Ausgabe 
16.6.1896
 
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Ein Helles, übermüthiges Lachen Isoldens unterbrach aber bei diesen Worten Herbert Brands Rede-

»Nein über diese Ehrbarkeiti" rief sie belustigt.Und wenn dann mein Papa Dich als Schwiegersohn willkommen geheißen, dann führst Du mich nach dem stillen kleinen Hause Deine» Vaters und Deine Schwestern winden mir den Myrthenkranz. Ich ziehe ein weißes Mullkleid an, leider ist ein solches Idyll nicht mehr ganz zeitgemäß, kein Dichter befaßt stch mehr mit diesem Thema, und wir anderen Sterb­lichen sind auch längst darüber hinaus."

Herbert stutzte einen Augenblick über diese seltsamen Worte Isolden», dann fuhr er aber gutherzig fort:Aber warum sollen wir nicht nach meiner Eltern Hau» ? Ein Mull­kleid würde allerdings nicht für Dich als Brautgewand paffen, Deine schöne, vornehme Erscheinung bedarf dann doch eines anderen Gewandes."

Vielleicht Atlas?" meinte Isolde mit schelmischem Lachen. Und kleine, weißgekleidete Mädchen streuen uns dann Blumen, das ganze Städtchen versammelt sich vor den Kirchthüren, nachher giebt es ein solennes Mittagseffen, die Amtscollegen des lieben Schwiegerpapas bringen jeder einen Toast aus, es wird rührend I"

Aber ich weiß wirklich nicht, warum Du das Alles so komisch auffaßt," sagte jetzt Herbert verstimmt.

Und ich weiß nicht, warum wir überhaupt schon von dergleichen reden. ES braucht ja noch Niemand auf der Welt zu wiffen, daß wir uns lieben. Wozu soll es aber Papa schon erfahren?"

Weil es unehrenhaft von mir wäre, heimlich hinter seinem Rücken mich mit Dir zu verlobenl"

Verloben! Huh! Wie feierlich und wie verhängnißvoll das klingt. Eine heimliche Liebe, von der Niemand nichts weiß, ist doch tausendmal schöner als solche spießbürgerliche Verlobung, wo dann jeder langweilige Vetter mit seinem Segen kommt. Gerade solch' Geheimniß hat sür mich unend, lichen Reiz. Ich werde mich schon mit Dir verständigen durch Zeichen und Blicke. Wenn ich leise die Melodie summe: Was stehst mich an so wonniglich, dann magst Du mir folgen. Ich weiß hier in der Umgegend mehr wie ein lauschiges Versteck für Zwei, die sich lieben."

Der Herr Graf, Dein von mir verehrter Vater, mußte es doch einmal erfahren," versuchte Herbert noch einzuwenden.

Isolde jedoch nahm ihn lachend beim Kopf und zerzauste ihm mit den feinen weißen Fingern voll Uebermuth die glän­zenden Locken.

Dann sagte sie halb ernst, halb schelmisch:Aber be­ruhige Dich doch, Du gute Seele, und laß Du mich nur selbst zur gelegenen Zeit mit Papa über unsere Verlobung sprechen. Daß Du aber etwas feierlich um mich anhältst, vielleicht gar im Frack und Cylinderhut, das gebe ich auf keinen Fall zu, das wäre auch wirklich zu komisch. Und nun sieh' mich an, glücklich, strahlend, wie es sich für meinen Geliebten geziemt. Wozu, wenn das sonnige Heute so schön ist, schon an ein viel­leicht trübes Morgen denken!"

Herbert mußte ihr, wenn auch zögernd, schließlich doch Recht geben, doch blieb bei seiner tadellosen Ehrenhaftigkeit und bei seiner Verehrung für Isoldens Vater über diese heim- liche Liebe doch ein Stachel in seinem ehrlichen Herzen sitzen.

Aber wie es nun einmal in solchen Fällen ist, so gerieth er rasch in die Feffeln der koketten und verschlagenen Comteß und dies war ja das uneingestandene Ziel, welches sie in ihrer leidenschaftlichen und ehrgeizigen Gefallsucht erreichen wollte. Vor allen Dingen dachte Herbert früh und Abends:Isolde liebt mich!" Vor diesem ihn beseligenden Gedanken schwanden schließlich alle Bedenken. Wenn sie an diesem süßen Geheim­niß Gefallen fand, warum sollte er ihr dann den im Grunde doch eigentlich harmlosen Wunsch nicht erfüllen.

Plaudernd und scherzend verließen sie jetzt die Anhöhe; erst al» sie sich dem Schlöffe näherten, legte Isolde die Finger auf die Lippen und verwandelte sich wieder zur hochgeborenen Gräfin, an deren Seite der junge Maler nun fein demüthig einherschritt.

Noch viele selige Stunden folgten dieser ersten. Gar oft ertönte der süße Lockruf:Was siehst mich an so wonniglich." Und dann ging es hinaus in die grünende, blühende Welt; bei all' diesem Liebesspiel wurde die Kunst aber nicht von Herbert vernachlässigt. Seine Stimmung wär eine so gehobene, daß er mit einer Begeisterung an seinem Werke arbeitete wie kaum je in fernem Leben. Wollte er doch mit dieser großen, meisterhasten Arbeit auch das Herz des Grafen gewinnen.

Das große Wandgemälde Herberts gestaltete sich in der That zu einem Kunstwerk ersten Ranges und der Graf stand oft bewundernd davor- Woher kamen nur diesem noch so jungen Künstler diese Genialität, dieser sichere Geschmack von Farbenschönheit, die an die größten Meister der Malerkunst erinnerte? so'fragte sich voll Staunen oft der Graf. Sollte Isolde den jungen Maler doch inspirirt haben? Welch' ein schönes, fesselndes Bild hatte Brand aus den Zügen Isoldens, dieses leichtlebigen Weltkindes, zu gestalten gewußt. Das war nicht Isolde, die kokette Comteß, nein, das war ein echtes, reines Naturkind, befangen von dem Traume einer ersten Liebe, das da halb schüchtern, halb hingebend zu dem Geliebten aufbltckte. War ihm Isolde so erschienen, hatte sie ihm gegenüber die Schüchterne, die Naive gespielt? Fähig war sie ja zu allen derartigen Koketterien, nun, dann mochte der Himmel sich des armen Malers erbarmen, durchschaut hatte er sie schwerlich, denn so wie hier Isolde gemalt war, so malt die Liebe allein.

In solchen Betrachtnngen verloren, stand der Graf heute vor dem Bilde, als Isolde zu ihm herantrat.

Nun, bist Du zufrieden, Papa?" fragte sie, indem sie schmeichelnd ihren Arm in den seinen legte.Habe ich nicht recht gehabt, daß des Malers Seele in meiner Nähe die Flügel entfalten wird, daß ich ihn zu Hohem begeistern würde?"

Hoffentlich hat sich der kühne Falter die Flügel nicht verbrannt?" sagte dann ernst der Graf und sah seine Tochter prüfend an, wandte sich aber dann wieder dem Bilde zu.

Einige Augenblicke später sagte er zu seiner Tochter: Die Züge des Geigenspielers quälen mich schon seit einigen Tagen, sie kommen mir so bekannt vor, aber ich weiß nicht wohin damit."

Den hast Du nicht erkannt, Papa? Es ist ja Hagen Er ist ein Freund von Herbert Brand," erklärte Isolde.

Hagen!" rief der Gras erschrocken.Und Du konntest es dulden, daß Ihr Beide hier so eng auf dem Gemälde vereint wurdet?"

Mein Gott, was ist da dabei, er bekommt das Bild jedenfalls nie zu sehen und ich nun, ich bin das eigent­lich doch nicht."

Sie erröthete ein wenig, sinnend betrachtete sie das süße Mädchengesicht, das ihre Züge trug und ihr doch so w'enig glich.

So wie dieses Bild erscheine ich ihm! Ich!" dachte sie und um ihre Lippen spielte das ihr eigene lose Lachen- Der Thor, der Idealist, ich glaube, es wird Zeit, daß man ihn aus feinem Wahne reißt, denn es könnte sonst gefährlich für diese brave Seele werden. Ich bin des Schäferspiels auch einmal wieder müde und sehne mich nach anderen Zer­streuungen."

Isolde schlüpfte aus dem Saal, da sie Herbert kommen hörte, und begab sich nach ihrem Zimmer, um sich dort von ihrer Kammerjungfer zu einer Gesellschaft ankleiden zu lassen- Mit großer Sorgfalt wählte sie ihre Toilette aus und erschien dann schön und holdselig wie eine Fee am Portal der Schlosses, wo soeben der Wagen vorfuhr.

Herbert, den man nicht zu der Gesellschaft geladen hatt^ beobachtete sie verstohlen von einem Fenster aus, wie sie sich mit all' den ausgesuchten Bewegungen einer vornehmen Dame in die Kissen des Wagens schmiegte.

Kein einziger Blick von ihr flog nach seinen Fenstern hinauf und sie war doch seine Braut! Wilde Eifersucht er­faßte da plötzlich Herbert Brand und er ahnte zum ersten Male, daß sie ein böses Spiel mit ihm getrieben hatte. Wozu hatte sie sich so geschmückt, da es doch nicht für ihn