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um Erikas biegsamen Leib und zog sie ungestüm an sich,
ste sträubte sich nicht ernstlich gegen seine stürmische Liebkosung.
Von seiner kranken Mutter war in der That zwischen ihnen nicht mehr die Rede gewesen, und auch auf der Promenade hatte Erika die kleine verschrumpfte Dame nicht wieder- gesehen. Ihr Zustand mußte sich wohl seit der Ankunft in W. verschlimmert haben, so daß sie genöthigt war, auf weitere Spaziergänge zu verzichten. Denn auch die Haus- dame des Professors, deren scharfem Spürsinn sonst nicht so leicht etwas verborgen blieb, hatte sich bisher vergebens be- müht, sie zu Gesicht zu bekommen oder etwas Näheres über sie zu erfahren. So viel nur hatte sie festgestellt, daß in der Villa Bslevedere keinerlei Besucher empfangen wurden u*b ba& die englische Dienerschaft von einer ganz merk- würdigen Verschwiegenheit sein mußte, da doch sonst auf dem Wege des Domestikenklatsches sicherlich dieses oder jenes in ms Oeffentlichkeit gedrungen wäre. Unzweifelhaft waren es sehr vornehme Leute, diese Ellesmere's und ebenso unzweifelhaft bestand ein sehr harmonisches Verhältniß zwischen ihnen, denn abgesehen von seinen Besuchen bei Professor Fabrieius, köte Herbert nur seiner Arbeit und der Pflege seiner leidenden Mutter. Man sah ihn niemals bei den Conzerten auf der Kurpromenade oder bei den Reunions, und wieviele Angeln auch schon nach ihm ausgeworfen worden waren, noch war er Keinem gelungen, irgend welche gesellschaftlichen Beziehungen zu ihm anzuknüpfen.
Da geschah es wieder eines Tages, daß Professor Fabricius fein Mittagsschläfchen noch nicht beendet hatte, als Herbert Ellesmere in der Villa erschien. Erika selbst hatte ihm geöffnet, und nun trat er mit ihr in den kleinen Empfangrsalon ein, der neben ihres Vaters Arbeitszimmer lag. Es war sehr heiß, und sie trug ein sommerlich leichte», hell- farbiges Kleid, da« ihre schöne Gestalt nur noch reizvoller und anmuthiger erscheinen ließ. Auch ihre rothen Lippen dünkten ihm heute noch frischer, ihre blauen Augen noch strahlender als sonst, Alles was weibliche Schönheit und Jugend an sinnbethörendem Zauber besitzen, schien ihm heute in ihrer holdseligen Persönlichkeit vereivigt.
Die Fenster waren weit geöffnet und schwere, süße Dufte strömten von den Blumenbeeten des Gartens zu ihnen herein. Eine eigenthümliche Beklemmung kam über die Beiden, die sonst in ähnlicher Situation die Minuten de» Alleinseins so Mer, und unbefangen verplaudert hatten. Mühsam und . einsilbig schleppte sich eine Weile die Unterhaltung hin, dann griff Erika, in dem Bestreben, ein neues Gesprächsthema zu finden, nach einem illustrirten Prachtwerk, das man ihrem Vater an diesem Morgen übersandt hatte, und legte es vor Ellesmere auf den Tisch. Er fing wirklich an zu blättern und sich über die einzelnen Abbildungen zu äußern, während seine Gedanken offenbar bei ganz anderen Dingen weilten. Emer der Stiche aber fesselte doch seine Theilnahme, und Erika trat, durch sein warmes Lob neugierig gemacht, an seine Seite, um ihn ebenfalls zu betrachten. Herbert fühlte die leichte Berührung ihrer jugendwarmen Gestalt, und er athmete für einen Moment den feinen Duft ihres seidig glänzenden, goldblonden Haares. Da übermannte ihn die Leidenschaft, gegen die er so lange mit Aufbietung seiner ! ganzen Willenskraft angekämpft hatte; er schlang seinen Arm I
zagender Sehnsucht entgegen; er war ihr al» der verkörperte Inbegriff edler Ritterlichkeit und stolzer Mannerkraft er- schienen, seit sie ihn zum ersten Male gesehen, und wenn er gegangen war, hatte sie die Stunden gezählt, bis er wieder- kommen würde. Woher hätte ste da in diesem Augenblick die Kraft nehmen sollen, ihm zu widerstreben! Ihr blondes Köpfchen sank schämig an seine Schulter, und dann, al» sie die blauen Augen voll zu ihm aufschlug, flog es wie ein Abglanz namenloser Glückseligkeit über ihr Antlitz.
»Ja, ich liebe Dich, Herbert/ hauchte sie, und willig ließ sie's geschehen, daß seine Lippen sich leidenschaftlich heiß auf die ihrigen preßten.
Da knarrte hinter ihnen die Thür, und Professor Ewald Fabricius erschien auf der Schwelle seines Arbeitszimmers. Wie traurig es auch um die Sehkraft seiner armen Augen bestellt sein mochte — daß hier etwas ganz Außergewöhnliches vorging, erkannte er doch, und erschrocken rief er den Namen seines Kindes.
Erika machte lsich aus Herberts Armen frei und warf fich halb lachend, halb weinend an die Brust des bestürzten alten Herrn. So sah sie es nicht, eine wie erschreckende Veränderung plötzlich in Ellemere's Zügen vor fich ging. Er war todtenbletch geworden, seine L ppen zuckten und mit unheimlich düsterem, verzwetflungsvollem Ausdruck starrten feine Angen in'« Leere. Dann aber, als Fabricius in rührendem Tone fragte, ob er denn gar nicht erfahren solle, was hier geschehen sei, schien ihm doch da« Bewußtsein zu kommen, daß er nicht länger stumm und fassungslos dastshen dürfe. Und nun stieß er in hastigen, fich überstürzenden Worten hervor:
, «Ich bin Ihnen allerdings eine Erklärung schuldig, Herr Professor; aber ich fühle mich in diesem Augenblick nicht fähig, ste Ihnen zu geben. Vergönnen Sie mir nur eine kurze Frist — nur ein paar Stunden I — Heute Abend noch sollen Sie Alles erfahren."
Erika wandte sich überrascht nach ihm um; aber sie sah nur, daß Herbert Ellesmere, ohne einen Blick auf sie zu werfen, gleich einem Verfolgten aus dem Zimmer stürmte. | Mr einen Moment wohl machte diese seltsame Aufführung auch sie betroffen; aber ihre junge Glückseligkeit ließ doch keinen ernstlichen Zweifel auskommen in ihrem Herzen. Dies Alles' hatte sich ja wie nach einer höheren Fügung so rasch und unerwartet vollzogen. Auch ihn hatte offenbar eine nnwiderstehliche Gewalt getrieben, sich früher zu entdecke», als es ursprünglich in seinem Plane gelegen, und Erika glaubte zu verstehen, daß es dem feinfühligen, in den strengen englischen Schicklichkeitsbegriffen ausgewachsenen Manne peinlich sein müsse, unter dem Zwange einer Ueberrumpelung seinen Antrag bei ihrem Vater vorzubringen. So erklärte sie auch dem Professor das scheinbar so befremdliche Verhalten Herbert», und er ließ sich leicht genug überreden, daß dies in der That die einzige richtige Deutung sei. Und nun wurde er nicht müde, sein geliebter Kind mit halb web- müthigen, halb beglückten Zärtlichkeiten zu überhäufen.
„Es wird mir wohl nicht« Anderes übrig bleiben, al» Dich ihm zu geben," meinte er. „Wir wissen ja im Grunde nur sehr wenig von ihm; aber seine Liebenswürdigkeit hat ihm meine Zuneigung gewonnen, und ich zweifle nicht, daß ein Mann, den Professor Reymond nach zweijähriger Bekanntschaft so warm empfehlen konnte, auch meine Achtung und mein Vertrauen verdient. Er wird mich ja voraus- sichtlich heute Abend genauer über seine Verhältnisse unter- richten, und wenn die Prüfung auch da zu seinen Gunsten ausfällt so will ich in Gotte« Namen da« schwerste Opfer «eines Lebens bringen, um Dich, mein Kleinod, glücklich zu
(Fortsetzung folgt.)
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durste er au» dem Munde des berühmten Gelehrten die schmeichelhaftesten Dinge über seine Arbeit vernehmen. Fabricms behandelte ihn schon ganz wie einen guten Freund des Hauses; er interessirte sich lebhaft für sein neue», in der Vollendung begriffenes Werk und wünschte von jedem weiteren Fortschritt desselben unterrichtet zu werden. So geschah es auf die natürlichste Art von der Welt, daß Herbert Ellesmere kV™»! täglichen Besucher der Villa Erika wurde und daß sich auch sein Verkehr mit dem liebreizenden Töchterchen des Professors immer mehr zu einem kameradschaftlich vertraulichen gestaltete.
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