Ausgabe 
18.7.1896
 
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1896,

Nr. 83.

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UnterhaltungsbiaU juut Gkrßrner Anzeiger (General Anzeiger).

Die Töchter des Popen.

Roman von Marguerite Poradowska. Deutsch von M. Pillet.

(Fortsetzung.)

Aber der Thierarzt blieb unerschütterlich. Seine Ehre stand nach seiner Ansicht auf dem Spiele. Er fühlte, daß er zum Gespött aller Leute werden würde, wenn er sich erweichen ließe und daß seine Partei ihm niemals eine Verbindung mit einer Familie verzeihen würde, die sich so offen mit einem Anhänger des Schismas einließ.

Nein, nein," rief er mit fester Stimme,ich danke Gott, daß er mir ein Einsehen gegeben hat, ehe es zu spät war. Ich werde die Ehe für ungiltig erklären lassen; ich habe das Recht für mich."

Bei diesen grausamen Worten machte er sich vollends von den Frauen los. und sprang mit den Brautführern in seine Brttschka.

Ein allgemeiner Ausbruch der Gäste war eine Folge dieser Ereignisse. Diejenigen, welche in der Nähe wohnten, beeilten sich, einige Worte des Beileids zu murmeln und ihre Fuhrwerke zu besteigen. Bald blieben im Pfarrhause nur noch die Popenfamilien zurück, die man zu beherbergen ver­sprochen hatte. Die braven Leute wagten nicht zu fragen, wohin sie sich zurückziehen könnten, so gedrückt fühlten sie sich bet der allgemeinen Verstimmung. Endlich ermannte sich Diotyme und wies ihnen die für sie bereitete Schlafstelle an. Halbdunkel herrschte auf dem Kornboden, der von einem an der Wand befestigten Lichtstümpfchen schwach beleuchtet war, und die Popen und Popadias krochen niedergeschlagen in die verschiedenen ihnen bezeichneten Abtheilungen, die sonst für die Aufnahme des Roggens oder Hafers u. f. w. bestimmt waren.

Als Thymoftäus und seine Frau sich endlich allein in dem großen, öden Saale befanden, der noch vor einer Stunde so glänzend belebt war, sahen sie sich einen Augenblick mit stummem Entsetzen an, dann brachen sie unter der Wucht de» Kummers zusammen und warfen sich einander in die Arme.

Sofronya hatte bis dahin vor Scham und Schmerz vergehend in einer Ecke gekauert, ohne sich darum zu kümmern,

ob ihr neues Kleid zerdrückt wurde; jetzt trat sie, eine lebendige Anklage, vor ihre Eltern und von ihren rosigen Lippen, die an dem heutigen Hochzeitstage nur zum Lächeln und Küssen bestimmt schienen, ergoß sich eine Fluth von unzusammen- hängenden Vorwürfen und bitteren Schmähungen.

Die gebeugten Eltern ließen diese Geißelhiebe ruhig über sich ergehen, denn sie fühlten, daß da» Schicksal Gerechtigkeit übte. Ja, sie waren arglistig, unklug, unüberlegt gewesen; sie hatten zwei Herren dienen wollen; welche Strafe wurde ihnen aber nun zu Theill

Ihr habt mein Leben zerstört!" stöhnte die arme, ver­lassene Braut.Was bleibt mir übrig, als in's Kloster der Diaconiffen zu gehen? O, es ist schrecklich!"

Vielleicht ist noch nicht Alles verloren. Vincenz wird es sich überlegen!"

Da kennst Du ihn schlecht, Mutter. Die Politik geht ihm über Alles; was bin ich dagegen, eine Null."

Die jüngsten Schwestern kauerten auf dem Boden, hatten den Kopf auf die Bank gelegt und waren vor Ermüdung ein* geschlafen.

Hinten im Saal bewegte sich Pavel wie ein Schatten hin und her und verschloß da» kostbare Silberzeug sorgfältig in die Kasten.

Es ist bald zwei Uhr Morgens," murmelte die Popadia und erhob sich mit Anstrengung.Sofronya, mein Liebling, wir müssen schlafen gehen; die Kleinen fallen schon um vor Müdigkeit."

Zwei Stallmägde brachten mit Heu gefüllte Säcke und Stöße von Kissen herein, die sie den Wänden entlang nieder­legten, da alle Betten hinausgebracht worden waren.

Wo ist Panna Binia?" fragte die Eine.

Ja, wo ist denn Binia?" wiederholte die Mutter, ganz froh über diese Ablenkung.

Alle Winkel de» Pfarrhauses wurden vergeblich durch­sucht; nirgends eine Spur von der kleinen Popadia! Pavel hatte eben den größten Silberkasten zugemacht und sagte mit der kalten, herablassenden Miene des gut geschulten Dieners: Das letzte Mal habe ich Fräulein Binia im Garten mit Herrn Ptesek gesehen; ich glaube ... sie hatten sich erzürnt. Als der Herr Seminarist wieder hereinkam, war er ganz roth und Fräulein Binia war nicht bei ihm."