Ausgabe 
18.4.1896
 
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Fluth »on Wünschen und Abschiedsworten, Umarmungen und Thränen, Betheuerungen und Segensworten- Er hebt Sie in den Wagen, die Thür wird hinter ihnen zugeschlagen, und während die Zurückbleibenden mit dem sie plötzlich überkommen­den Gefühl der Leere und Vereinsamung ihnen nachsehen, geht er fort in die weite Welt hinein.

Und dort im Reisewagen, Hei, wie das Posthorn tönt, Und wie vom Räderrasseln Di» "Erde bebt und dröhnt Und dort im Reisewagen, Da beben zwei Herzen mit; Sie beben vom Lenzenshauche, Der flüsternd sie durchzieht. Still sitzen sie beisammen, Stumm Hand geschmiegt in Hand Die Augen halb geschlossen, Die Wangen Fieberbrand;

Und drüber blauer Himmel Und gold'nes Abendlicht! Ich leg' den Pinsel nieder Kennt ihr die Gegend nicht?" Halm.

Sie mit Ihm, und Er mit Ihr, allein, ganz allein' Eines dem Andern Alles zu fein, in guten und bösen Tagen, kor better and kor worse, wie 68 in der englischen Trauungsformel heißt, für das ganze Lebe«, bis der Tod sie von einander scheidet. Welches Glück, das diesem Glücke gliche, wenn die Liebe es war, die ihre Herzen für immer zusammenführte 1

Wohin die Reise geht? War kommt es den Beiden darauf an? Zwar versichert das Lied in Uebereinstimmung mit dem Gebrauch fafhionabler Kreise, daß das Land, wo die Eitronen blühen, da» Reiseziel sei:

Kirchenglocken, Kirchenglocken, Myrthenzweige in den Locken Vollgepackte Kosfer-Wagen, Kühne Minne süßes Zagen, Freudenthränen rinnen leise, Nach Italien geht die Reise"--

den Betreffenden selber aber ist es ziemlich gleichgültig, ob sie diese Tage überschwenglichen Glückes, in denen sie jedes Hinein­ragen der Außenwelt als lästige Störung betrachten, in Italien oder der Lüneburger Haide, am Rhein oder tn Hinter- pommern verleben. Haben doch die schönsten Gegenden für sie höchstens die Bedeutung von Couliffen, zwischen denen sich die ersten entzückenden ©eenen des Ehestandsstückes, dessen beide Hauptrollen sie so bereitwillig übernahmen, abspielen.

Allmählich aber erschließt sich ihr Blick auch der Um­gebung und macht sich vertraut mit der Welt, welche die alte und doch eine neue ist, und in der sie, dem ersten Menschenpaare gleich, ein von aller Vergangenheit losgelöstes, verheißungsvolles Leben beginnen sollen. Alles um sie her hat eine so ganz veränderte, tiefere und schönere Bedeutung ge­wonnen, daß die Frage des Dichter» sich immer wieder auf ihre Lippen drängt:

Haben.die Blumen denn schon

Früher geblühet?

Hat denn in Lüften die Sonn'

Früher geglühet?

Lebt' ich schon zwanzig Jahr'

Vor diesem Jahr'?" Jmmermann.

Wohl ist e» eine Wonne, wie das Leben sie in demselben Maße nur einmal bietet, an der Seite des Geliebten oder der Geliebten die herrliche Welt zu durchstiegen, mit Ihm oder Ihr von sonniger Bergeshöhe herab auf die Lande zu ihren Füßen zu schauen, im lauschigen Thale der Stimme des Waldes und des eigenen Herzen» zu lauschen, sich anderen frohen Menschen anzuschließen, nur dann das köstliche Allein­sein um so lebhafter zu genießen.

O schönes Bild, zu sehen

' Boni Ring der Lieb' umspannt Die Erde und den Himmel, Die Menschen und ihr Land." Grün.

Rückkehr« dann au« ettec Mu»d«s«ner

In ihrer Augen heimathlichc Sterne." Aterm.

Doch wa» sollen wir weiter die Süßigkeiten de« Honig­monds zu schildern suchen!Wenn zwei Leute," sagt eine englische Schriftstellerin,den Gipfel wahnsinniger Seligkeit erklommen haben, ist es am besten, sie dort allein zu lassen. Sie werden auch ohne Beihülfe früh genug wieder Hinab­stetgen." ________ (Schluß folgt.)

VermMchtes.

Unter Commilitonen.Was machst Du denn für ein trübseliges Gesicht, Schlauch?"Ach, mein Alter hat wieder einmal geschrieben, er verlangt, daß ich endlich mein Examen machen soll."Run und Du?"Ich sitz' in der Klemme und weiß nicht, was ich vor sechs Jahren mit dem Alten abgemacht hab', ob ich Jura studieren sollte oder Medicinl"

e

Eine Seltenheit. Erster Student:Du, Spund, heute Morgen ist mir was Originelles passtrt." Zweiter Student:So, wa» denn?" Erster Student:Wie ich aufgewacht bin, hab' ich in meinem Bette gelegen."

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Gemüthlich. Gast:HerrWirth, der Ochs, von dem ich mein Beefsteak bekommen soll, wartet wohl noch auf da» Geschlachtetwerden?" Wirth:No, san's z'frieden, da warten'» halt zu zweit!"

Vom Kasernenhof. Lieutenant:Treten Sie mal vor, Huber! . . . Der Schmierfink steht heute wieder au» wie ein moderne».Gemälde!"

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Zweideutig. Onkel:Nun, mein lieber Neffe, macht die hehre Wissenschaft auf Dich zuweilen nicht einen über­wältigenden Eindruck?" Studios»»:O, Onkel ich bin oft ganz berauscht!"

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Annonce.Hausknecht sucht seine Stelle zu verändern. NB. Handschuhnummer 9>/z!"

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Der Weinkenner. Bauer (dem seine Frau eine Flasche Wein von der Stadt mitbringt, die in rosa Seiden­papier eingewickelt ist):Sacra, der muß aber fein fei!"

Wieder Einer. A.:Wann haben Sie Ihre Frau kennen gelernt?" B-:Auf meiner Schweizerreise; wir haben zusammen den Ortler bestiegen!" A.:Hm, hm, also wieder ein Opfer de» Alpensports!"

Zweckentsprechend. Reisender (im Bahnhofsrestau­rant):Die belegten Brödchen sind aber furchtbar klein!" Wirth:Die Züge halten hier auch meist nur eine Minute!"

Warum?

Du siehst bett Frühling wiederkehren, Natur und Menschen sich verjüngen; Doch dieses Räthsel zu erklären, Wird Deiner Weisheit nicht gelingen.

Unzählige Wunder schaut Dein Auge Doch denkst Du nicht darüber nach, Fragst nicht, wie aus dem kahlen Strauche Ent Rosenflor erblühen mag.

Sanft scheint der Mond, lau weht der Wind, Du hörst die Nachtigallen schlagen Und wenn zwei Herzen gut sich sind, Wer hat nach dem Warum zu fragen? Satyr.

Redaktion: A. Gcheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfiMS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch * Scheyda) in Gießen.