Ausgabe 
17.12.1896
 
Einzelbild herunterladen

660 -

haben, jedenfalls. Darum sagte ste sich aufrichtend:'s ist böser Weg, sehr böse, und ich wäre lieber daheim geblieben morgen. Aber--"

Du gehst nicht, darfst nicht gehen morgen, Mutter," trat Frau Anna als Tochter verständig dazwischen.Zwei­mal bist Du schon in der Stadt gewesen in dieser Woche, das ist genug für Deine Siebzig I Die Frau Oberförster mag fich diesmal ein Paar jüngere Beine besorgen. Ich letd's nicht!"

Botenhanne wollte Einwendungen machen, aber ein plötzlicher Hustenanfall, der wie aus verwundeter Brust hervor­drang, zwang sie zum Schweigen. Selbst der Förstläufer rieth von dem beschwerlichen Unternehmen ab und ging einen anderen Boten sufzufinden.

Frau Anna begann nun die Abendsuppe auszutheilen, indem ste für fich und ihre beiden kleinen Mädchen einen Teller voll aus dem Kochtopfe schöpfte. Für die Mutter füllte sie eine irdne Schlüffel voll und stellte sie neben Boten­hanne» Lehnstuhl. Botenhanne und Frttzchen, der an Groß­mutter« Rocksalten wie an einer Himmelsleiter emporge­klettert war, aßen immer zusammen. Als Beide gesättigt waren, schmiegte fich Fritzchen noch ein Weilchen still auf ihrem Schooße zusammen, wie ein Kätzchen, das endlich das richtige warme Plätzchen gefunden hat, dann trug die Groß­mutter das Enkelkind ins Bett. Aber auch aus den Federn heraus redete Frttzchen noch von demSchäfchen".

Wie immer war Frau Anna am anderen Morgen die Erste aus dem Bette vorausgesetzt, daß ihr Großmutter nicht zuvorkam, nach Altersart war ste manchmal schon beim ersten Hahnenschrei wach. 'Heute aber schlief ste infolge der gestrigen Ermüdung wie tobt Frau Anna konnte ruhig da« Hau« beschicken. Bald nach Tagesgrauen wollte fie wieder als Näherin auf Arbeit, im Schulzenhofe galt es noch zwei schöne, bunte Kleider zur Weihnachtsbescheerung fertig zu machen, für das Zwillingspärchen des Bauern. Dafür durfte ste von der Wohlhabenheit der Leute erhoffen, daß dem kärglichen Arbeitslohn heute ein reichlicheres Weihnachts­geschenk beigefügt werde.

So war die Großmutter mit den drei Enkelkindern während de« Tages allein. Das war für die Vier jedesmal ein hoher Festtag, obgleich er im Kalender nicht roth ange­strichen war. Großmutter ließ Alles mit sich machen, ließ mit sich spielen und ließ sich quälen nach Herzenslust. Und die Milchsuppe, die fie den Kindern dafür kochte, schmeckte durch ein heimlich bereit gehaltene« Stück Zucker jedesmal honigsüß. Wie konnte die Ziege nur mit einem Male so zuckersüße Milch geben? .... Und dazu verstand Großmutter auch von Hänsel und Gretel zu erzählen, heute freilich er­zählte fie nur vom Christkinde.

Gegen Mittag kam wie täglich der Postbote ins Dorf, war aber heute bepackt wie ein Kameel in der Wüste, Schachteln, kleine Kisten, Packele trug er an seinem Knoten­stock befestigt, über der Schulter. Dazu war die umgehängte Geldtasche heute bis zum Rande gefüllt, während die Post­station sonst nur kleinere Geldbeträge durch den Briefträger übermitteln ließ, um denselben auf den einsamen Wegen keinen räuberischen Ueberfällen auszusetzen. Sogar ein Ge­wehr trug er bei sich, um Rothschüffe abgeben zu können, bei Schneeverwehungen und anderen Gefahren, denen er in winterlicher Einsamkeit hier oben ausgesetzt war. Zum Er­staunen der Leute auf der Dorfgaffe trat er auch heule in« Hirtenhaus ein und brachte Großmutter einen fünffach gesiegelten Brief.

Botenhanne war einen Augenblick starr vor Staunen, dann kam ein unsägliche« Glücksbewußtsein über ihr alte« Herz. Der Brief konnte nur von ihrem Carl kommen, der vor sechs Jahren nach einer deutschen Seestadt ausgewandert «ar. Es war ein geschickter, schmucker Bursche gewesen, hatte daheim aber nicht gut gethan, trotz seine« guten Zimmer- Handwerk«. Allmälich schien er aber besser zu Verstände ge­kommen zu sein. Gegenwärtig hatte er zwei Jahre ausge­halten bei seinem Meister und sogar jährlich ein paar Mal

an die Mutter im Harzdorf geschrieben. Daß er aber sogar Geld schicken werde, das hatte Keiner von dem Carl erwartet!

Mit zitternden Händen öffnete Botenhanne den Brief ein neuer, guter, richtiger Zwanzigmarkschein fiel ihr entgegen. War das möglich? Run, der liebe Gott hatte die alte Botenhanne doch nicht vergessen! .... Ueberselig reichte sie der ältesten Enkelin den Brief und sagte:

Lieschen, kannst Du schon lesen ordentlich?"

Ja, Großmutter, in der Fibel und im Gesangbuch!" Auch Geschriebene«?"

«Vielleicht! Ein Bischen!"

Dann kannst mir helfen, Lieschen! Zusammen wird'« wohl gehen!" sagte die Großmutter erfreut. . Und wirklich hatte man nach einer Viertelstunde Folgende« glücklich zu- sammengestolpert:

Liebe Mutter!

Ich will Dir diesmal zu Weihnachten schreiben, und gleich zum neuen Jahre gratuliren. Da« alte Jahr war gerade nicht schlecht. Ich weiß, ich habe Dir früher Kummer gemacht, aber jetzt ist'« besser und soll'« auch so bleiben. Fastnächten heirathe ich, und weil meine Guste eine Person ist, die sich die Butter vom Brods nicht nehmen läßt, schicke ich Dir heute zwanzig Mark. Später wird wohl nicht« mehr ab- fallen. Ich möchte aber gern gut machen, wa« ich Dir zu Leide gethan habe, und so ist'« wohl bezahlt. Bleib gesund und behalte lieb

Deinen treuen Carl."

(Schluß folgt.)

Die Krankenträger.

Eine Jagdgeschichte vom Mittelrhein. Von Fred Vincent.

------- (Nachdruck verboten.)

Anfangs Deeember, wenn ein gelinder Frost Weg und Steg wieder gangbar gemacht, ein junger Schnee vielleicht Felder und Weinberge schon mit einer leichten Decke verhüllt hat, bann ist für die mittlere Rheingegend die Zeit der großen Hasentreibjagden herangekommen. Besonder« ergiebig find dieselben in der hessischen Rheinpfalz und namentlich in dem­jenigen Theile diese« gesegneten Ländchen«, da« drei Seiten von Rhein und Nahe eingeschloffen, mit seinen rebengekrönten, lieblichen Hügelwellen und seinen fruchtbaren Feldern das vor­züglichste Terrain für die Niederjagd abgiebt. Auf den üppigen Kraut- und Rübenäckern im Thale erreichen die Mitglieder der Familie Lampe bei unbegrenzter Aesung eine seltene Größe und Schwere und in den während der Traubenreife gegen jeden Verkehr abgesperrten Weinbergen an den Hügeln find fie stcher vor den Nachstellungen ihre« ärgsten Feindes, de« homo sapiens. Hier schlägt denn auch die ganze zahlreiche Familie ihr Standquartier auf und könnte nun in aller Rahe Fett ansetzen, wenn nicht auch der arge Räuber Reinecke Fach» mit feiner Sippe fich in diesem Schlupfwinkel festgesetzt hätte und bisweilen ihre stille Beschaulichkeit in zudringlichster Weise störte.

Unter so günstigen Verhältnissen ist naturgemäß die Ver­mehrung der Gattung lepus timidus eine sehr große, so zwar, daß den meisten Jagdpächtern im Contract die Verpflichtung auferlegt ist, jede« Jahr vor Weihnachten mindestens drei große Treibjagden abzuhalten, um dem Ueberhandnehmen des ge­näschigen Nagers und des durch ihn verursachten Wildschaden» zu steuern. Da« Resultat dieser Jagden ist bei einigermaßen schönem Wetter meistens ein überraschend gutes und es ist durchaus nichts Seltene«, an einem Tage mehr als zweitausend Hasen zur Strecke gebracht zu sehen. Kein Wunder daher, daß Einladungen zu solchen Gelegenheiten gerne angnommen werden und auch ich habe e« bi» vor wenigen Jahren niemals verfehlt, der Aufforderung meines alten Wiesbadener Freunde», Maior Buddenberg, zur Theilnahme an diesen Treibjagden zu entsprechen. Das Jagdrevier, welches der Major in Gemein­schaft mit einem Hotelbesitzer in Bingen gepachtet hatte, gehörte