Ausgabe 
16.7.1896
 
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Furcht ein. Sie begnügte fich damit, Thaddäus schmerzlich zuzulächel« und verschwand unter der Menge der Gäste.

Die Tische waren schnell fortgeräumt worden; der Fuß» boden wurde mit Wasser besprengt und ein altmodischer Flügel von der Art, die vor Zeiten unter dem Namen Pantaleon be­kannt wär, in eine Ecke des Saales geschleppt; er hatte einst zu Diotymas Ausstattung gehört und Jvanickis Entschluß, ste zu heirathen, damals wesentlich beeinflußt.

Einer der Brautführer ging mit Kennermiene darauf zu, gab einige Accorde an, die wie aus einer alten blechernen Kasserolle herauftönten, und erklärte verächtlich, daß das In­strument sehr verstimmt sei, daß er aber trotzdem spielen werde. Dann rief er:Eine Franeaise l" Die Paare traten an, die Braut an der Spitze.

Der Lärm war geradezu betäubend. Bon einem Ende des Saales zum anderen wurde mit furchtbarem Eifer getanzt. Die Stiefel der Männer dröhnten auf dem feuchten Fußboden; zuweilen kreischte eine Dame laut auf, wenn ihr Tänzer gar zu ungestüm wurde. Jung und Alt, Thymoftäus voran, Alle geberdeten fich wie unsinnig, rasten an einander vorüber, stießen und drängten sich in wirrem Durcheinander.

Chaine des dames! schrie ein alter Pope, der ganz außer Rand und Band war,dames ä places, rief ein Anderer,colonne promenade, so tönte es von allen Seiten. Der Pantaleon schwieg, der Künstler wischte sich den Schweiß, aber schon umschlangen fich neue Paare und er mußte weiter spielen.

Polka tremblante, rief er, kräftig auf die Tasten schlagend.

Binia, die fich von dieser lärmenden Fröhlichkeit angewidert fühlte, war er gelungen, fich aus dem Hause zu schleichen. Todtmüde sank ste auf eine Bank neben der Hecke im Schatten eines dichten Gesträuches nieder. Ach, wenn ste nur einen Augenblick mit Thaddäus hätte reden können, um ihm ihr übervolle» Herz auszuschütten und ihn zu fragen! Das war jedoch unmöglich; denn ste fühlte stch bewacht und die sonder­bare ungewohnte Haltung ihres Verlobten jagte ihr Schrecken und Furcht ein. , ,

Aber die Worte, welche heute früh Sofronya in ihrer Aufregung entschlüpft waren! Der Heirathsantrag, den der Oberförster gemacht haben sollte und für wen für Hans, für ihren Hans, war es denn möglich? Ja, es mußte so fein! Die ganze Abschiedsscene in der Kirche stand ihr jetzt mit wunderbarer Klarheit vor der Seele. Er war also nicht gleichgiltig und grausam; er liebte ste noch, da er ste hatte heirathen, zu seiner Frau machen wollen! Der Schleier zerriß plötzlich vor ihrem Geiste; jetzt verstand ste, warum er aus- wandern wollte, warum er mit dem düsteren Ausdruck eines Menschen gesprochen hatte, der stch unter das unabänderliche Schicksal beugt und zu stolz ist, um zu klagen. O Hans, Hansl Und ihre lang zurückgedrängten Thränen flössen jetzt wie ein warmer Regen über ihre Wangen.

Vor ihr dehnte sich die Ebene in dem grauen Dämmer­licht des finkenden Tages. Kaum konnte man am Fuße des Hügels noch den schillernden Wafferstreifen de» Stry erkennen, der vom Widerschein der Wolken stlbern erglänzte und auf dem die schwarzen Flöße nach Bessarabien hinabschwammen.

Jener dunkle Fleck dort in der Ferne war der Wald, der unendliche, geheimnißvolle Wald mit seinen rauschenden Bäumen und wunderbaren Pflanzen, mit seiner Welt von Vögeln und Käfern; der Wald, der Zeuge so vieler süßer kindlicher Freuden; der Wald, der ihr jetzt fast heilig war, well Han» ja dort lebte, weil sie da, ohne e» zu wollen, an­gefangen hatten, einander so innig zu lieben!

Plötzlich durchblitzte ihren Geist ein furchtbarer Gedanke, der ihr bisher in dem Wirrwarr ihrer Gefühle nicht klar geworden war. Heute, gerade heute unterzeichnete Hans ja sein Engagement.

In diesem Augenblick entstand ganz dicht neben ihr ein leise» Geräusch und zu gleicher Zeit streifte ein heißer, nach Wein duftender Athem ihr Gesicht, während ein starker Arm ihre Taille umfaßte.

Sie stieß einen Schrei au» und erkannte bei dem Strahl >e» aufgehenden Monde» da» aufgeregte Gesicht ihre» Ver» obten, de» Seminaristen.

Was machen Sie hier? Ich suche Sie schon überall, Sie müssen die Polka mit mir tanzen!"

Sie runzelte die Stirn und versuchte fich loszumachen. Er tanzen, was für ein Scherz!

Ich bin müde," flüsterte ste und sah ihn mit flehenden Blicken an, aber der Ausdruck seine« Gestchts erschreckte sie. Seine Augen waren trübe, sein ganzes Benehmen schien so herausfordernd und seine Stimme klang ganz verändert.

Ich sehe wohl," suhr er fort,daß Sie stch schämen, eine Pfarrersfrau zu werden; Sie hätten lieber wie Ihre Schwester einen edlen Polen im Japan und mit der rothen Confederatka geheirathet I Denken Sie nur nicht, daß ich nicht i längst bemerkt hätte, wie er mit Ehren überhäust wird, während ich wie ein Paria behandelt und unter dem Vor. wände der Politik nur Abends empfangen werde, in Wirk­lichkeit aber aus Angst, die Gefühle jenes Herrn zu verletzen. Glauben Sie denn, daß unsere Verlobung heute veröffentlicht worden wäre, wenn ich es nicht besonders verlangt hätte? Ich habe sehr wohl die verlegene Miene Ihres Vaters ge- sehen, als er sich dazu bequemen mußte, und dar verächtliche Gesicht der Leute aus der Stadt."

Seine Heftigkeit erschreckte Binia.

Sie sind ungerecht," stotterte sie zitternd und stch so weit als möglich von ihm abwendend.Im Gegentheil, mein Vater achtet Sie sehr und nur die Furcht, der Verheirathung meiner Schwester hinderlich zu fein, hat fein Betragen be­einflußt ; ich kann Ihnen versichern, daß er sehr viel Werth auf Ihre Person und die Verbindung mit Ihnen legt."

Sie sprach mit abgebrochener Stimme. Noch nie in ihrem Leben hatte ste so viel zu ihm geredet.

Aber er sagte, ohne ste loszulassen:Warum haben Sie mich denn vorhin nicht küssen wollen? Ihre Schwester hat sich nicht so bitten lassen, um stch ihrem Thierarzt in die Arme zu werfen."

Die fassungslose Binia antwortete nichts, sondern preßte nur beide Hände auf ihr Herz, um das furchtbare Klopfen desselben zurückzudrängen.

Warum, sagen Sie, warum? Ich will es endlich wissen," donnerte er und drückte ihre Handgelenke, als ob er ste zerbrechen wollte.

Warum, ach Gott," dachte sie, indem sie mit Entsetzen in sein gewöhnlich so starres Antlitz sah, das jetzt von Leidem schäft verzerrt war, nun, weil sie ihn nicht liebte, weil er ihr Abscheu einflößte, weil ihr ganze» Herz, ihre ganze Seele einem Andern gehörten- Die Worte brannten ihr aus den Lippen; sollte sie e» wagen, ste auszusprechen? Aber ste war zu schüchtern, zu sehr zum Gehorsam geschult-

Errieth er, was in dem Kopfe des armen, unterdrückten Geschöpfs vorging? Ein gehässiger Ausdruck trat auf feine Züge. Der Wein, an den er nicht gewöhnt war, verwirrte feine« ascetischen Geist, er konnte sich nicht mehr bemeistern.

Ich bin der Herr," sagte er,Sie müssen gehorchen; kommen Sie zur Gesellschaft zurück und tanzen Sie mit mir!"

Er hielt ste mit brutaler Heftigkeit fest und trug sie in feinen Armen bis an die Hausthür.

Heber eine solche Gewaltthat empört, wehrte sich Binia ans vollen Kräften mit Händen und Füßen gegen diese rohe Willensäußerung, wagte aber nicht zu schreien, weil sie fürch­tete, die ganze Hochzeitsgesellschaft in Aufregung zu versetzen-

O, ich werde Sie schon bändigen, ganz gewiß," sagte der Seminarist, wahnsinnig vor Wnth.

In diesem Augenblick fiel ihm seine Brille auf die Erde und er bückte sich suchend danach. Da machte Binia schnell wie der Blitz eine heftige Anstrengung, glitt ihm zwischen den Armen durch, stürzte, einer Wahnsinnigen gleich, durch den Garten und verschwand in der finsteren Nacht.

Einen Augenblick war er ganz versteinert; dann richte« er sich langsam auf, befestigte die Brille auf feiner Nase und