Ausgabe 
17.11.1896
 
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Der Engländer vernahm einen leichten Schritt, und seine dunklen, etwas schwermüthigen Augen öffneten sich weit in bewunderndem Erstaunen, als sie gewahrten, daß der Ge hülfe des Professor Fabricius eigentlich eine Gehülfin war, und zwar ein wunderschönes, junges Mädchen von höchstens zwanzig Jahren. Ihre anmuthige Gestalt und ihr holdes, jugendfrische» Gesichtchen konnte wahrlich jede andere Vor­stellung eher erwecken, al» die der Gelehrsamkeit und der Beschäftigung mit trockenen wissenschaftlichen Dingen, wenn sie auch die schön gewölbte Stirn und die großen, sinnenden Denkeraugen ihres Vaters geerbt hatte.

Meine Tochter Erika," sagte der Professor vorstellend, der Stab und die Stütze meines hinfälligen Alters."

Eine Welt von Liebe und Zärtlichkeit war in seiner Stimme. Es bedurfte für den Fremden seiner Erklärung und keiner Beobachtung mehr, um ihn davon zu überzeugen, baß hier eines jener rührend innigen Verhältnisse obwalte, wie sie selbst zwischen Vater und Tochter nicht all' zu häufig vorkommen. Er machte Fräulein Erika seine Verbeugung und wußte ihr mit der Gewandtheit des Weltmannes einige artige Worte zu sagen, wie sie der Art der Vorstellung an« gemessen waren. Aber der bewundernde Ausdruck blieb in seinen Augen, so oft er sie zu ihrem liebreizenden Antlitz erhob, und sein ernste» Gesicht schien heiter zu werden, während er dem Klang ihrer weichen, glockenhellen Stimme lauschte. Sie erkundigte sich nach einigen Berliner Bekannten, mit denen er durch seinen Gönner, den Profeffor Reymond, in Berührung gekommen sein konnte, und sie legte dabei so viel liebenswürdige Natürlichkeit an den Tag, daß Ellesmere sehr bald zu der Gewißheit gelangen mußte, die Beschäftigung als Gehülfin ihres Vaters habe ihr noch nichts von der be­zaubernden Naivetät der glücklichen Jugend zu rauben ver­mocht. Dann aber verstummte sie, denn Fabricius hatte das Gespräch wieder auf die wissenschaftlichen Arbeiten des Besucher» gelenkt, und die beiden Herren geriethen unmerklich in eine sehr gelehrte Auseinandersetzung hinein. Ja, e» kam sogar in Bezug auf ein geringfügiges historisches Factum zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen. Der Professor vertrat mit Lebhaftigkeit seine Ansicht, und mit der Bescheidenheit, die dem großen Gelehrten gegenüber am Platze war, wollte der Engländer eben seine Behauptung zurückzieyen, als in der entferntesten Ecke de« Zimmers eine glockenhelle Stimme laut wurde:

Diesmal sind Sie im Unrecht, Herr Professor! Ich berufe mich gegen Sie auf die Autorität des berühmten Historikers Ewald Fabricius, der im fünften Band seiner Weltgeschichte auf Seite 317, zweiter Absatz, Folgendes schreibt."

Sie hatte das Buch in der Hand und las die Stelle vor, die Ellesmere'» Auffassung unzweideutig bestätigte. Fabrleiu», der sich so aus seinen eigenen Werken widerlegt sah, gestand lachend den Jrrthum ein, der Andere aber blickte ehrfürchtig auf das seltsame junge Mädchen, das nur durch ein geradezu erstaunliche» Wissen in den Stand gesetzt worden sein konnte, ihm diesen unerwarteten Beistand zu leisten. Ein paar Minuten später erhob er sich zur Verabschiedung, denn die Zeitdauer, die für seinen ersten Besuch als schicklich gilt, war bereit» überschritten.

Ich erwarte Sie also recht bald mit Ihrem Manuscript," sagte der Proseffor.Selbstverständlich ist auch meine Bibliothek ganz zu Ihrer Verfügung. Wenden Sie sich nur an meinen blonden Bibliothekar dort, wenn Sie etwas brauchen! Uebrigens haben Sie denn hier schon eine Wohnung?"

Ich habe die Villa Belevedere am Herzogsweg ge- miethet, Herr Professor."

Ah eine vortreffliche Wahl! Ich kenne das reizende Häuschen wohl. Und Sie haben gleich die ganze Villa mit Beschlag belegt?"

Ich war dazu genöthigt," lautete die merkwürdig un- sichere Erwiderung,denn ich bin nicht allein."

Er verbeugt» sich abermals sehr tief gegen Erika und ging.

Ein angenehmer und liebenswürdiger Mann," meinte Fabricius, der durch den Besuch in die beste Laune versetzt worden war.Ich werde mich freuen, wenn seine Arbeiten ihn recht lange hier festhalten."

Das junge Mädchen hatte darauf nicht« zu antworten; aber der Fremde mußte doch wohl auch ihr nicht gerade mißfallen haben, wenn ander» der sonnig heitere Ausdruck des reizenden Gesichtchens ein getreuer Spiegel ihrer Gemüths- stimmung war.

Am nächsten Vormittag schon sah sie Herbert Ellesmere wieder. Sie machte auf einer der abgelegenen, wenig be­lebten Promenaden den gewohnten Morgenspaziergang mit Ihrem Vater, al» plötzlich die schlanke, vornehme Gestalt de» Engländers au» einem Seitenwege auftauchte. Er zog grüßend seinen Hut, aber er konnte wohl nicht stehen bleiben, um eine Unterhaltung anzuknüpfen, denn er befand sich in Gesellschaft einer Dame, die offenbar noch viel gebrechlicher war als der Professor Fabricius. Sie war von kleiner, überaus schmäch­tiger Gestalt und hatte sich an den Arm ihres stattlichen Begleiters gehängt wie ein Kind, das in Furcht ist, es könne seinen Beschützer verlieren. Ihr Gesicht war so dicht ver« schleiert, daß Erika im Vorübergehen nichts als seine er­schreckende Magerkeit wahrnehmen konnte; die beiden Haar­strähnen aber, die an den Schläfen unter dem Capotte-Hut sichtbar wurden, waren schneeweiß. So mußte es wohl die Last der Jahre sein, unter der die arme kleine Gestalt so mumienhaft zusammengeschrumpft war, und auch die liebevolle Fürsorge, mit der Herbert Ellesmere augenscheinlich jeden ihrer Schritte behütete, glich ganz jener ritterlichen Aufmerksamkeit, die ein wohlerzogener Sohn im Verkehr mit seiner hinfälligen Mutter an den Tag legt.

Ein paar Stunden später wußte die Hausdame des Profeffor», die über alle Neuigkeiten von W. stets sehr genau unterrichtet war, in Bezug auf den Bewohner der Vlla Bel­vedere bereits Allerlei zu erzählen. Er mußte wohl ein sehr reicher Mann sein, denn er hatte für sich und für die an­scheinend sehr leidende Dame, die sich in seiner Begleitung befand, eine aus drei Köpfen bestehende englische Dienerschaft mitgebracht. In der jüngsten Nummer der Fremdenliste aber standen die neue« Ankömmlinge als Mrs. und Mr. Ellesmere zu lesen. Es war also kein Zweifel mehr, daß es wirkltG. Mutter und Sohn gewesen, die Erika auf der Promenade ge­troffen hatte.

Noch vor Ablauf dreier Tage wiederholte der Engländer seinen Besuch in des Professors Hause. Es traf sich, daß Fabricius ihn nicht sogleich empfangen konnte und daß er wohl eine halbe Stunde mit Fräulein Erika allein blieb. Von wissenschaftlichen Dingen war dabei nicht viel zwischen ihnen die Rede; Langeweile aber schien trotzdem keines von ihnen empfunden zu haben; denn Erika sah sehr heiter aus, als der Profeffor endlich erschien und Herbert Ellesmere« Augen leuch­teten in einem seltsam freudigen Glanze.

Sie sind mit Ihrer Frau Mutter hier, wie ich höre," meinte der alte Herr im Verlaufe des weiteren Gesprächs, und man hat mir erzählt, daß sie leidend sei. Hoffentlich ist es keine bedenkliche Krankheit."

Der Gefragte, dessen Blick eben wieder auf Erikas holdem Gesichtchen ruhte, suhr wie in plötzlichem Erschrecken zusammen und während er den Kopf rasch nach dem Fenster wandte, kam und ging in schnellem Wechsel die Farbe auf seinen Wangen.

Sie ist vollkommen hoffnungslos, Herr Professor," sagte er mit merklich zitternder Stimme. Und zögernd, wie nach schwerem inneren Kampfe, fügte er hinzu:Nach der Er­klärung der bedeutendsten Aerzte giebt er keine Aussicht auf Rettung mehr. Die Tage der Patientin sind gezählt und die Art ihrer Krankheit macht es mir zur namenlos traurigen Pflicht, sie von allem Verkehr mit der Außenwelt abzuschlteßen."

Eine peinliche Stille folgte seinen Worten. Vater und Tochter fühlten, daß hier eine wunde Stelle in Ellesmere» Herzen berührt worden sei; sie mochten keine weitere Frage thun und nahmen sich in stummem gegenseitigen Sinverständ-