Ausgabe 
18.8.1896
 
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Carriöre. Ich will Ihnen auch bei Allem, was mir heilig ist, bei meinem Ehrenwort schwören, mich nie wieder an Pflanzen de» botanischen Gartens zu vergreifen. Die Pflanze sah so verlockend, so eigenthümltch au», daß ich in einem Augenblick der Unzurechnungsfähigkeit mich an ihr vergriff."

Dr. Brettschneider dachte einen Augenblick nach. Er konnte den Mann, der fich an den Pflanzen vergriffen hatte, nicht ohne Weiteres laufen taffen; aber er that ihm leid. Der Mann war königlicher Beamter, und durch eine Anzeige wurde wahrscheinlich seine Stellung vernichtet. Da» hohe Interesse, das Brinkmann für Botanik hatte, machte ihn auch bei Dr. Brettschneider, der selbst ein eifriger Botaniker war und als Privatdocent der Botanik an der Universttät functionirte, recht sympathisch.

Er erklärte daher:

Mein Herr, ich kann keine Entscheidung treffen, denn da» ist lediglich Sache des Herrn Dtrector». Dieser ist augenblicklich nicht da. Aber ich glaube Ihren Verstcherungen und werde die Sache in möglichst mildem Lichte dem Herrn Direetor darstellen, muß Sie aber um Ihre Adresse bitten, damit eventuell an Sie geschrieben werden kann. Ich hoffe, Sie werden mit einer Verwarnung davonkommen. Ich glaube Ihnen jetzt schon versprechen zu können, daß die Polizei fich in die Sache nicht einmischen muß. Wenn der Herr Dtrector e» verfügt, müssen Sie allerdings eventuell für den Schaden­ersatz aufkommen, und dürfte dieser doch 5 bis 6 Mark betragen."

Ich will den Schaden selbstverständlich recht gern tragen," erklärte Brinkmann,wenn es sein muß, auch noch irgend ein Strafgeld für die Armenkasse zahlen, nur bitte ich Sie, mich nicht weiter zu denunciren, da Sie mich unglücklich machen würben. Ich habe eine alte Mutter, deren Tod e» sein würde, wenn ich wegen einer solchen Handlung mit Schimpf und Schande aus dem Dienst gejagt würde."

Ich verspreche Ihnen nochmal», Herr Brinkmann, möglichste Milde gegen Sie walten zu lassen und dem Herrn Dircetor die Sache in Ihrem Interesse recht harmlos darzu­stellen; aber bitte, schreiben Sie mir Ihre Adresse auf."

Brinkmann riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb darauf:

R. Brinkmann, Regierungsbeamter, Taschenstraße 48."

Ts ist gut," sagte Dr. Brettschneider,ich muß Sie natürlich nun ersuchen, alle weiteren Beraubungen de» Botanischen Gartens zu lassen und kann Sie verstchern, daß unsere Gärtner Eie bei einem etwaigen weiteren Besuch des Gartens besonders scharf beobachten würden."

Ich werde, um mich nicht in Versuchung zu bringen, gar nicht mehr den Botanischen Garten besuchen," erklärte Brinkmann,wenn ich mich dadurch vielleicht auch um das Höchsts Vergnügen meines Lebens bringe. Ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank, Herr Doctor. Möge Ihnen der Himmel Ihre Güte vergelten I"

Brettschnstder befahl den Gärtnern und Aufsehern, den Herrn, der seine Adresse angegeben habe, unbehindert hinaus­gehen zu lassen, und Brinkmann entfernte fich unter höflichem Gruße.

Da die Verhaftung Brinkmanns in den Tagesrapport des Castellan» geschrieben wurde und so zur Kenntniß des Direetors kam, war Brettschneider gezwungen, von der An­gelegenheit seinem Vorgesetzten Mittheilung zu machen.

Der Director war geneigt, die Sache auch milde aufzu­fassen und aus eine gesetzliche Verfolgung Brinkmanns zu verzichten. Aber er glaubte doch, daß eine Strafe einem gebildeten Mann gegenüber am Platze sei, der fich nicht ent» blöde, sich an den Beständen des Botanischen Garten» zu vergreifen. Er schrieb daher selbst einen Brief an Brink­mann, in dem er ihn aufforderte, zur Sühne eine Summe von 20 Mark an die Unterstützungskasse der Arbeiter des Botanischen Gartens zu zahlen.

Dieser Brief kam am nächsten Tage als unbestellbar zurück. Es wohnte in dem Haufe Taschenstraße 48 kein Regierungsbeamter Brinkmann. Ein solcher war nach den

polizeilichen Angaben Überhaupt nicht in Breslau gemeldet und aufzufinden.

Der Director ließ Dr. Brettschneider kommen und zeigte ihm die postalischen Vermerke auf dem zurückgekommenen Brief.

Brettschneider machte darauf ein sehr erstauntes Gesicht, und der Director konnte nicht umhin, ihm zu bemerken:

Sie waren sehr unvorsichtig und haben sich von dem Mann belügen und betrügen lassen. Haben Sie ihm denn irgend eine Legitimation abgefordert?"

Nein!" erklärte Brettschneider;er machte einen so glaubwürdigen Eindruck auf mich, daß ich ohne Weiteres annahm, der Mann werde mich nicht belügen."

Sie sehen, er hat es doch gethan, Herr Doctor. Lassen Sie sich das eine Warnung sein und glauben Sie nicht ohne Weiteres bloßen Versicherungen. Sin Mann, der sich an den Beständen des Botanischen Gartens vergreift, ist an und für sich ein Lump, wie Sie hierdurch sehen, und wer stiehlt, der lügt auch selbstverständlich."------------ _

II.

Am Fuße der Karpathen auf österreichischem Gebiet, aber dicht an der schlesischen Grenze, liegt da» liebliche Ernst» dorf. Es hat eine schwache Soolquelle, vor Allem aber eine geschützte Lage am Fuße des Gebirges, ist im Sommer kühl, hat eine außerordentlich reine Luft und wird deshalb von Sommerfrischlern, Badegästen aus Oesterreich-Schlesien und Galizien, vor Allem aus der Provinz Schlesien sehr stark besucht.

Von Breslau führt eine Fahrt durch bett interessanten oberschlestschen Jndustriebezirk und über die Grenzstation Dpieditz nach Ernstdorf.

Auch der Privatdocent Dr. Brettschneider verbrachte seine Ferien in Einstdorf, allerdings nicht nur in der Absicht, seine Gesundheit zu stärken, sondern um von da aus botanische Excursionen in die Vorberge der Karpathen vorzu- nehmen, damit er sich mit der hochinteressanten Flora der Vorkarpathen vertraut mache. Dr. Brettschneider war ein strebsamer junger Botaniker, dem nicht nur daran lag, eine Professur zur erlangen, sondern der auch den Drang hatte, auf wissenschaftlichem Gebiet etwa» zu leisten. Auch der Zwang Geld, zu verdienen, veranlaßte ihn zur Herausgabe botanischer Werke. Al- Privatdocent empfing er keinen Ge­halt, und die Stelle als Assistent am Botanischen Garten war sehr schlecht dotirt und betrug kaum das Einkommen eines Arbeiters. Dr. Brettschneider hatte sie angenommen, um wenigsten» ein festes Einkommen zu haben; denn feine Liebe zur Botanik und zur exacteu Naturwissenschaft waren bedeutender gewesen als die Mittel, über die er verfügte, und nachdem er unter ziemlichen Schwierigkeiten seine Uni- versitätsstudien absolvirt und da« Doctorexamen gemacht hatte, mußte er ernstlich daran denken, fich Einnahmen zu ver­schaffen, wollte er nicht in Roth und Schulden gerathen.

In solchen kleinen Badeorten schließt man sich leicht aneinander an. Es bilden sich gewöhnlich große Gruppen, die ziemlich fest zusammenhalten und deren Mitglieder unter­einander recht angenehm verkehren. Die Gesellschastrgruppe, welcher Dr. Bretlschneider angehötte, kam jeden Abend in einem der einfachen Gasthäuser zu einem gemächlichen Schoppen zusammen. Man trank einige Glas von dem billigen und schönen Ungarwein und ging dann sehr solide nach Hause, um ordentlich auszuschlafen.

Als Bretlschneider eines Abends mit seiner Gesellschaft in dem Gasthause saß, entdeckte er an einem der Nebentische einen Unbekannten, der sehr eifrig die Wiener Zeitungen la». An diesem Unbekannten fiel Brettschneider irgend etwas auf, das ihn veranlaßte ihn immer wieder zu betrachten. Brett­schneider wußte selbst nicht, was das sei, wie ein Blitz aber kam ihm plötzlich die Erkenntniß: dieser Mann da ist ja Brinkmann oder wenigsten» der unverschämte Mensch, der sich bei dem Diebstahl im Breslauer Botanischen Garten diesen Namen beigelegt hat.

Gerade al» Brettschneider so weit war, daß er den