf gebe ich Dir mein Wort. Bist Du damit zufrieden?"

Ich muß wohll Eigensinnige Kinder wollen ihren Willen haben; doch ich sehe, wie Alles kommen wird. Der Fürst wird doch schließlich Dein Gatte werden."

Wenn Dich das tröstet, nimm es an, ich sage nichts und verspreche nichts."

Der Fremdenführer meldete sich, den Damen einige Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Dis Straßen und Plätze waren dicht belebt, dasselbe bunte Treiben entwickelte sich dort wie am Abend vorher.

Ueberall in den offenen Höfen sah man Tafeln Herrichten, an denen die Gläubigen gleich nach der Verkündung der Auf­erstehung um Mitternacht sich für die langen Fasten zu ent­schädigen dachten. Osterlämmer, an den Hausthüren an­gebunden, warteten kläglich blöckend ihres Geschickes, zu dem kräftige Burschen, die weiten Aermel ihres weißen Hemdes zurückgeschlagen, bereits die Messer wetzten.

Das Gewühl und Gedränge nahm zu, als dis Nacht herannahte und Alles nach den Kirchen drängte, sich einen guten Platz zu sichern.

Nur widerwillig schloß sich Wolf dem Gange nach San Spiridion an; aber er fand keinen unauffälligen Grund, um zurückbleiben zu können. Adelinens Nähe übte einen beängsti­genden Einfluß auf ihn. Er fand sie schöner als je. Die sanfte Bitte, die stets auf ihrem Antlitz lag, sobald sie sich ihm zuwandte, verlieh ihr noch einen besonderen Reiz. Ein Schauer ging durch seine Glieder, so oft er nur in ihre Nähe kam. Und nun lange Stunden neben ihr weilen zu müssen, welche unsägliche Qual!

Die Cathedrale war, al« sie eintraten, bereits Kopf an Kopf gefüllt. Ein geheimnißvolles Dunkel, nur von dem Scheine einer Oellampe am Eingangs durchbrochen, erfüllte den weiten Raum. Mit leisem Gemurmel, dis Osterkerzen noch unangszündst in den Händen, schob man sich langsam vorwärts.

Der Professor hatte durch Geld und gute Worte auf der Galerie für sich und seine Gesellschaft einen Platz gesichert, von dem die ganze Kirche zu übersehen war, eine schmale Bank dicht an die Brüstung gerückt sür die Damen, die Herren mußten zur Seite stehen.

Wolf wußte nicht, wie es kam, baß er neben Adelins seinen Platz gefunden hatte. Halb mit Pein, halb mit Lust fühlte er ihren warmen Körper dicht neben dem seinen. Der Professor an der anderen Seite der Bank erzählte, leise flüsternd, die Legende von dem heiligen Spiridion, dem Schutz­patron Corfu«, dessen Gebeine, hier im Altarraume in einem kostbaren vergoldeten Sarge aufbewahrt, zuweilen in feierlicher Proeesston zu Bitt- und Dankgebeten durch die Stadt ge­tragen würden.

Da faßte eine weiche warme Hand die auf die Lehne der Bank sich stützende Wolfs und wie ein Hauch tönte es zu ihm herauf:Verzeihung, Wolf! Ich bin nicht so schuldig, als Sie glauben. Ich spielte nicht mit Ihnen, «ein, ich habe Sie geliebt, seitdem ich Sie zum ersten Mal gesehen. Aber ich hatte mein Wort bereits verpfändet und man zwang mich, öffentlich mich dazu zu bekennen. Wenn ich Axel je geliebt, so schwand diese Liebe dahin, als ich erfuhr, daß er beinahe zu Ihrem Mörder geworden war. Da schrie etwa« in mir auf gegen ihn, ich fühlte, daß ich nie die Frau eines Mannes werden konnte, der die Waffe gegen Sie erhoben und ich zer­riß die Ketten, die mich fesselten, um mir zum mindesten die Freiheit zu gewinnen, Sie, wenn Gott es gefiele, von der Erde Sie abzurufen, ohne Scheu wie eine Wittwe beweinen zu dürfen. Und Sie? O Wolf, ich weiß es, wir sind getrennt für immer, die Mauer, die Sie zwischen uns aufgerichtet, ist nicht mehr nisderzureißen. Aber Eins dürfen Sie mir nicht versagen: Ihre Achtung! Darum, darum kam ich hierher, weit ich Sie hier wußte; denn ich kann nicht leben mit dem Bewußtsein, von Ihnen mißachtet, verkannt zu werden."

Hatte sie wirklich diese Worte gesprochen oder war es