Ausgabe 
18.8.1896
 
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Menschen erkannt hatte, erhob sich dieser, bezahlte seine Zeche und verließ das Gasthaus. 3tadj einiger Zeit rief Brett­schneider den Wirth heran und fragte ihn, ob er nicht wisse, wer der Gast sei.

Ich kenne ihn nicht," erklärte der Wirth,er ist heut zum dritten Male hier, kam aber bisher nie Abends, sondern immer nur am Tage. Er sagte mir, er habe einen weiten Weg. Ich vermuthe, er wohnt gar nicht hier in Ernstdorf, sondern in der Nähe in irgend einem Gorallendorfe."

Die Goralen sind Slowaken, die ächten Rastelbinder und Mausefallenhändler, die mit ihrem Kram von Draht- waaren in der ganzen Welt herumziehen und die in den Karpathen und ihren Vorbergen zu Hause sind.

Es ist ein armes Volk, das in elenden Dörfern wohnt; der Fremdenverkehr in jener Gegend hat aber Geld gebracht und einzelne Dörfer fangen an sich zu cultiviren und weisen schon massive Häuser auf.

Reisende, denen daran liegt, billig zu leben und sich ganz von allen sonstigen Gewohnheiten lorzulösen, nehmen wohl Privatquartier in den besseren Häusern der Gorallen, und wenn auch die Wirthschaft ein wenig lüderlich und un­reinlich ist, so entschädigt dafür wieder die Liebenswürdigkeit und Biederkeit der Bewohner, die einen wirklich kindlichen Character haben.

Daß sich Brettschneider für denfalschen Brinkmann" interesstrte, war selbstverständlich. Er konnte ihn hier tm Auslande in Oesterreich-Ungarn nicht wegen der Breslauer Affaire zur Rechenschaft ziehen; aber es lag ihm doch viel daran, wer der Mann war, der ihn belogen und in Unge­legenheiten wegen seiner Gutmüthigkeit gebracht hatte. Den Wirth konnte Brettschneider nicht ohne Weiteres zu seinem Vertrauten machen; er mußte es dem Zufall überlassen, etwas über den Fremden zu erfahren. Da man in Verhältnis mäßig kleinem Kreise lebte, war die Wahrscheinlichkeit ja nicht ausgeschlossen, daß Brettschneider jenem Menschen bald wieder begegnete.---------------

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Einige Tage später unternahm der junge Privatdocent einen auf mehrere Tage berechneten Botanistrausflug in die Berge.

Am zweiten T age landete er hoch oben in den Bergen in einem Gorallendorfe. Er war von der Hitze sehr erschöpft und trat in ein ziemlich sauber aussehendes Haus, um sich hier gegen Bezahlung ein Glas Ziegenmilch auszubitten. Die Gorallenfrau verstand nicht, was er wollte, da sie kein Deutsch konnte; sie rief aber aus dem Inneren des Hauses einen alten Mann herbei, der ein gebrochenes Deutsch sprach und den Dolmetscher machte. Brettschneider erhielt gegen wenige Kreuzer ein Glas leichten Ungarwein, gutes Brot, Butter und Ziegenkäse, sogenannteBrinse", und hielt ein fürstliches Mahl. Den Alten machte er sich durch die Spende von einigen Cigarren sehr geneigt, sodaß er während des Essens mit ihm eine sehr angenehme Unterhaltung machte. Der Goralle war jahrelang in Deutschland herumgezogen, hatte länger als zehn Jahre in einem Berliner Vororte sich aufgehalten, und wem er auch nicht ganz richtig und gewandt die deutsche Sprache redete, konnte man sich mit ihm ganz gut verständigen. Er war sehr redselig und kramte gern, wie alle alten Leute, Erinnerungen an seine Reisen in Deutschland aus.

Während Brettschneider ihm zuhörte und tapfer schmauste, sah er plötzlich den Pseudo-Brinkmann ziemlich dicht am Hause vorübergehen. Das erregte seine Aufmerksamkeit derartig, daß er unwillkürlich ausstand nnd an das Fenster trat. Er sah den Pseudo - Brinkmann auch in ein Nachbarhaus auf der anderen Seite der unregelmäßigen Dorfgasse treten.

Ihr habt hier fremde Sommergäste im Dorfe?" fragte er den Gorallen.

Jsse Herr von Wien, sehr reiches Herr mit viele Geld. Hat kranke Schwester, war trinkt hier Thee von Blumen

au» Karpathen. Arme« Freliczka*) sehr krank. Kann «ich mehr gehen urtntlich. Muß werden gesühren."

, "So, so!" sagte Brettschneider.Sind die Leute schon lange hier?"

Schon von zwei Monat. Aber Freliczka immer krank. Und geht fremder Herr immer selber in Berge, holt Pflanzen, kocht Thee. Jsse sehr kluges Herr, isse berühmte Letschnik**), wie sagt man doch in deitsche Sprache zu Mann, war giebt zu trinken Kranke, daß wieder werden gesund?"

Ihr meint wohl einen Arzt?"

Serr gut, serr gut, mein ich ein Arzt. Jsse Herr sehr berühmtes Arzt. Aber gegen Krankheit kann er nicht helfen."

Ist die Schwester noch jung?"

Sehr lieber, junger Mädchen, vielleicht von zwanzig Jahre oder etwas mehr, aber krank, sehr krank."

Das thut mir sehr leidl Wie heißen denn die Leute?"

Heißen auf Name?"

Ja, wie ihr Name ist."

Haben sie Name ungarisches, sehr schwere», aber fällt mir jetzt ein: Kecskemet. Er heißen Laszle (Ladislaus), Schwester heißen Flora."

So, so! Und wie heißt bas Dorf hier?"

Heißes Ladna."

Eine halbe Stunde später verließ Brettschneiter wieder da» Gorallendorf Ladna und trat seinen Rückweg nach Ernstdorf an.

Er freute sich über den merkwürdigen Zufall, der ihn in den Ort gebracht hatte, in welchem die Persönlichkeit, für die er sich interesstrte, in solcher Abgeschlossenheit wohnte.

Also Kecskemet hieß der Fremde.

Es fiel Brettschneider plötzlich ei«, daß Kecskemet der Name einer ungarischen Stadt sei. Wahrscheinlich führte jener sonderbare Mann auch hier einen falschen Namen, ebenso wie er sich in Breslau fälschlich Brinkmann genannt hatte. Das war ja ein ganz geheimnißvoller Bursche, der sich unter falschen Namen in der Welt Herumtrieb und sich in der Einsamkeit eine« Gorallendorfes begrub. Was machte der Mann hier, wenn er so reich war, wie der Goralle er­zählte? Er suchte heilsame Kräuter für seine kranke Schwester und bereitete daraus Thee.

Brettschneider blieb plötzlich auf der Straße stehen, al» wäre etwas ganz Unerwartetes vor ihm aufgetaucht.

Hatte der Mann damals nicht im botanischen Garten zu Breslau eine sehr gefährliche Giftpflanze ausgerissen, um sie mit sich zu nehmen?

Er hatte zwar getha«, als wisse er nicht, daß es eine sehr giftige Pflanze sei, aber dieser Mensch log und betrog.

Er wurde Brettschneider plötzlich ganz unheimlich, er kam sich vor, wie ein Criminalbeamter, der plötzlich ein sehr ae- fährliches Verbrechen entdeckt hat.

Am Abend kam Brettschneider sehr ermüdet in Poprad an und ging im Gasthofe zeitig zur Ruhe.

III.

Am nächsten Morgen in früher Stunde brach Brett- chneider wieder von Poprad auf, um Ernstdorf noch vor Abend zu erreichen. Er trug ziemlich schwer an den noth- dürftig präparirten Pflanzen und mußte sich beeilen, nach Hause zu kommen, damit die Pflanzen, die nur provisorisch verpackt waren, ordentlich bearbeitet werden konnten.

Gegen Mittag machte er Halt in einem ungarischen Dorfe. Während er sich mit frugalem Mahl in der Schenke stärkte und mit Behagen das scharf papricirte Gulvasfleisch , das man ihm vorsetzte, trat eine Gendarmenpatrouille in die Schenke, tum hier ebenfalls Rast zu machen. E« waren drei prächtige Gestalten die beiden Gendarmen und hr Postenführer. Ihre Uniformen, bestehend au» grünen Waffenröcken nach preußischem Schnitt mit rothen Aufschlägen und Kragen, vor Allem aber ihre runden Hüte mit den an

*) Fräulein. **) Arzt.