„Lu willst da» Geld nicht als Darlehen von mir annehmen?"
„Nein, glaube mir, daß es so bester ist, lieber Hans I — Wenn Du mir die nöthigen Empfehlungen mitgeben willst, bin ich Dir schon genug verpflichtet."
„O gewiß, die würde ich auch meinem Burschen geben," rief Rosenau, sich ungestüm erhebend und nach Mütze und Degen greifend. „Im Nebligen sind wir miteinander fertig."
„Aber Hans, ich bitte Dich —"
„Willst Du das Geld annehmen, Findling?" „Mein Gott, wenn es so gemeint ist, ja, ja!" „Das war Dein Glück, Du mathematischer Pedant!" Und Rosenau umarmte ihn freudig.
IV.
Der Bahnzug, der über Dresden nach Wien ging, stand zur Abfahrt bereit. Die Paffagiere waren eingestiegen, der Schaffner revidirte die Fahrkarten und schloß die Wagen. Lieutenant Rosenau reichte seinem Freund Waldmann, welcher in einem Coupee 2. Klaffe saß, noch einmal die Hand. Er warf einen letzten Blick auf eine junge Dame, welche in der entgegengesetzten Ecke lehnte und gleichgiltig aus dem Fenster schaute.
„Glückliche Reise!" rief er dabei. „Bist doch allemal noch ein Sonntagskind, lieber Sohn, ganz allein mit einem solchen Paffagier! — Zum Anbeißen hübsch, wenn der Schleier nicht trügt —"
„Adieu, Hans!" unterbrach Otto seinen halblauten Redestrom, ihm kräftig die Hand schüttelnd. „Ich werde Dir sogleich schreiben."
„Das bitte ich mir aus, adresstre aber direct nach Metz. — Vergiß auch nicht, mir eine etwaige Antwort auf die begonnene Correspondenz mit 777 —"
Waldmann machte eine unwillige Bewegung, indem er einen raschen Blick auf die junge Dame warf, welche indeß keine Notiz von der Unterhaltung der beiden Herren genommen zu haben schien, sondern fortwährend aufmerksam aus dem entgegengesetzten Fenster schaute.
In diesem Augenblick setzte der Zug sich in Bewegung und Rosenau trat auf den Bahnsteig zurück, dem scheidenden Freund noch den letzten Gruß mit der Hand zuwinkend.
Waldmann lehnte sich mit einem unterdrückten Seufzer zurück und starrte unverwandt vor sich hin. Da« letzte Band, das ihn mit dem deutschen Vaterlande, mit Kaiser und Reich, denen er mit warmer Liebe, mit patriotischer Begeisterung gedient, verknüpft hatte, war nun, da er in eine fremde, ungewisse Zukunft hinauszog, für immer zerriffen. Mit Leib und Seele seinem Berufe und absonderlich seiner Waffe ergeben, fühlte er sich augenblicklich wie ein Fisch auf dem Trockenen, wie ein steuerloses Schiff auf weitem Meere und schauerte fröstelnd bei dem Gedanken zusammen, einem fremden Staate dienen, oder es gar erleben zu müssen, achselzuckend abgewiesen zu werden, sobald man den eigentlichen Grund seines Abschieds erfahren hatte.
Vor einer solchen Möglichkeit konnte ihn Hans Rosenau mit seinen Empfehlungen auch nicht bewahren.
Endlich fuhr ihm die Zahl 777 durch den Sinn. Er er# röthete bei dem Gedanken, daß er sich von dem leichtherzigen Freunde zu einer Beantwortung jenes Heiraths-Jnserats bereits hatte verleiten lassen und seine Adresse post-restante Wien bezeichnet hatte.
„Er ist weit genug mit Dir gekommen, Freund Otto!" ironifirte er sich in Gedanken, „daß Du auf da« Geld einer Fremden zu hoffen, Deine werthe Person für 200,000 Mark anzubieten wagst. Eine schmähliche Geschichte!"
Diese letzte Bezeichnung seiner neuesten Thailen schien er ziemlich laut gedacht zu haben, da die junge Dame eine rasche Bewegung machte und ihren sonderbaren Mit-Passagier erstaunt ansah.
Dieser fuhr au« seinem quälenden Brüten erschreckt empor. Er schien sich jetzt erst wieder darauf zu besinnen, daß er
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nicht allein war, blickte sie verwirrt an und lüftete den Hui zum Gruß, den sie freundlich erwiderte.
„Ich habe mir erlaubt, das Fenster hier zu öffnen," sagte sie mit einer außerordentlich melodisch klingenden Stimme, „es geniert Sie doch nicht?"
„Nicht im Geringsten, mein gnädiges Fräulein!" erwiderte Waldmann, nun ebenfalls lächelnd, weil ihm, dem gegen Wind und Wetter abgehärteten Soldaten, eine solche Frage doch zu komisch erschien. „Meinethalben würde ich auf Ihren Wunsch auch dieses Fenster hier öffnen."
„Nein, lieber nicht," wehrte sie fast ängstlich ab, „Zugluft war mir stets verhängnißvoll."
Sie schlug bei diesen Worten den grauen Schleier zurück. Er blickte sie wie verzaubert an, da er diese« süße Antlitz mit bett schelmisch blitzenden Augen in seinen schönsten Träumen schon gesehen zu haben glaubte.
Erröthend senkte sie vor seinem Blick die Augen und wandte stch dann dem offenen Fenster wieder zu.
„Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein!" stotterte er. „Ihre Züge kommen mir bekannt vor, vielleicht haben wir uns in 3E. gesehen?"
„Wohl möglich," meinte sie, sich wieder zu ihm wendend, „ich war dort als Lehrerin in einem Mädchen-Pensionat und führte meine Zöglinge allwöchentlich spazieren."
„Ah so, ich erinnere mich in der That, einer ganzen Heerde schneeweißer Schäfchen zuweilen begegnet zu sein, hab' mir indessen die Hirtin nie ander« al« in der ehrwürdigen Gestalt des Alter« mit blauer Brills und derlei Attributen vorstellen können. Daß zu einer solchen respectheischenden Stellung eine so junge Dame wie Sie, meine Gnädige —" „Tauglich sein könnte, meinen Sie?" fiel diese mit silber» Hellem Lachen ein und Waldmann lachte ebenfalls. „O," fuhr sie, ihn forschend anblickend, fort, „ich habe gefunden, daß man sich in meinem Alter ebenso gut der Jugend gegenüber Respect verschaffen kann, al« mit fünfzig ober sechzig Jahren. Da« müssen Sie als junger Offizier doch am besten wissen"
Waldmann sah sie überrascht und erschreckt an. Er erblaßte.
„Sie kennen mich also, mein gnädige« Fräulein?" brachte er mühsam hervor.
„Ich sah Sie zuweilen, hörte auch von Ihnen durch eine Pmsionsfreundin, der Mündel de« Herrn Werner, bei dem Sie wohnen. — Sie sind doch Lieutenant Waldmann? '
„Mein Name ist Waldmann, augenblicklich Lieutenant außer Dienst."
„Ach richtig," rief die junge Dame lebhaft, „ich hörte davon."
Eine kleine Pause entstand.
Er blickte, von ihr abgewandt, bleich und düster aui dem Fenster, während sie ihn verstohlen beobachtete.
Plötzlich wandte er sich wieder ihr zu.
„Frau Fama beschäftigte sich also recht angelegentlich mit meinem Schicksal, wie er scheint," sagte er nicht ohne Bitterkeit.
„Das weiß ich nicht," erwiderte die junge Dame ruhig. „Ich hörte es von meiner Freundin, welche behauptete, daß man Ihnen schmähliches Unrecht zugefügt habe."
„Sehr liebenswürdig von Ihrer Freundin, meine Gnädige!" sagte Waldmann, wehmüthig lächelnd. „Es thut mir im eigenen Interesse leid, diese Behauptung zurückweisen zu müssen, da mir kein Unrecht zugefügt worden ist. Ich hatte wie ein Thor gehandelt, durfte aber nicht das zweite Unrecht hinzusügen, mich mit meinem Vorgesetzten, einem alten Herrn, zu schlagen, mit ihm, der mir stets so väterlich gesinnt gewesen war."
„Nun, davon abgesehen," meinte die junge Dame mit einer sehr weisen Miene, „so hätten Sie stch an den Kaiser wenden und Ihrem höchsten Kriegsherrn die Sache vortrage« sollen, anstatt Hals Aber Kopf zu qailtiren."
„Um Verzeihung, mein gnädige« Fräulein, Sie sind.'gewij eine ausgezeichnete Lehrerin, aber in puncto militärischer Diseiplin und Ehre scheinen Sie nicht sehr unterrichtet zu fein. — Lassen wir deshalb diese« unerquickliche Thema und


