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Appetit zu Abend. Bernhard Wülpern aß sogar zweimal Pudding, als er vernahm, daß Dora die Kochkünstlerin sei. Dann wurden die nothwendigen Formalitäten erledigt, als das Bestellen der bindenden Goldreifen und das Aufsetzen der Verlobungsanzeigen. Sogar der Hochzeitstag ward vorläufig festgesetzt.
Anderntags ward Dora der Amtrräthin als Schwiegertochter vorgestellt. Sie durfte sich über den Empfang nicht beklagen. Die Schwiegermutter zog das Brautpaar stumm, aber segnend an ihr Herz; von der hohen, vorahnungsvollen Bewegung, die sie empfand, trat Äußerlich wenig zu Tage. Meta war liebenswürdig wie immer, aber still und todtenbleich.
Es kam nun eine laute, fröhliche Zeit im Hause des Rendanten, in der das altmodische kleine Haus, eine Dienstwohnung, von Lachen und Scherzen wiederhsllie. Man hatte sich immer darin wohlgesühlt, die beschränkten, aber wohlge- ordneten Verhältnisse hatten die Gemüthliä keil fast noch erhöht. Jetzt war jeder entzückt von der Behaglichkeit, welche es athmete; selbst die Knixvisiten, welche zur Verlobung kamen, dehnten die Zeit ihres Aufenthalts über die gebräuchliche Zeit au». Der Bräutigam kam natürlich täglich und schien um zehn Jahre verjüngt, selbst die etwas gebückte Haltung war verschwunden. Dazu blickten die Augen so hell, freundlich und gewinnend, daß man ihm gern ins Gesicht sah. Selbst die Zerstreutheit, an welcher er, gleich den meisten sorgenden, vielbeschäftigten Menschen litt, war verschwunden und hatte einer freundlich gesprächigen Theilnahme Platz gemacht.
So kam nach schnell verstrichenen drei Monaten der Hochzeitstag heran. Die Amtsräthin war nach der nächsten Großstadt gezogen und hatte Meta mit sich genommen. Sie hatte ihre Uebersiedelung etwas übereilt, und dieselbe glich fast einer Flucht, was den Sohn unter andern Umständen geschmerzt hätte. Jetzt schien er sogar darüber erfreut. In vier Wochen schon war die Wohnung durch die geschicktesten Handwerker vollständig neu und nach neuestem Geschmack hergestellt und wartete der Herrin.
Auch das Hau» des Rendanten in Gröpslingen sah zur Hochzeit au» wie ein Schmuckkästchen. Die kleinen Zimmer waren sauber tapeziert und gestrichen worden und mit blüthen- weißen Mullgardinen und vielen allenthalben verstreuten ge- häkelten Deckchen verziert. Therese empfand sich ganz als Brautmutter, ward als solche hochgeschätzt und hatte jeden kleinen Neid vergessen. Dora hatte alle ausgewachsenen Kleider verschenkt und sich vier Wochen lang täglich geputzt, als ob es zum Ball ginge. Dann hatten Tact und angeborener Geschmack gesiegt. Sie ging einfach, aber chic ge- kleidet und sah trotz des lachenden Kindergesichtes wie eine wohlerzogene junge Dame aus. Die Brauttoilette war aus Berlin verschrieben worden und zeigte etwas von dem Reich- thum des zukünftigen Gatten.
„Man möchte Dorschen immer ans Herz ziehen," sagte Tante Bertha oder das „Bischen," wie sie in der Familie genannt wurde. Sie war eine jüngere Schwester von Doras verstorbener Mutter und eine kleine bucklige Person. Im Ge- fühl ihre« körperlichen Fehlers hatte sie sich selbst immer zurückgesetzt — so lange, bis es Andere auch thaten- Doch war ihr Jedermann von Herzen gut. Das liebe Kind! Aber.auch.solch ein Glück! Es ist wirklich - ein bischen
„Ob sie den Bräutigam auch recht lieb hat?" frug dis Frau Steuerräthin spitz, die in der guten Stube al» Hoch, zeitsgast auf dem Sopha saß, indem sie die Falten der Brokat- robe herunterstrich. „Es wäre schrecklich, wenn Herr Wülpern um sein Glück betrogen würde. Der edle Mann! Wenn ich eine Tochter hätte und sie wäre ein Engel an Schönheit, würde ich dennoch glücklich gewesen sein, wenn —"
In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und da» Brautpaar trat ein, um die Hochzeitrgäste zu begrüßen, bevor sie zur Kirche fuhren. Sie sahen Beide strahlend glücklich au», aber nicht glücklicher al» der Vater, der die Amtsräthin führte. Auch sie schien befriedigt und zeigte sich voll inniger
Zärtlichkeit gegen die Schwiegertochter. Dann folgten Meta und Therese als weißgekleidete Brautjungfern.
Die Traurede war herzlich wohlgemeint, aber etwas nüchtern. Dennoch machte sie einen tiefen Eindruck auf Dora und enthüllte eine unerwartete Leidenschaftlichkeit ihrer Natur. Die Amtsräthin schien davon betroffen und Dora erschien ihr plötzlich nicht mehr als das Kind; sie wußte aber nicht recht, ob sie sich über die Entdeckung freuen oder betrüben sollte.
Das Hochzeitrmahl fand in dem besten Gasthofe statt und war von ausgesuchter Feinheit. Rendant Rössing hatte das B-streben, seiner Freude Ausdruck zu geben und hatte es sich etwas kosten lassen. Dafür war er der fidelste seiner Gäste. Nachdem die Gesundheit des jungen Ehepaare« getrunken war, nebst unzähligen anderen Toasten, erhob sich der strahlend glückliche junge Ehemann, um für sich und seins „Frau" zu danken. Dann verschwanden Beide, um die Hochzeitsreise anzutreten.
III.
Zwei Jahre wären vergangen und hatten alle Bedenken der Klatschmäuler und Sensationsbedürftigen zu Schanden gemacht. Das junge Ehepaar schien gegenseitig vollkommen befriedigt und lebte in Harmonie mit aller Welt.
Bernhard Wülpern war nach einem kurzen, natürlichen Liebesrausch zu seiner altgewohnten Thätigkett zurückgekehrt und schien fast ein Streber in seinem Fache werden zu wollen. Er hatie vor Jahren ein paar Semester Nationalöconomie studirt und versuchte nun mit Glück, seine Kenntnisse practisch zu verwerthen. Bet seinen verschiedenen Unternehmungen reichten sich Landwirthschaft und Industrie verständnißvoll die Hand zum Bunde.
Dora war noch schöner geworden durch die Vereinigung einer frauenhaften Formenschönheit mit dem holden Kinder- gesichtchen. Durch ihre gute geistige Veranlagung hatte sie bald ihre neuen Pflichten begreifen gelernt und ihr Herz zwang sie, denselben nachzukommen, selbst wenn sie ihr schwer, das heißt langweilig erschienen. Rendant Rössing und Schwester Therese waren sehr oft Gäste in Almenhausen und auch die Amtsräthin war anscheinend bei ihren jährlichen Sommerbesuchen von der Schwiegertochter befriedigt.
Eine» Tages war Dora bei ihren Streifereien innerhalb der Wülpern'schen Besitzungen auch in den Volkskindergarten geralhen, den Bernhard Wülpern für die Kinder seiner Arbeiterfamilien hatte anlegen lassen, hauptsächlich auf Veranlassung der Amtsräthin und Cousine Meta.
Eine Diaconifstn war mit der Pflege betraut. Da» heitere Spiel der Kinderschaar entzückte Dora, die sehr kinderliebend war.
Bei ihrem Weggehen hing sich ein zweijähriges Blond, köpfchen, das auf der Erde faß, an die Falten ihres Kleide», als ob es mit ihr gehen möchte. Und als sie sich zu ihm niederbeugte, machte es mit den dicken Händchen: „Bitte, bitte!" Welches Frauenherz kann da widerstehen? Dora nahm die Kleine auf den Schooß, ließ sie das Ticken der Uhr hören und erzählte dem Gatten am Abend von der Begegnung.
„Am liebsten hätte ich das Kind mit mir genommen, Bernhard," schloß sie. „Es muß so reizend sein, für da» liebe kleine Wesen sorgen zu können! Es schmiegte sich auf meinen Schooß wie ein Kätzchen, das endlich das richtige Plätzchen gefunden hat. Und diese Aurtkelaugen! — Wollen wir es nicht adoptiren?"
„Das würde sehr voreilig sein, Kleine!" lachte der Gatte. „Dazu müßtest Du erst fünfzig Jahre sein - wer weiß, was bis dahin geschieht . . ."
»Die Kleine ist eine Waise; nur die Mutter lebt noch, wie mir die Schwester erzählt hat," berichtete Dora weiter. „Der Vater war der junge Arbeiter, der im vorigen Jahre bei Dir verunglückte. Er hieß Meyer, erinnerst Du Dich noch?"
„Allerdings! Es war eine Ungeschicklichkeit, meine Maschinen haben beinahe Verstand," meinte Wülpern kopfschüttelnd. „In eine Adoption würde ich niemals einwilligen;


