Ausgabe 
18.7.1896
 
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Die Beherrscher der Sahara.

Das ungeheure Gebiet, welches sich unter dem Namen der Sahara von den südlichsten Ausläufern des Atlasgebiraes im Norden bis zum Nigerstrome im Süden und bis zu den egyp- tischen Oasen im Osten erstreckt, wird von einer Menge Völker­schaften bewohnt, deren Gebiet indessen nirgends scharf gegen- seitig abgegrenzt ist. Daher kommt es denn, daß die Sahara- völker fast stetig im Kampf untereinander leben, da die An­gehörigen der einzelnen Völkerstämme bet ihren oft weit ausgedehnten Stretfzügen häufig in das Territorium eines anderen Stammes gerathen, woraus sich meist erbitterte Kämpfe zwischen beiden Parteien zu entspinnen pflegen. Kein Volk der Sahara aber dehnt seine Expeditionen soweit aus und betreibt sie mit solchem Nachdruck, wie die Tuareg, so daß

Knabe mit abgezehrtem Gesicht und rothen Augen über einen alten Talmud gebeugt, in dem er bei dem schwachen Licht einer dünnen Kerze las.

Ein hübsches Judenmädchen, welches durch das Zimmer ging, bot dem jungen Manne mit herausfordernder Miene ein Glas Branntwein an, das er aber verdrießlich zurückwies. » Sie vielleicht den Agenten Schwabe, Herr

Janek? fragte ihn darauf ein alter Jude, der unterwürsia grüßend herankam. d

Hans zuckte mit den Achseln, ohne zu antworten.

Er litt furchtbar in diesem Augenblick. Eine entsetzliche Unentschiedenheit hatte ihn nochmals erfaßt; mußte er sein Vaterland, seine Zukunft aufgeben für ein unsicheres, unbekann­tes Geschick? Und dann wieder brachte ihn der Gedanke zur Verzweiflung, daß Binia die Frau eines Anderen werden, in einem vielleicht nicht ferngelegenen Pfarrhause wohnen würde und er so gezwungen sein sollte, sie jedesmal zu sehen, wenn sie ihre Eltern besuchte. Die Qual, die er ausgestanden hatte, als er sie an der Seite des Seminaristen erblickte, hatte ihm genugsam die Augen über den Zustand seiner Seele geöffnet.

Er hatte das Wirthrhaus verlassen und schritt jetzt am Waldessaume hin und her. Es war ein heiterer Abend. Unter den Bäumen tanzten grüne, glänzende Leuchtkäferchen wie ein Sternenregen auf und nieder.

Heimkehrende Bauern, welche auf der Landstraße vorüber­gingen und jedenfalls von der Hochzeit kamen, erzählten sich gegenseitig mit bewundernden Worten von der Pracht des Festes. Welcher Luxus, was für ein Essen und dann der BallI O, da ging es lustig zu!

Und gleich malte sich Janeks Phantasie den festlich ge- schmückten Saal des Pfarrhauses aus und Binia im schönsten Putz, wie sie sich in den Armen des Seminaristen im Tanze drehte. Bei dieser Vorstellung zerriß ihm eine entsetzliche Eifersucht das Herz.

Er hatte sich auf einen umgestürzten Baumstamm gesetzt und das Haupt in die Hände gestützt; so überließ er sich seinen bitteren Gedanken.

Plötzlich fing Komar an zu bellen und mit dem Schwänze zu wedeln. Hans hob schnell den Kopf und bemerkte eine weibliche Gestalt von jugendlichem Aussehen und seltsamem Gebühren.

Sofort war er auf den Füßen und als er sich ihr näherte, entrang sich ein erstickter Schrei seiner Brust:Binia, Sie sind es!"

Sie hatte ihn auch beim Lichts des Mondes erkannt.

Hans, ach Hans!" rief sie und sank mit ausgebreiteten Armen wie außer sich an feine Brust.

Binia, mein Gott, ist es möglich?" stotterte er, indem er das zierliche Geschöpf leidenschaftlich umfing, das er sich noch vor wenigen Minuten inmitten des Tanzes vorgestellt hatte.

Sanft zog er sie zu dem Baumstamm, nöthigte sie, sich neben ihn zu setzen und versuchte sie aurzufragen.

Da bemerkte er erst ihre Thränen und ihre verstörte Miene.

Was haben Sie, Binia? Was ist vorgefallen? Um Himmelswillen, sprechen Sie, schnell!"

Sie sah mit irren Blicken um sich.

Ach, Hans, führen Sie mich fort," murmelte sie fast unhörbar,nehmen Sie mich mit nach Amerika! Ich will nicht mehr in's Pfarrhaus zurück, ich will den Seminaristen nicht heirathen."

Er betrachtete sie ganz entzückt. Was sagte sie, die Holdselige, Theure? Sie liebte ihn also, ihn, Hans, da sie ihm bis an's Ende der Welt folgen wollte! Und das entsetz­liche Schreckgespenst ihrer Heirath mit Piesek existtrte nicht mehr!

O, Binia, wenn er nur ein Traum ist, so wäre e« besser, nimmer zu erwachen. Sprich, meine Theure, einzig Geliebte, sag', daß es wahr ist, daß Du Deinen Hans liebst I"

Ohne zu antworten, barg sie ihr Gesicht an seiner

Schulter, aber in dem leidenschaftlichen Blick, den sie auf ihn richtete, las er, daß sie ihn liebte von ganzer Seele-

Im Innersten bewegt, drückte er dar süße Geschöpf an die Brust, Binia, die für ihn verloren schien und die nun die ©einige war.

Sage mir Alles, Geliebte," flehte er.

Da wagte sie zum ersten Male die Augen zu erheben und erzählte ihm, was geschehen war.

Während sie sprach, mußte Janek mit geballten Fäusten Sn sich halten, um nicht auf der Stelle hinzugehen und die grausamen, rohen Menschen zu züchtigen, welche dieser bis zur Selbstaufopferung gehorsame Kind zu einem derartigen Wider­stand gereizt hatten.

Dann, nachdem sie fertig war, nahm er ihre beiden Hände, sah ihr tief in die Augen und fragte sie leise:Binia, sag' mir, seit wann Du mich liebst?"

Seit wann? Von jeher, so schien er ihr.

O nein," flüsterte er,ich war so hart, erinnerst Du Dich?"

Sie sah ihn mit ihren großen, zärtlichen Augen an. Ich weiß es nicht mehr," sagte sie.

Und wenn Du mich jeden Sonntag in die Kirche kommen sahst," fuhr Hans fort,hast Du da nicht geahnt, daß es um Deinetwillen geschah?"

O ja, ein bischen," antwortete sie erröthend.

Und dennoch hast Du, als ich Dir gestern in der Capelle Lebewohl sagte, geglaubt, daß ich nicht mehr an Dich dächte?"

Ich bin so wenig Haran gewöhnt, geliebt zu werden," sagte sie schüchtern,erst als ich heute Morgen zufällig von dem Anträge des Herrn Thaddäus hörte, habe ich Alles be­griffen."

Jetzt, da sie einander sicher waren, gefielen sie sich darin, sich die vergangenen Mißverständniffe und Qualen in» Ge- dächtniß zurückzurufen.

Dann flüsterte sie leise, dicht an seinem Ohr:Du nimmst mich mit nach Amerika?"

Er sah sie einen Augenblick gerührt an.

Ja, wirklich, sie wollte ihm dort hinüber folgen. Aber war das ausführbar, konnte er ihr die Verbannung in ein fremdes, vielleicht ungesundes Land zumuthen? Wäre es nicht möglich, jetzt, da sie Beide einig waren, in der Heimath zu bleiben?

Sie folgte ängstlich der Wandlung in feinen Zügen.

SDu willst nicht," sagte sie,Du bringst mich zurück in's Pfarrhaus, mein Gott, mein Gott!"

Binia, meine Geliebte, beruhige Dich. Ich gestehe es, ich fürchte ein so großes Unternehmen für Dich und suche nach einem anderen Ausweg, wie wir für immer vereinigt werden können. Meinst Du nicht, daß Herr Thaddäus uns am besten einen Rath geben kann? Indessen bringe ich Dich zu meiner Mutter, willst Du?"

Sie schloß die Augen zum Zeichen der Zustimmung und sagte mit gefalteten Händen:Ich thue, was Du willst."

(Fortsetzung folgt.)