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IlttterhaltungskLatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Die Vergeltung.
Novelle von F. Stöckert.
lFortsetzung.)
„Es ist so langweilig," klagte Isolde und sagte dann zu Herbert Brand: „Die Gesellschaft ist im Sommer so schläfrig, so eintönig, die Damen und Herren wissen nichts zu reden, Theater und Opern besucht man nicht, auch die Politik schweigt. Es ist wie ein erfrischender Lufthauch, wenn Sie darunter sind mit ihrem ursprünglichen frischen künstlerischen Wesen."
Wie gerne folgte er, wie liebenswürdig fand er es von ihr, wenn sie ihn stets in den Vordergrund stellte. Sie verstand es, ihm kluge Worte, geistreiche Reden auf die Lippen zu zaubern, daß er sich selbst darüber wunderte, woher ihm das Alles kam.
Nach und nach begann dann noch Brands Selbstbewußt- fein zu erwachen, er fragte sich halb zagend noch, aber doch von heißen Wünschen erfüllt, ob all' die Liebenswürdigkeit Isoldens nur der feine Tact der Aristokratie oder vielleicht gar eine aufrichtige tiefe Liebe zu ihm sei? — Ihm schwindelte vor bett kühnen, verwegenen Gedanken, die da in seinem Herzen sich befestigen wollten und trotz aller Gegengründe von Tag zu Tag in seinem Innern doch mehr Wurzel faßten.
War es denn möglich, konnte es fein! Sie, die hoch- aristokratische Dame, sollte wirklich Interesse für ihn gefaßt haben, für ihn, der nichts weiter besaß als den Adel seiner Kunst.
Und dann kam ein Tag, da schwanden ihm alle Zweifel, ein Tag so hohen, übermächtigen Glücks, daß er das Gefühl hatte, er stände auf schwindelnder Höhe und müsse unrettbar in die Tiefe stürzen, wenn er nur noch einen Schritt vorwärts wage.
Herbert und Isolde saßen ganz allein auf einsamer Bergeshöhe; unter ihnen brauste der Gebirgsbach, über ihnen wölbte eine mächtige Linde ihre blühenden Zweigs; die sanfte, stille Luft war wie in Blüthenduft getaucht. Durch das Weltall aber ging ein sehnender Klang, als ob die Sterne einander grüßten.
Ferne schönere Welten, auf welchen vielleicht die Seligen weilten, sandten Grüße de« Friedens und der ewigen Liebs herab auf unsere friedlose Erde.
„Herbert," erklang es da plötzlich.
Die junge Gräfin hatte seinen Namen leise, wie selbstvergessen geflüstert.
Jetzt sah sie zu ihm auf und ein jähes Roth stieg in sein Gesicht. Das war nicht mehr die hochgeborene Gräfin, das war ein einfaches, liebendes Mädchen, die da mit dem Geliebten auf einsamer Bergeshöhe faß und sich mür berte, daß er nicht bie Arme um sie schlang, unb es jubelnd in die Welt hinaus rief: „Sie ist mein, mein!"
„Kennen Sie nicht das alte Lied von schön Rothtraut?" fragte sie ihn nun.
Nein, er kannte es nicht.
„Soll ich es Ihnen Vorsingen?"
Mit leiser, süßer Stimme begann Isolde zu fingen:
„Wie heißt König Ringels Töchterlein?
Rothtraut, schön Rothtraut.
Was thut sie denn den ganzen Tag, Da sie nicht spinnen und nähen mag? Thut fischen und jagen.
Ach, daß ich doch ein Jägersmann wär', Rothtraut, schön Rothtraut lieb' ich so sehr. Schweig' still, mein Herze.
Was siehst mich an so wonniglich, Wenn Du das Herz hast, so küsse mich, —" schloß sie jetzt und blickte ihn dabei schelmisch und glückverheißend an.
Den jungen Maler aber erfaßte es wie ein Rausch in dieser Frühlingseinsamkeit unter dem blühenden Lindenbaum. Er breitete die Arme aus. „Darf ich? Darf ich, Isolde?" Willig bot sie ihm die frischen Lippen bar.
„O, mein Gott, welch ein großes, übermächtiges Glück!" jubelte er. „Du, bie hochgeborene Gräfin, steigst so tief herab, herab zu mir, dem armen Maler, der nichts weiter besitzt al« feine Kunst."
„Den aber bisse Kunst abelt unb ber Geistesadel ist am Ende mehr werth, als der Adel der Geburt!"
„O, Isolde, wenn Du so groß denkst, dann wage ich es noch heute, mit Deinem Vater zu sprechen, ihn um Deine Hand zu bitten."


