Ausgabe 
16.7.1896
 
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Nahrungsmitteln gehört wie Eiweiß, Kohlehydrate und Fette. Beträgt doch bei einem erwachsenen Menschen die Ausscheidung an Eisen täglich mindestens 20 Milligramm. Außerdem wird es auch noch vielfach im Körper abgelagert, namentlich in Leber, Milz und Knochenmark, von wo dann in Zeiten der Noth, z. B während einer längeren Krankheit, das Blut seinen Etsenbedarf zu decken sucht. Daher muß schon der gesunde, ausgewachsene Mensch täglich eine verhältnismäßig beträchtliche Menge zu sich nehmen. Diese muß aher noch bedeutend gesteigert werden bei Kindern, Jünglingen und Jungfrauen, die im WachSthum begriffen find, bei denen sonst aus Mangel an Eisen Bleichsucht entsteht. Sehr wichtig ist die Zufuhr von Eisen auch besonders bei Reconvolescenten, bei Säuglingen blutarmer Mütter, skrophulösen rachitischen Kindern, Leuten mit häufigen Blutverlusten und bei Lungen­kranken. Nun glaubte man früher, daß der Mensch mit der Nahrung seinem Körper schon genügend Eisen zuführe. Dies ist aber nicht der Fall. Denn es geht von dem in der Nahrung enthaltenen Eisen immer nur ein ganz außer­ordentlich kleiner Theil in das Blut über, so daß nach den neuesten Berechnungen des Professor Ködert der Mensch täglich mindestens 50 Milligramm zu sich nehmen muß, um seinen Etsenbedarf hinreichend zu decken, d. h. um nicht blut­arm zu werden. Diese beträchtliche Menge ist aber keines­wegs in jeder beliebig zusammengesetzten Nahrung vorhanden, sondern muß durch besondere Auswahl dem Körper verschafft werden. Unterziehen wir daraufhin die eisenhaltigen Nah­rungsmittel einer genaueren Betrachtung.

Von den Pflanzen haben:

100 Gr. (wasserfreie Substanz) weiße Bohnen 8,3

100 Erdbeeren 9

ICO Linsen 9,5

100 Aepfel 13 2

100 Spinat 36

Von hierher gehörigen Flüssigkeiten enthalten: 1 Liter Weißwein 1,4 Milligramm Eisen, 1 , Rothwein 2,3

1 Apfelwein 20,6

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Wir sehen also, daß manche Pflanzen (Spinat) und Getränke (Apfelwein) einen ganz bedeutenden Eisengehalt aus- weisen- Daher unterliegt es keinem Zweifel, daß der gesunde erwachsene Mensch mit richtig gewählten Vegetabilien seinen Eisenstoffwechsel decken kann- Dies beweisen ja auch täglich von neuem die Vegetarianer. Ob aber bei Krankheiten das vegetabilische Eisen leicht genug vom Blute ausgenommen (resorbirt) wird, ist nach den bisherigen Erfahrungen sehr unwahrscheinlich. Deshalb kommt es auch bei Blutarmuth nicht zur Verwendung. Nur von den Tartaren berichtet Sljuni m, daß sie gegen Bleichsucht eine pflanzliche Substanz gebrauchen, nämlich die Wandernuß (Trapa natans), deren Aschs 23 bis 30% Eisenoxyd enthält.

Von den thierischen Gebilden kommen als stärker eisen­haltig nur vier in Betracht, nämlich Milch, Eier, Leber und Blut. Die Milch hat nicht so viel Eisen, als man gewöhnlich glaubt, in 1000 Gramm nur 3 bis 9 Milligramm. Zur Deckung des Eisenbedarfes der bleichsüchtigen Patienten genügt also die Milch nicht. Auch ist festgestellt worden, daß der das Eisen enthaltende Eiweißbestandtheil der Milch nur äußerst schwer von den Verdauungssäften angegriffen wird, also fast ganz unverdaut und unverwerthet den Körper wieder verläßt. Das Volk pflegt daher in Rußland und Deutschland den Eisengehalt der sür Bleichsüchtige bestimmten Milch viel­fach dadurch zuverbessern", daß es rostige Nägel hinein­wirft und die Milch dann sauer werden läßt. Dabei bildet sich allerdings Milcheisen, welches aber keineswegs die Eiweiß­stoffs der Milch mit Eisen bereichert.

Als ein in dieser Beziehung sehr werthvolles Nahrungs­mittel glaubte man das Eidotter ansehen zu müssen, da ja

das sich bildende Hühnchen seinen ganzen Bedarf hieraus allein bezieht. Theoretisch ist das auch ganz richtig, sür die praktische Ausnützung aber stellt sich ein großes Hinderniß in den Weg. Diese Eisenverbindung des Eidotters, Hämatogen genannt, gelangt nämlich nur selten zur Aufnahme in das Blut, weil sie durch Schwefelwasserstoff, welcher sich im Darmkanal meist in erheblichen Mengen vorfindet, sehr leicht zersetzt wird.

Viel günstiger verhält es sich mit den aus Leber bereiteten Gerichten. Vorhin wurde schon erwähnt, daß sich da» Eisen in einigen Organen, namentlich in der Leber, ablagert. Natürlich ist die« nicht nur beim Menschen, sondern auch bei den Thieren der Fall. Dieses Lebereisen nun, von Professor Zaleski als Hepatin bezeichnet, geht bei der Verdauung zum weitaus größten Theile in unfein Körper über. Daher sind alle Arten von Leberspeisen für Blutarme, Bleichsüchtige, Reconvalercenten u- s. w. sehr zu empfehlen.

Bei weitem am günstigsten aber, sowohl war die Menge al» die Resorbierbarkeit betrifft, steht es mit den Eisen­verbindungen des Blutes. Hiermit sind schon von jeher Ver­suche, und zwar meist mit Erfolg, an Bleichsüchtigen gemacht worden. Man hat sie große Quantitäten Blut trinken, oder rohe« blutiges Fleisch effen lassen, auch noch mit Blutclyflieren nachgeholfen. Eine solcheRaubthierkur" dürfte aber nicht nach Jedermanns Geschmack sein. Deshalb sind mehr zu empfehlen die bluthaltigen Gerichte, wie Blutsuppe, Blutwurst und Blutkuchen, welche man in den Ostseeprovinzen Palten nennt und welche, falls sie mit Hülfe von Grütze bereitet sind, als große Delikatesse betrachtet werden. Während heutzutage die Roth- oder Blutwurst ein Nahrungsmittel ist, welches seiner Billigkeit wegen namentlich von den ärmeren Klaffen massen­haft genossen und von niemand verdammt wird, hat diese Wurst früher zu den aufregendsten ©eenen Anlaß gegeben. Der morgenländtsche Kaiser Leo IV. (886 911) sah sich veranlaßt, gegen dieselbe folgende Verordnung zu erlassen: Wir haben in Erfahrung gebracht, daß die Menschen so toll geworden sind, theil« des Gewinnes, theils der Leckerei willen, Blut in eßbare Speise zu verwandeln! Es ist uns zu Ohren gekommen, daß man Blut in Eingeweide wie in Röcke einge­packt und so als ein gewöhnliches Gericht dem Magen zuschickt. Wir können dies nicht länger dulden und nicht zugeben, daß die Ehre unseres Staates durch eine so frevelhafte Erfindung blos aus Schlemmerei freßlustiger Menschen geschändet werde. Wer Blut zu Spessen umschafft, er mag nun dergleichen kaufen oder verkaufen, der werde hart gegeißelt und zum Zeichen der Ehrlosigkeit bis auf die Haut geschoren- Auch die Obrigkeiten der betreffenden Städte sind wir nicht gesonnen, frei ausgehen zu lassen, denn hätten sie ihr Amt mit mehr Wachsamkeit geführt, so hätte eine solche Unthat nicht begangen werden können. Sie sollen ihre Nachlässigkeit mit zehn Pfund Goldes büßen!" Gott sei Dank, daß heutzutage wir Alle, Blutarme und Blutreiche, ungestraft Rothwurst essen dürfen! Ein großer Fehler wird bei der Herstellung dieser Wurst häufig dadurch begangen, daß man sie zu'stark räuchert, wobei d!e Eisenverbindung (Hämatin) unter Einwirkung der Rauchsub­stanzen zu steinharten Klumpen verklebt, welche völlig unver­ändert und unverdaut wieder abgehen. In England und Amerika, wo die Blutwurst nicht dieselbe Popularität genießt, bereu sie sich in Deutschland erfreut, hat man aus Blut die verschiedenstenPatentmedicinen" nach meist geheim gehaltenen Methoden hergestellt. Bei uns' aber wird stet» Blutwurst, ebenso Leber und Apfelwein, zu den besten, erfolgreichsten Nahrungsmitteln für alle Blutarme gehören.

Auf die überaus zahlreichen, künstlich dargestellten Eisen­präparate in Verbindung mit Nahrung«- und Genußmitteln, wie Eisenchokolade, Etsencacao, -bier, -bisquit, wollen wir nicht näher eingehen, denn dabei spielt die geschäftliche Reklame eine sehr große Rolle. Ob Einzelnen dieser Präparate wirklich ein heilkräftiger Werth innewohnt, darüber befrage man jedes­mal vor dem Einkäufe den Arzt, sonst wird man sein Geld vielfach ganz unnütz aurgeben.

Mdaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ erfiMS-Buch- und Steivdruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.

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