Ausgabe 
18.2.1896
 
Einzelbild herunterladen

Erich ihr lange schon nichts mehr sei; diese Minute bestätigte ihr die große Entdeckung in ihrem eigenen Herzen.

Nichts als eine Art beschützenden Erbarmens fühlte sie für ihn.

So sehr sie jahrelang sich selbst betrogen, so klar war sie sich plötzlich.

Melden Sie mich bei dem Herrn!" befahl sie der Frau.

Und dann ging sie unbefangen zu ihm, wie wenn es sich um Einen ihr ganz fremden, kranken Landsmann handelte.

Ein letzter, röihlicher Strahl der Abendsonne fiel in Erichs Zimmer, das hoch über dem Meere gelegen, vor seiner breiten Fensierthür einen Erker hatte, dessen Dach, von zier­lichen Steinsäulen getragen, weit vorsprang. Köstliche, kühle Seeluft wehte von draußen herein, das altmodische Himmel­bett, dem Altan gegenüber, gab dem Kranken eine entzückende Aussicht auf das augenblicklich wie Perlmutter schillernde Meer und die von der Abendsonne roth beleuchteten Felsen.

Paula sah dies Alles mit einem Blick, der zweite wandte sich schreckerfüllt von dem Verwundeten hinweg und kehrte dann doch scheu wieder zu ihm zurück.

Großer Gott, welche Veränderung! Darauf war sie innerlich durchaus nicht vorbereitet gewesen-

Weiß war er wie die Tücher und Kisien, zwischen denen sein Kopf ruhte; keinen Tropfen Blut schien er noch in den Adern zu haben. Seine großen, fieberhaften Augen bohrten sich auf ihr Gesicht; er wollte ihr die Hände entgegenstrecken, war aber zu schwach dazu.

Paula! Seien Sie gesegnet! Bringen Sie mir Nach­richt von meinem Weibe?" rief er ihr heiser entgegen.

Von seinem Weibe?

Ihr war, als habe sie einen Schlag empfangen; ihr ganzes Gefühl empörte sich gegen ihn.

Er las ihr die Gedanken von der Stirn.

Ein unaussprechlich jammervoller Ausdruck trat in sein Gesicht; dann mit Anstrengung ergriff er flehend ihrs Hand, preßte dieselbe an seine heißen Augen und sie fühlte die glühenden Tropfen, die darauf fielen.

»Erich! Erich! Fassen Sie sich!" stammelte sie nun doch ergriffen.

O, Paula, habe Mitleid! Laß mich klagen! Ich sterbe, wenn ich nicht sprechen soll!"

So sprich, Erich! Ich will bei Dir bleiben, bis"

Bis ich tobt bin, Paula. Versprich es mir. Sage Ja! Ich habe Niemand auf der Welt keine Seele; mein Kind ist tobt,sie" hat mich verlassen. O, Paula, verachte mich nicht, Du edles, gutes Mädchen, schilt und zürne nicht! Du weißt nicht, welche Hölle ich in meiner Brust trage, weil ich die Unselige liebe, trotz Allem- Du bist ein Engel des Lichts neben diesem Geschöpf und doch, Paula, doch trotz Allem! Ich liebte sie wie ein Wahnsinniger. Ja wahnsinnig l Das war's, das bin ich noch heute. Mein Herz brennt in wilder Sehnsucht nach einem Lächeln von ihr. Das begreifst Du nicht? Ich auch nicht! Hahaha! Ich sehe es ja selbst ein, es ist Verrücktheit! Ich bin ja krank ich sterbe. O, nur einmal noch möcht' ich in ihre Augen sehen! Paula, sie war im Grunde nicht schlecht ihr Herz konnte weich sein, lieb und gut, und ihr Kind vergötterte sie. Es lag wohl an mir, Paula; ich wußte mit diesem Character nichts anzufangen, wäre ich grausam und brutal mit ihr ge­wesen ich glaube"

Und so strömte aus seinem Herzen diese ganze qualvolle Verworrenheit, dieser Wahnsinn und sie hielt seine fieber­hafte Hand, hörte die an Delirium streifenden Ergüsse und fühlte dabei nichts anderes als dasselbe Mitleid, welches sie jedem anderen fchwerleidenden Menschen gegönnt haben würde.

Ihr Vater schickte nach ihr und die Tischzlocke erklang.

Geh' nicht fort! O, geh' nicht fort! Du weißt nicht, was es heißt, hier allein eingefettet zu liegen und die Geier fressen das Herz aus, das lebende, zuckende Herz!" flehte und klagte er und sah aus wie ein geängstigtes Kind, das sich an die Mutter klammert.

Sie legte die Hand auf feine Stirn und versprach zu bleiben.

Wcnige Minuten später war er eingeschlafen.

Ihr Vater empfing sie mit Vorwürfen; er fühlte sich beleidigt und hintenangesetzt.

Auch hier hatte sie ein geängstigtes Herz zu beruhigen.

Seine Sorge theilte sie in vollem Maße; sie waren so gar nicht daran gewöhnt, sich besondere Einschränkungen auf­zuerlegen. Der Verlust der in Gefahr stehenden großen Summe veränderte ihre ganze Existenz.

Endlich gelang es ihr, ihn vorläufig zu beruhigen. Definitives konnte er erst morgen erfahren; aber Doctor Hübeners letzte Depesche klang ermuthigend.

Als sie den Vater verlassen, ging sie noch einmal zu Erich.

Er lag in wirren Delirien; aber die Wirthin sagte, er sei ruhiger als die anderen Rächte-

Eine Nonne war bei ihm; man hatte für ihn gethan, was irgend möglich war-

Der arme Herr wird es nicht überstehen," sagte der Doctor.

Die Lunge ist schwer verletzt, es müßte ein Wunder geschehen; aber der Herr ist ein Protestant," plauderte die Nonne auf sie ein mit jenem kläglichen Gewohnheitstone, den sie für die Krankenlager hatte.

Die Wirthin brachte Paula dann selbst auf ihr Zimmer. Daß Excellenza, der Herr Vater, Alles bezahlen wolle, hatte Paula ihr schon vor Tagen geschrieben; jetzt war sie dankbar und überreichte ihr eine unendlich lange Rechnung, deren Totalsumme Paula erschreckte.

Auch für das flüchtige Weib und den Mordbuben sollten sie die ganze Zeche bezahlen?

Sie war zu mitte, weiter zu denken; nur einer unend­lichen Erleichterung ^ar sie sich noch im Einschlummern klar bewußt:Nicht tobt nur leer!"

Noch ehe der Vater am anderen Morgen sein Bett ver­lassen, war die so unruhig ersehnte Gewißheit da. Hübeners Telegramm lautete kurz und bündig:Ohne irgend welchen Verlust das Kapital bei der deutschen Reichsbank beponirt. Höchste Zeit. Gratulire!"

Welche Erleichterung!

Der brave Junge I Der Heinrich I Das dürfen wir ihm nie vergessen!" sagte der Präsident ein über das andere Mak.

Es schien Paula, als hätte die ausgestandene Angst ihn äus feiner Verdrossenheit glücklich aufgerüttelt. Die wenigen Gäüe, welche zur Zeit in der Luna weilten Engländer und Holländer störten ihn, wie es schien, hier gar nicht. War das ein gutes Zeichen für die Kräftigung feiner Nerven? Das Leben am Strande machte ihm Spaß, er rüstete sich gleich nach dem Frühstück, hinunterzugehen. Seine Mienen waren heller, wie Paula sie feit vielen Monaten gesehen.

Sie selbst eilte zu Erich hinüber.

Er hatte sie schon sehnsüchtig erwartet, war aber unend­lich schwach und kaum im Stande, ein paar Worte des Dankes zu sprechen-

Heute, wo sie Zeit hatte, sich auch specieller um seine Pflege zu bekümmern, schien ihr nun doch, als sei sehr Vieles betreffs der Behandlung der Wunde vernachlässigt.

Der Arzt aus Salerno war feit vier Tagen nicht ge­kommen; er fei selber erkrankt, hörte sie von der Wirthin; die Nonne war gegangen. Tagsüber hatte der Unglückliche ganz allein gelegen und nur ab und zu schaute die Hausfrau einmal hinein zu ihm.

Da begriff sich fein fieberhafter Eifer, Paula festzuhalten.

Ob er wohl gar nicht an feine Schuld gegen sie dachte? Es schien ihr nicht so; er sah in ihr eine barmherzige Schwester, die er vielleicht einst gekannt.

Mochte er doch vor der Reue Ruhe haben! Je mehr der Tag vorrückte, um so unruhiger wurde er. Paula hatte nach Castellamare telegraphirt an Herrn Schwarze wegen eines tüchtigen Arztes. Inzwischen begann Erich von neuem ziz fiebern und ihr von seinem Weibe zu reden, bald zornige