Ausgabe 
18.4.1896
 
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an dem Gendarmen vsr« der Aerzte nicht mit dem Anklage des Mordes stand Schmuggler nur eine Ge« wahrscheinlich hingerichtet

begreife sie den Sinn der

Grenze überfallen und nur wenigen war: er gelungen, zu ent» kommen. Den Frieder aber hatte von allen seinen Genossen das härteste Schicksal getroffen; ein Gendarm hatte ihn, als er schon fast jenseits der Grenze war, gepackt und er, in dem heißen Wunsch, sich um jeden Preis durch die Flucht der ®e« fängnißstrafe zu entziehen, entriß mit der Kraft der Verzweif« lung seinem Angreifer den Säbel und gab ihm damit einen so wuchtigen Hieb über den Kopf, daß er leblos zu Boden sank- Aber ehe er das Weite gewinnen konnte, faßten ihn zwei Gendarmen, die ihrem Kameraden zu Hilfe eilten, von rückwärts, die Arme wurden ihm gebunden und er mit den anderen Schmugglern nach der nächsten Stadt in Gewahrsam gebracht.

Als Lisbeth dies Alles nach und nach erfuhr, war sie von Schmerz und Jammer wie versteinert, ihr Auge hatte keine Thräne, ihr Mund keinen Laut der Klage, stumm und theilnahmslos saß sie Tag für Tag in dumpfem Hinbrüten an der Wiege ihres Kindes, das nur allein noch für sie exiflirte; die übrige Welt schien nicht mehr für sie da.

Ueber seins vergrämten, bleichen Züge flog ein Heller Freudenstrahl.

Nun sahen sie sich Beide lange an, als wolle jeder die Züge des Andern, in die er zum letzten Mal blickte, für alle Zett fest einprägen. Für alle die mächtigen, widerstreitenden Gefühle, die ihre Brust in der Scheidestunde bewegten, fehiten diesen einfachen Naturen die Worte.

Der Schließer kam und mahnte Lisbeth zum Aufbruch, die bewilligte Zeit fei verstrichen. Noch einmal preßte Frieder sie in feine Arme, dann winkte er ihr selbst, zu gehen, er konnte den Schmerz des Abschied» nicht länger ertragen.

Wie Lisbeth damals den Weg von der Stadt nach dem Dorf zurückgelegt, wußte sie später nicht zu sagen, er war ihr gewesen, als käme sie gar nicht von der Stelle, als läge eine Centnerlast auf ihren Schultern, die sie zu Boden drückte.

Endlich aber war sie doch daheim, und ihr schlafendes Kind auf dem Schooß, faß sie vor dem kalten Herd und hatte keinen anderen Wunsch, als den, mit Frieder und dem Knaben zusammen in einem Grabe zu liegen.

Da öffnete sich die Thür; eine hohe Männergestalt trat ein, eine Hand legte sich auf ihre Schulter und ausblickend sah sie ihren Vater vor sich stehen.

Ich bin gekommen, Dich heimzuholen, Lisbeth," sagte I er,Du und Dein Kind sollen jetzt in meinem Hause wohnen. Dein Mann ist auf Lebenszeit verurtheilt, ich sehe Dich also als eine Wittwe an und für eins solche muß ja der Vater sorgen."

O, Vater, Vater," murmelte Lisbeth,Euer Fluch hat sich schrecklich an mir erfüllt, schwer muß ich büßen für meinen Ungehorsam gegen Euch . . ."

Still, still," sagte der Bauer, indem er mit seiner harten, einer Liebkosung nicht gewöhnten Hand ungeschickt über ihren Scheitel strich,laß das Vergangene ruhen, ich will vergeffen, was geschehen ist. Du bist wieder meine Tochter und bleibst bei mir. Nimm Dein Kind und komm' gleich mit mir, die Wiege und Deine Sachen mag der Kleinknecht nachher holen."

So war Lisbeth denn wieder im Vaterhaus. Noth und Sorge waren von ihr genommen, und wäre nicht das Kind gewesen, sie hätte das letzte Jahr ihres Lebens für einen Traum halten können, so genau war es Alles wie vordem in I ihrer Mädchenzeit gewesen, sie war wieder die Lieblingstochter des Vaters, die an Stelle der tobten Mutter die Wirthschaft führte, die im Haus als Herrin befahl, der die Ehhalten gern gehorchten und die wieder daheim zu sehen sich Jeder freute.

Der Einzige, den ihre Rückkehr mit stillem Grimm er« füllte, weil er sich dadurch in allen seinen Berechnungen ge« täuscht sah, war Valentin.

Daß sein Vater jetzt, wo Lisbeth wieder den Haushalt führte und er ihr und ihrem Knaben eine Heimath auf dem Birkenhof gewährt, weniger als je daran denken würde, sich auf das Altenthetl zu setzen und dem Sohn das Gut zu übergeben, war diesem sehr klar und erfüllte ihn mit stiller Wuth, denn er sehnte sich so heiß danach, endlich einmal den Herrn zu spielen und eine vermögende Bauerntochter aus dem nächsten Dorf heimzuführen, die ganz geneigt war, über seine schiefe Schulter hinwegzusehen, wenn er den Birkenhof dagegen in die Wagschale legen konnte.

Sein Grimm gegen die Schwester stieg noch mehr, als er erfuhr, daß der Bauer das zu feinen Gunsten gemachte Testament vernichtet hatte und er gewahrte, wie der Enkel von Tag zu Tag des Großvaters Herz mehr gewann, so daß ihn die Furcht beschlich, dieser werde bei der Erbtheilung dem Kinde der Tochter gleiche Rechte wie dem eigenen Sohn ein« räumen.

Der kleine Peter war aber auch ein prächtiger Junge; fröhlich, gutherzig und voll drolliger Einfälle, wurde er, als er heranwuchs, bald der Sonnenschein des Hauses und da» Herzblatt des Großvaters, der ihn in jeder Weise verzog und den Knaben kaum von seiner Seite ließ. Dieser hing denn auch mehr an dem alten Mann, der ihm keine Bitte abschlug,

Nach Art der Dorfleute machte man ihr kein Hehl daraus, daß Frieder, weil er sich thätlich griffen hatte, der nach Ausspruch Leben davonkommen werde, unter

Ganz im Gegensatz zu der langsamen Gerichtspflege jener Zeit wurde der Proceß gegen Frieder und seine Genoffen sehr rasch betrieben.

Man war höheren Orts schon lange sehr ungehalten ge« wesen, daß man dem Treiben der Schmuggler in dortiger Gegend nicht auf die Spur kommen konnte, und da man nun endlich den größten Theil der Bande sammt dem Haupt der« felben, den Müller, gefangen, wollte man schnelle Gerechtigkeit üben, um die, welche sich durch Flucht gerettet, von etwaigen Versuchen, ihr lichtscheues Handwerk fortzusetzen, abzuschrecken.

Bald brachte das Regierungsblatt, das den Weg auch in Lisbeths Hütte fand, das Urtheil über die Schmuggler, das auf mehr oder minder lange Haft für die Einzelnen lautete; Friedrich Mattern aber hatte lebenslängliche Zuchthausstrafe erhalten. Nur der Umstand, daß der Gendarm, obwohl von den Aerzten aufgegeben, doch noch am Leben war, hatte ihn vor der Hinrichtung bewahrt.

Als Lisbeth das Urtheil las, wich die dumpfe Starrheit, die so lange wie ein Bann auf ihr gelegen, von ihr; sie übergab ihren Knaben einer Nachbarin und begab sich nach der Stadt, um ihren Gatten noch einmal zu sehen, ehe man ihn in das Gefängniß der entfernten Hauptstadt brachte, wo er seine Strafe verbüßen mußte.

Die erbetene letzte Zusammenkunft wurde ihr bewilligt. Es war ein erschütterndes Wiedersehen. Aufgelöst in Thränen hing Lisbeth an Frieders Halse, der mit zuckenden Lippen sie fort und fort um Verzeihung bat, daß er so viel Leid über sie gebracht und sich auf das Bitterste anklagte, daß er ihren Warnungen kein Gehör gegeben.

»Mach' Dir keine Vorwürfe, Frieder," sagte sie, als sie endlich wieder zu sprechen vermochte,war Du gethan hast, geschah au» Liebe zu mir; Gott sei dafür, daß ich Dich darum anklagen sollte."

Das ist ein gutes Wort, das Du mir da mitgiebst auf den langen, dunklen Lebensweg, der nun vor mir liegt O wie hat es mich gequält, daß ich glaubte, Du dächtest meiner in Haß und Groll."

Ich Dir zürnen, armer Frieder! O, wie schlecht kennst Du mein Herz, wenn Du dar glauben konntest."

So hast Du mich noch lieb?" fragte er zaghaft.

Heute noch so, wie vor einem Jahr und bi« an mein

Lebensende."

und daß er, während die anderen fängnißstrafe zu verbüßen hätten, würde.

Sie hörte das Alles an, als

Rede nicht und die Leute meinten endlich, sie fei wohl nicht ganz richtig im Kopf und ließen sie allein.