Ausgabe 
18.2.1896
 
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Umstand ausgenommen, daß ich mich der Richtung, in der Freund Pettrasch und sein Waldläufer vermuthet werden muhten, um eine Wenigkeit genähert hatte. Doch auch jetzt nahm der Bock nur wenige Schritte von mir wieder Stellung und sah so grimmig drohend au», wie zuvor, er war offen­bar entschioffen, nicht zu weichen, bis er seinen Rachedurst an mir gekühlt haben würde.

Nachdem ich mich von der Anstrengung, die mir der letzte unfreiwillige Wettlauf mit dem Elenbock verursacht hatte, wieder erholt, recognorcirte ich das Terrain für meinen wetteren Rückzug. So weit ich zu blicken vermochte, breitete sich Hochwald aus, nirgends wollte fich ein Dickicht zeigen, das mich vielleicht den Blicken meines rachedursttgen Ver­folgers entzogen hätte- Wohl oder Übel sah ich mich ge- nöthigt, bet meiner bisherigen Taktik zu bleiben und mir abermals einen Baum auszusuchen, der mir vorläufigen Schutz gegen einen Angriff des Elens versprach. In einer Entfernung von vielleicht seckzig Schritt gewahrte ich einen solchen Baum, eine ungewöhnlich dicke Kiefer, und sofort setzte ich mich nach ihr hin,tn Bewegung, selbstverständlich mit den Schneeschuhen tüchtig ausgreifend. Diesmal hatte es der Bock etwas verpaßt, denn er kam erst bei der Riefer an, al« ich schon zehn bi»"fzehn Secunden hinter der selben weilte. Dieser kleine Ersolg machte mich kühn; nach ganz kurzer Ruhepause wählte ich einen neuen zu meiner Deckung geeigneten Baum undsegelte" auf ihn los, und in der Folge kamen noch acht oder zehn weitere Bäume an die Reihe, die ich mir sämmtl.ch alsRothhafen" erkor. Stet» war ich hierbei bemüht, die auf meinem eigenartigen Rück­züge ursprünglich eingeschlagene Richtungslinie beizubehalten, da ich überzeugt war, daß ich in ihrer Verfolgung ans die Spuren meine» Freunde« und seines Begleiter« stoßen würde, freilich folgte mir auch das Elen getreulich, immer eine drohende Angriffsstellung annehmend, sobald ich mich nur ein wenig hinter einem der mir zum augenblicklichen ZufluchtS« orte dienenden Waldriesen sehen ließ.

Mit einem Male lichtete sich indessen der Hochwald und eine ausgedehnte Hatdefläche, nur hie und da kleine, ver­kümmerte Bäume aufwetsend, zog fich nach der Gegend hin, auf welche ich bisher zugehalten hatte. Ich durfte es nicht riskiren, den Schutz des letzten dicken Baumstammes am Saume des Hochwaldes zu verlassen und mich auf die freie Fläche hinaurzuwagen, es war fast zweifellos, daß der Bock mich hier schließlich doch einholen würde, denn er schien noch nicht im Mindesten ermattet zu sein, ich jedoch begann die seelischen Aufregungen, wie die körperlichen Anstrengungen meines ungewöhnlichen Jagdabenteuers allmählich immer mehr zu empfinden. Dennoch blieb mir kaum eine andere Wahl, als hinter der dicken Fichte, Hintes der ich zuletzt vor dem mich drohenden Geweih des erzürnten Beherrschers des liv­ländischen Walde» eine Zuflucht gefunden, zu verweilen, bi» mich mein Freund endlich erlöste, denn ich setzte al» gewiß voraus, daß er den von mir hinterlassenen Spuren im Schnee folgen und mich aussuchen würde, sobald seine specielle Jagd auf die drei weiblichen Elenthiere beendet war.

Mit dieser zweifelhaften Hoffnung hielt ich Stand, ob­gleich ich nahe daran war, vor Erschöpfung umzusinken, und um meine mißliche Lage noch zu verschlimmern, begann es jetzt zu schneien. Ein plötzlicher Schrecken überfiel mich, als ich dies sah, denn der fallende Schnee mußte bald alle Fährten verwehen, wie sollte dann mein Freund mir folgen und mich ausstnden können? Noch immer stand das Elen in seiner bisherigen drohenden Haltung vor mir, von Zeit zu Zeit grimmig schnaubend und kampfbegierig mit den Hufen den Schnee stampsend, offenbar bereit, sich sofort auf mich zu stürzen, sobald ich mich hinter meiner Fichte sehen lassen würde. Ich brauchte nur etwas Geräusch zu verursachen, und mein Belagerer kam so nahe heran, daß ich seinen Leib bequem mit der Mündung der Büchse hätte erreichen können. Diese Beobachtung brachte mich indessen auf einen ganz

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neuen Gedanken, ta mir s» praktisch erschien, daß ich mich fast wunderte, warum er mir nicht schon früher gekommen war. Ich führte nämlich einen sogenannten Hirschfänger mit mir; er war zwar nicht besonder« lang, aber dafür au- bestem Stahl und auf beiden Seiten haarscharf geschliffen; noch ehe wir zu der Elenjagd aufgebrochen waren, hatte ich mir den Hirschfänger aus der Waffensammlung meine» Freundes ausgelesen. Diese von mir eigentlich ohne be­sondere Absicht mitgenommere Waffe zog ich jetzt aus der einfachen Scheide und befestigte sie mittelst einiger fester Schnüre, die sich glücklicher Weise in einer der Taschen meine« Jagdrockes vorsanden, dergestalt an die Mündung der Büchse, daß letztere den Character einer Bajonnettge- wehre« erhielt. Nunmehr besaß ich mit einem Male eine Waffe, mit der ich nicht nur den Angriff meines Feindes erfolgreich abzuwehren vermochte, sondern mit deren Hitfe ich auch noch die Offensive zu ergreifen vermochte.

Noch einmal überzeugte ich mich, daß der Griff des Hirschfängers genügend sicher am untersten Ende der Büchse befestigt war, dann trat ich voll hinter der Fichte hervor, die improvistrte Lanze zum sofortigem Gebrauch bereit haltend. Kaum hatte mich der Elenbock erblickt, al» er da» colossale Geweih zum vernichtenden Stoße senkte und unter grimmigem Schnauben auf mich zustürzte. Rasch sprang ich jedoch zur Seite, um im nächsten Augenblick dem wüthenden Thier den Hirschfänger bi» zum Griff in die Rippen zu stoßen, worauf ich die Waffe schnell wieder aus dem Rörper de« offenbar zum Tode getroffenen Thieres herauszog. Denn dasselbe stürmte zwar weiter, aber schon nach wenigen Sätzen brach es verendend zusammen, den Schnee ringsherum mit seinem Blute purpurroth färbend. Bei der Au»waidung des Elen­bockes zeigte sich dann allerdings auch, daß ihm die Spitze des Hirschfängers gerade ins Her, gefahren war, sonst würde mir mein grimmiger Feind wohl noch etwa» zu schaffen ge­macht haben. .

Kaum war mein so schwer errungener Sieg über den Fürsten de» livländer Waldes errungen, so ertönte der Jagd­ruf meine« Freundes aus dem Walde zu mir hervor, und bald erschien er, gefolgt von dem Waldläufer, auf der Stätte, auf welcher ich endlich über den Elenbock triumphtrt hatte. Staunend nahm er meinen Bericht über den Verlauf meine» seltsamen Jagdabenteuers entgegen, sich selbst wiederholt scheltend, daß er mich meinem eigenen Wege überlassen hatte; glückücher Weise hatte aber meine Elenthierjagd ja den bent- bar besten Ausgang genommen, und so stärkten wir uns denn fröhlich aus den Vorräthen, die Freund Pettrasch den Waldläufer versorgltch aus Schloß R. hatte mitnehmen lassen. Mein Freund hatte übrigens die drei weiblichen Elenthiere, deren Spuren er gefolgt war, fämmtlich erlegt; sie waren mit frischenBrüchen," d. h mit Zweigen und Aeüen der zunächst befindlichen Waldbäume bedeckt worden, welche Maß­regel verhinderte, daß sich Füchse oder sonstiges Raubzeug an das erlegte Wild heranmachte. Die gleiche einfache Schutz­maßregel wurde auch bei meinem Bock getroffen; noch im Laufe des Jagdtages wurde die gesummte Jagdb ute nach unserer Rückkehr in« Schloß von einigen Leuten meine» Freunde« hereingeholt.

Noch zwei Wochen verlebte ich dann in dem gastlichen Heim meine« Freunde», worauf ich nach Deutschland zurück­reiste. Pettrasch hatte mir dos Geweih als Geschenk machen wollen, ich lehnte diese großmüihige Widmung aber au« ver­schiedenen Erwägungen ab, und begnügte mich dafür mit den zwei Vorderläufen de» besiegten Feinde»; sie prangen heute als eigenartiger Wandschmuck in meinem Arbeitszimmer.

Vermmchtes.

Ein practischer Vater. Börseaner:Ich gebe Ihnen die Hand meiner ältesten Tochter, aber ich bitte Sie, empfeh­len Sie meine übrigen vier im Rreise Ihrer Bekannten!"

Redaktion: A. Gcheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen UniversiMs-Buch- und Steindruck-r-i (Pietsch & Scheyda) in