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Er griff nach seinem Filzhut und rief dann hastig: Leben Sie wohl, Herr Graf, und Sie auch, Sie schöne, falsche Schlange. Ich kann nicht mehr bleiben, fort, fort, ich ersticke hier!"

Er stürmte hinaus aus dem Saal.

Herbert! Herbert! O, mein Gott, erwirb sich doch kein Leid anthun!" rief Isolde leichenblaß und wollte ihm nach» eilen.

Ihr Vater aber hielt sie zurück.

Herbert Brand wird zur Besinnung kommen," sagte er,lassen wir ihn ziehen. Ein so jugendkrästiger, edler Mann wird ja wohl dieses Kummers Herr werden!"

Meinst Du, Papa? Wenn er nun nicht zurückkehrt, er ist in einer so verzweifelten Stimmung, wenn großer Gott wenn er sein Leben endete!"

So wahnsinnig wird er Nichtsein, Deinetwegen fein so reiches, vielversprechendes Leben zu enden," sagte der Graf, auf seine Worte eine nicht mißzuverstehende Betonung legend. Er wird in unseren schönen Bergen herumstreifen und sich bald wieder zur Klarheit des Denkens hindurchringen. Ein wenig ernüchtert wird er wohl die Arbeit hier wieder auf» nehmen, seine Kunst aber, hoffe ich, wird das beste Trostmittel für ihn sein."

Viertes Capitel.

Gräf Tannen irrte sich jedoch mit seiner Voraussetzung; Herbert kehrte nicht in das Schloß zurück, auch kein Lebens­zeichen von ihm gelangte dahin.

Sollte Isolde mit ihren Befürchtungen doch Recht gehabt haben? Sollte Herbert in seiner Verzweiflung den Tod gesucht haben? Tag und Nacht stand die herrliche Jünglingsgestalt vor seinen Augen, bald lebensfroh, schön und heiter, bald marmorbleich, starr und kalt. Ein Todter!

Wir müssen Nachforschungen nach Brand anstellen," sagte er, nachdem mehrere Tage vergangen, von innerer Un­ruhe gequält, zu Isolde.

Thue es, Papa," rief die junge Gräfin,ich würde Gott auf den Knieen danken, wenn wir eine Spur von ihm fänden."

Ja, dazu hättest Du auch alle Ursache 1" erwiderte der Graf voll Bitterkeit.

Sie wandte sich schweigend ab und trat an das Fenster; e« war die Stunde, in welcher ihr Verlobter zu kommen pflegte, drüben am Waldrand tauchte seine Gestalt jetzt auf.

Langsam, mit müdem Schritt wie Einer, der nichts mehr zu fürchten, zu hoffen und zu wagen hat auf der Welt, kam er daher und doch harrte seiner hier oben eine schöne, reiche, liebende und hingebende Braut, denn das war Isolde; meinte sie doch in ihrer reuevollen Stimmung jetzt, an ihrem Bräu­tigam gut machen zu müssen, was sie an dem armen Brand verbrochen hatte.

Der Baron Wettern aber verlangte gar nicht nach einer solchen Braut. Er wünschte zur Lebensgefährtin eine Ge­sinnungsgenossin, die seine seichten, oberflächlichen, pessimisti­schen Anschauungen theilte, die Welt und die Menschen ver­achtete, ohne Glauben und ohne Liebe war, und Isolde war ihm auch in jeder Hinsicht eine verwandte Natur, welche zu seinen Ansichten zu bekehren ihm nicht schwer fallen konnte.

Seinem Einfluß gelang es daher auch meistens, ste ihrer jetzt oft trübsinnigen Stimmung zu entreißen. So war es auch heute, als das Gespräch zwischen dem Baron und seiner Braut wieder auf den Maler kam.

Wenn er, was ich noch nicht glaube, sich wirklich das Leben genommen, so trägst Du keine Schuld daran," sagte der Baron in seinem kalten, überzeugenden Ton,sondern einzig und allein sein schwacher Character, der den Härten des Lebens nicht gewachsen, wäre die Ursache. Eine schwäch­liche Werthernatur ist eben keine Göthenatur, die aus einem Liebesleid sich zu neuem Schaffen emporzuringen vermag. Lebt aber etwas von solcher Größe in Brands Innerem, nun, dann wird sein Genius auch die Flügel wieder entfalten und dann ist er nur zu beneiden."

Das klang Alles klar und überzeugend, aber so ganz vermochten des Barons Reden das Schuldgefühl in Isoldens Herzen nicht zu tilgen. Eine Göthenatur war der Maler Brand sicherlich nicht. Sein verzweifeltes Antlitz, wie sie ihn zuletzt gesehen, stand ihr immerfort vor Augen, Verzweiflung, Ekel am Leben konnten ihn in den Tod getrieben haben und nun lag er vielleicht zerschmettert in irgend einer dunklen Felsenkluft oder der Gebirgsfluß trieb seinen schönen, jugend­lichen Körper weiter und weiter, bis er an's Land geschwemmt wurde irgendwo, wo ihn Niemand kannte, Niemand von semem Schicksal etwas wußte.

Isolde kam nicht los von solchen Bildern, besonders wenn ihr Weg sie an den Stätten vorüberführte, wo sie einst mit Herbert getändelt und gescherzt hatte.

Als Baron Wettern nach einiger Zeit darauf drang/ daß Isolde den Hochzeitstag festsetzen sollte, war sie mit Freuden dazu bereit.

Dieser Wechsel ihrer Lebensstellung mußte sie doch auf etwas andere Gedanken bringen und vor Allem die Hochzsits« reife, die auf Wetterns Wunsch eine Meerfahrt werden sollte. An der Küste von Lissabon oder an irgend einer Insel des Mittelländischen Meeres gedachte er zu landen und dann noch mit seiner jungen Frau eine schöne Landreise zu machen.

Diesen Theil Europas kenne ich noch nicht und ich denke, das Neue in Deiner Gesellschaft genossen muß doch noch einigen Reiz für mich haben," meinte er lächelnd zu seiner Braut.

Isolde sah verstohlen zu ihm auf und eine Frage lag in ihren Augen. Sollten diese kalten Züge des Barons sich noch einmal beleben können, seine grauen, bleischweren Augen je in so warmer Begeisterung ausleuchten, wie einst die schönen blauen Künstleraugen Herberts? Nein, sie glaubte es nicht, und das Wenige, was ihr noch geblieben an warmem Fühlen und Denken, das würde ihr an des Baron» Seite verloren gehen, mochten sie nun Spanien oder Italien durchstreifen oder auf einer der schönen südlichen Inseln ihre Flitterwochen verleben.

Fünftes Capitel.

Graf Tannen hatte noch einen Aufruf in mehreren Tagesblättern erlassen, von dem er hoffte, daß er ihm irgend eine Kunde von Herbert Brand bringen würde, aber ver­gebens, keine einzige Nachricht lief von dem unglücklichen Maler ein.

Da streifte der Graf selbst in den Bergen herum, überall fragend, forschend, ob Niemand den Maler, den er genau be­schrieb, gesehen; nirgends aber erfuhr der Graf etwas Be­stimmtes über den Verschollenen. Da und dort wollte man allerdings einen jungen Maler gesehen haben, es konnte aber auch ein anderer gewesen sein. Junge Leute mit blondem, lockigem Haar und blauen Augen liefen ja genug hier in den Bergen herum, Künstler !zumal, die machten ja jetzt alle Wege unsicher.

Endlich führte den Grafen Tannen ein gütiges Geschick eines Abends nach einem einsam im Walde gelegenen Forst­haus. Vor der Thür desselben hielt ein Gefährt wie es ihm schien, der Wagen eines Arztes. Jetzt wurde die Haus- thür des Forsthauses geöffnet und ein alter Herr, der richtige Typus eines Landarztes, trat, begleitet von einem jungen Mädchen, über die Schwelle.

Verzagen Sie nicht, Aennchen," rief der alte Herr, seine sonore Stimme nur mühsam dämpfend.Das Schlimmste haben wir einmal wieder überwunden, die gute, gesunde Natur des Kranken hat gesiegt und die frische Waldluft und Ihre Pflege werden noch das Beste thun. Eins aber rathe ich Ihnen, Kind! Schauen Sie nicht zu tief in seine großen, glänzenden Augen, denn dieser junge Künstler hat an den Abgründen der Verzweiflung gestanden, dem hat Gott Amor einen seiner kleinen, dämonischen Streiche gespielt, davon ge­sundet das Herz nicht so leicht und er könnte ein unberechen­barer Schwärmer sein."

(Fortsetzung folgt.)