Pflege ihm geholfen hatte, sich wiederzugewinnen, dankte es ihr nicht, weil es ihm an ihrer Seite nicht lieb geworden war. Ach, sie sagte es sich ja jeden Tag, sein Wohlwollen, seine Achtung, ja, die besaß sie, aber seine Liebe? Die sich zu erringen schien ihr vom Geschick versagt zu sein. Wenn Liebe Liebe erwecken soll, hier bestätigte sich dies« allgemeine Regel nicht. Für sie war er Alles, ihr Glück, ihre Sonne, und wie sie damals dem Kranken ohne Besinnen ihre Tage hingegeben hatte, nur in dem Bemühen, für ihn zu sorgen, für ihn zu leben, so würde sie es auch heute noch dem Ge- sunden thun.
Aber der Gesunde bedurfte ihrer nicht, der Gesunde sah . in ihr nur eine Fessel und eine Fessel durfte sie ihm nimmer werden I
Wolf kehrte zurück, Ilse zwang sich zu einem Lächeln, so schwer ihr auch um's Herz war. Hätte Wolf genauer auf sie geachtet, ihm wäre nicht entgangen, wie die Ruhs und der Frieden aus diesem sanften Antlitz gewichen, wie es sich in dem Jahr der Beisammenseins gewandelt hatte. Er aber sah es nicht; ihm war sie ja immer die gleiche, freundlich liebevolle Gefährtin und er glaubte, sich und ihr genug zu thun, wenn er sie mit dem Respect eines Cavaliers behandelte und sie mit der äußeren Zuvorkommenheit umgab, die ein Mann seiner Gattin schuldig ist. Daß sie etwas entbehrte, das ahnte er kaum und hätte er es geahnt: konnte er ihr mehr geben, als er zu geben?
„Professor Riefenthal wirb uns begleiten," rief Wolf ihr schon von Weitem entgegen. „Seine Führung wird uns sehr nützlich sein. Uebrigens habe ich nicht ohne Mühe den Wagen erhalten. Die Hotel-Equipage ist schon von Neuangekommenen Gästen mit Beschlag belegt worden, die denselben Ausflug wie wir beabsichtigen und bereits fort sind. Doch versprach der Wirth, so rasch als möglich ein anderes Gefährt herbeizuschaffen. Bitte, mache Dich fertig!"
Es war eine köstliche Fahrt, unvergeßlich sür Ilse; die letzte, die sie in äußerer friedlicher Gemeinschaft mit dem Gatten unternahm.
Der Professor war fehr heiter gelaunt, ihn muthete Alles an wie ein Sang aus alter Zeit, und sein Mund floß über in Dithyramben der Begeisterung.
Auf der Spaniata wandelte das Volk schon in festtäg-
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Schwester Ilse.
Roman von Clarissa Lohde.
(Fortsetzung.)
„Hoho," rief der Arzt, „so etwas darf man eigentlich hier in Corfu, in dieser Umgebung, unter solchem Himmel gar nicht aussprechen. Sacrilegium, Herr Baron, bet Gott, Sacrilegium!"
„Ja, wie länge dauert aber diese Pracht hier?" widersprach Wolf. „Man erzählte mir, nach Mitte Mai schon würde es hier unerträglich, dann kommt der Sirocco mit seinem heißen Athem und macht die Luft dick und nebelig, treibt die Menschen in die schützenden Mauern der Häuser zurück und wer da kann, entflieht der drückenden Gluth."
„Ja, ja, auch Corfu ist dem Wechsel unterworfen, Herr Baron, wie Alles in der Welt. Vorläufig kann man es dreist noch als Jsola beata bezeichnen, auf der man in Wahrheit den Götterhauch der Seligkeit einathmet. Genießen Sie noch die schönen Tage hier, so lange es geht, und sehen Sie sich mit Ihrer Frau Gemahlin das griechische Osterfest an. Als etwas ganz Eigenartiges kann ich Ihnen heute eine Fahrt nach dem hylläifchen See und den Inseln empfehlen, wo man daran ist, die Kapellen zum Feste zu schmücken."
Damit war der kleine, behäbige Doctor auch schon fort, ehe Wolf noch eine Antwort ertheilen konnte.
„Hast Du Lust zu der Fahrt?" fragte er, ohne Ilse anzusehen.
„Gern, wenn e« Dir Vergnügen macht."
„Dann muß ich sofort einen Wagen bestellen. Zu lange dürfen wir nicht zögern, denn Alles fährt heute; ich glaube, das ganze Hotel ist fast leer."
Ilse stützte den Kopf in dis Hand und blickte dem Forteilenden in Gedanken verloren nach.
Wie lange wird's noch dauern, und das Alles liegt wie ein Traum, ein kurzer, schöner Traum hinter mir, ging's ihr durch den Sinn.
Wie weh ihr wieder Wolfs Worte gethan hatten: „Wenn man einem Menschen überhaupt zum Leben gratuliren kann!" Er dankte ihr nicht einmal das Leben, das sie mit ihrer


