29
bittere Verwünschungen, bald sehnsuchtsvolle Klagen, und in diese hinein trat plötzlich Heinrich Tornegg.
Sie flog ihm entgegen; welchen Trost, welche Erleich» terurg brachte ihr sein Kommen!
„Ich bin sofort abgereist, ein Schienenbruch vor Pompeji verzögerte uns stundenlang; ich nahm schließlich einen Wagen und dann stürzte das Pferd, abermals Aufenthalt. — Vor Stunden konnte ich hier fein I" erklärte er Paula.
Er wunderte sich gar nicht, sie bei feinem Bruder als Pflegerin zu finden. Ihre Hände küssend, sah er sie mit einem ihr unverständlichen Blicke tief und lange an; dann erst trat er an das Lager des Kranken, der jetzt mit geschlossenen Augen dalag. Aber er fuhr doch in heftigem Schrecken zurück und seine Augen öffneten sich weit.
Das sollte Erich sein? Sein Bruder? Dies Jammerbild? — Derselbe Erich, den er zuletzt als gesunden, blühend schönen Mann gesehen?
Eine große Erschütterung überkam ihn.
Paula führte ihn in den Erker. Zwischen den fein gearbeiteten Säulen hindurch schimmerte das blaue, göttliche Meer und hier berichtete sie ihm Alles, was Erich anging.
Von sich sprach sie nicht; wie hätte sie dazu auch kommen sollen?
Und er horchte auf ihre liebe Stimme und dachte bei allem Mitleid mit dem Bruder doch immer nur: „Ihr Herz sei tobt, sagt sie. Wie manifesttrt sich dann das Leben darin schöner, als durch ihre Liebe?"
Als Erich bald darauf erwachte, trat Heinrich zu ihm und gab ihm die Hand.
Viel sagen konnte er nicht, Erich verlangte das auch nicht, nahm vielmehr Heinrichs Kommen als etwa» Selbstverständliches hin.
Eine unendliche Erleichterung spiegelte sich in seinen Mienen.
„Das ist gut! — Das ist gut! Nun kommt Ihr doch noch zusammen!" flüsterte er und schlummerte sofort wieder weiter.
Tage vergingen — eine ganze Woche.
Nicht von Castellamare, aber von Neapel hatte Herr Schwarze einen erfahrenen deutschen Arzt geschickt.
Der zuckte aber, sobald er mit Heinrich Tornegg allein war, die Achseln und erklärte, da sei nicht viel zu thun; es könne sehr rasch durch einen Blutsturz enden oder aber auch noch tage-, ja wochenlang so hingehen, auf Rettung fei aber feines Erachtens nicht zu hoffen.
An dem Lager eines Sterbenden zu sitzen und zu Füßen des Bettes immer den großen Würger Tod zu sehen, ist sehr schwer für fühlende Herzen.
Das empfanden Paula wie Heinrich.
Und doch, — welch' wundersam schöne Stunden brachte ihnen diese Pflege!
Welch' reiches, glückliches Leben entspann sich zwischen ihnen in der Gemeinsamkeit ihrer Aufgabe.
Hätten sie sagen sollen, was denn so schön, so heimlich und beglückend daran sei, sie würden es nicht gewußt haben; sie dachten auch Beide nicht darüber nach, sondern lebten der Pflicht des Augenblicks, die, so anstrengend sie war, ihnen doch eine Art heiliger Freude brachte.
Der Ruhestunden gab es nicht viele — nur flüchtige Momente während Erichs Schlummer; dann traten sie hinaus auf den Altan, fetzten sich auf die Steinbank dort, blickten hinaus auf Himmel und Meer und plauderten leise. Wovon? Von Allem, was ihnen durch Herz und Sinn ging, vom Größten und Kleinsten; aber das, was diese Unterhaltungen so reich und fesselnd machte, das war wieder die geistige Uebereinstimmung, welche sich stets von Neuem ergab.
Es war Paula, als ob sich in ihrer Seele tausend verborgen gewesene Reichthümer aufthäten durch diesen Verkehr mit Heinrich. Ein Wort von ihm machte sie oft stutzen über diese Reihe von klaren Gedanken, die sich wie ein zurück- gedämmter Quell jetzt mit nie geahnter Lebendigkeit hervor-
stürztsn und ihren Worten einen Schwung, eine Beredsamkeit gaben, über welche sie selbst oft erstaunte.
Mit ihm war es ähnlich. Er hatte ihr, so viel sie auch zusammen sprachen, immer noch was zu sagen, was er lange, lange stumm in der Seele herumgetragen. Seine geistigen Interessen, seine tiefe Vereinsamung, sein Sehnen nach einer verstehenden zweiten Seele, fein vergebliches Suchen danach, das Entbehren feines Herzens — das Alles sprach er ihr aus und auch ihm war, als erkenne er erst j tzt, wie arm er dahingelebt — ärmer wie der Bettler dort am Wege, der doch fein mit ihm bettelndes Weib und Kind hat.
Dann kamen aber wieder Stunden über ihn, wo er an ihr ganz irre ward.
Sie hatte doch gesagt, sie liebe Erich nicht mehr, ihr Herz sei tobt!
Und hier war sie und pflegte Erich wie ein Engel. Jeder Puls, jeder Athemzug, jeder Farbenwechsel Paulas verrieth, daß sie mit dem Herzen bebte, daß ihr ganzes Wesen von einer heiligen, anbetungswürdigen Liebe erfüllt war und jede Stunde belehrte ihn: Sie sprach, wie sie dachte, sie gab sich durchaus, wie sie war — wie aber stimmte dazu ihre überzeugte Versicherung, daß sie für Erich keine Liebe mehr fühle, daß ihr Herz tobt fei?
Derartige Gedanken unterbrachen die Pflege dann immer wieder.
Zuweilen kam es über Erich, daß er sein Kind heiß beweinte; aber selbst für den Schmerz war er viel zu schwach, — gleich danach versank er schon wieder in die Apathie, die mit heftigen Fieberanfällen uno Zornesausbrüchen gegen sein Weib und ihren Entführer abwechselten.
Bei solchen Anlässen sührte Heinrich Paula sofort hinaus; er dachte sie zu schützen gegen die Pein, des Bruders Leidenschaft für das unselige Weib bekennen zu hören.
(Schluß folgt.)
Auf der Glentßierjagd.
Eine Jagderinnerung aus Livland. Bon A. v. Stetten.
(Schluß.)
Die einzige Wirkung meiner Stimme auf das Elen war höchstens die, daß es womö iltch noch feindseliger die mich verbergende Tanne anstarrte, offenbar kam es ihm jedoch gar nicht in den Sinn, sich zu trollen. Ebensowenig wollte mir Antwort auf meinen lauten Jägerruf werden, nur bas Echo meiner eigenen Stimme gab der schnee- und eisbedeckte Forst zurück.
So verging eine Stunde, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, die Füße konnte ich nur dadurch einigermaßen warm halten, daß ich abwechselnd mit dem einen und dem andern Fuße den Boden stampfte, wobei ich mich in acht nehmen mußte, größeres Geräusch zu machen ober eine meiner Bewegungen den Bock sehen zu lassen. Enblich beschloß ich, meiner seltsamen Gefangenschaft um jeden Preis ein Ende zu machen und auf alle Fälle den Versuch zu unternehmen, den erwähnten andern dicken Baum noch vor dem Elen zu erreichen. Noch einen spähenden Blick warf ich dem Thiere zu und brach dann hinter der Tanne vor, mit gewaltigen Schritten meinem neuen Zufluchtsorte zustrebend. Ich wagte es nicht, mich einmal umzuschauen, ans Furcht, hierdurch ein paar kostbare Secunden zu verlieren, indessen war dies auch gar nicht nöthig, nach dem Schnauben des Bockes konnte ti> schon hinlänglich beurteilen, daß er mir folgte. Keuchend sauste ich nm die zweite Tanne, und meine verzweifelten Anstrengungen waren in der That auch sehr wohl angebracht gewesen, denn kaum befand ich mich hinter dem Baum, so prallte der Bock mit seinem Riesengeweih an die Tanne mit einer solchen Gewalt an, daß er förmlich in den Schnee zurückgefchleudert wurde.
Meine Lage war indessen eigentlich um nichts gebessert. Befand ich mich doch auch hinter dem neuen Baume nicht besser daran, als vorher, höchstens den einen geringfügigen


