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das Gefühl, ich weiß selbst nicht wie — es scheint mir das höchste Glück, Alle« was ich erworben, der kleinen Dora, dem Kinde, in den Schooß zu schütten. Ich will glücklich oder elend fein; aber ich will sie besitzen. Ich will, ich kann nicht anders!"
Die Mutter hatte den leidenschaftlichen Gefühlserguß ruhig angehört und wußte, daß sie verloren habe. War dar ihr ruhiger, verständiger Sohn, der aus dem verkommenen Erbe des Vaters das große blühende Besitzthum geschaffen hatte, das er jetzt sein eigen nannte ? Er war zu klug, zu klar denkend, um zu wissen, daß er möglicherweise eine Thorheit begehe. Und dennoch ... er war die Natur, das Schicksal, das aus ihm sprach I Darum streckte sie ihm als einzige Antwort die Hand entgegen und sagte: „Du bist entschlossen, und ich achte Deinen Willen I Du sahst Fräulein Dora wohl heute in Gröpelingen? Ich vermuthete es fast . ..."
„Du irrst, ich war wirklich nur in Geschäften dort. Aber ich werde es morgen nachholen. Gute Nacht, Mutting!" empfahl er sich, indem er der Mutter die Hand küßte.
Anderntags schon hielt Herr Bernhard Wülprrn, Besitzer des Rittergutes Almenhausen nebst den dazu gehörigen Zucker, und Stärkefabriken, bei dem Steuer- und Forstkassenrendanten Rössing um die Hand der jüngsten Tochter Dora an, zum nicht geringen Erstaunen des Vaters, dem die Werbung wie ein großer Lotteriegewinn erschien, bei dem er sogar den Einsatz gespart hatte- Er nahm den Brief und trat damit ins Wohnzimmer hinüber. Da er die Tochter nicht fand, ließ er sie rufen.
Die kleine Dora war ein hochgewachsenes, bildschönes Mädchen mit jungfräulichen, aber vollkommen entwickelten Formen, die sogar bereits etwas zu frauenhafter Ueppigkeit neigten. Der schöne Körper trug einen feingebildeten Kopf mit einem Kindergesicht, dessen herrliche dunkelblaue Augen wie Sterne leuchteten. Da« Kolorat war von bezauberndem Schmelz und erinnerte an Psirsichblüthe. Das Hauskleid war sauber, aber etwas ausgewachsen; überhaupt zeigte die ganze Erscheinung etwa« Nachlässigkeit, welche die Trägerin zwar allerliebst kleidete, aber doch einen gewissen Tadel heraus- forderte. In der Hand trug sie ein Butterbrod, von dem die kleinen, fest wie Backsteine ineinandergeschichteten Zähne tüchtige Brocken abbtssen.
„Nun, Papa ? Wa« giebts? Wollen wir spazieren gehen? Was machst Du denn für ein feierliches Gesicht? — Es ist zum todtlachen l"
„Ich habe einen Heirathsantrag für Dich."
„Für — mich? Das ist herrlich! Ich bin die erste im Kränzchen, die einen Heirathsantrag erhält. Sie werden bersten vor Neid."
„Du fragst nicht einmal, wer es ist?"
„Natürlich, ich bin schrecklich neugierig! Nun?"
„Herr Bernhard Wülpern! Das Glück ist mir selbst unfaßbar."
„Der — Alte? Aber Papa!"
„Alt? Er ist höchstens zweiundvierzig Jahre. Sei verständig, Dora!"
Das junge Mädchen hatte sich gesammelt.
„Er ist ein guter, lieber, prächtiger Mann," sagte sie mit aufrichtiger Anerkennung, „einen lieberen Gast haben wir niemals gehabt, auch mein Pudding schmeckte ihm ausgezeichnet . . ."
„Du wirst also seine Braut werden?"
Ein thränenüberströmtes Gesichtchen, ein kurzes, konvul« stoisches Schluchzen war die Antwort.
„Sprich offen. Er versteht sich von selbst, daß Du voll- ständig Deinen freien Willen hast. Wie sehr ich Herrn Wülpern hochschätze, weißt Du — nur aus diesem Grunde bin ich so erfreut. Darf ich ihm das Jawort geben?"
Als Antwort hing sich Dora an den Hals de» Vaters und bedeckte fein Gesicht mit Kliffen. Dann lachte sie ausgelassen.
„Noch immer Lachen und Weinen in einem Sack?" tadelte der Vater den schroffen Gsfühlsübergergang.
„Ich bin ganz verständig," sagte Dora jetzt mit wirk- lichem Ernst. „Ich begreife jetzt erst mein Glück. Ach, nun kann ich Euch immer etwas Schönes schenken, Alles, was Ihr Euch wünschet, Dir und Therese."
„Du giebst also Dein Jawort!"
„Natürlich, schon au« diesem Grunde. Ich werde ihn auch schrecklich lieb haben, vielleicht sogar ebenso lieb als Dich. Nur fürchte ich mich . . ."
„Du fürchtest Dich? Vor wem?"
„Vor der Frau Amtsräthin, vor feiltet Mutter — wirklich sehr!"
„Sie ist eine ausgezeichnete Dame, und wird Dir, der mutterlosen Waise, sicherlich Mutter sein. Also die Sache ist abgemacht. Dann soll der Freier auch nicht lange auf Antwort warten.
Zehn Minuten später lag Dora am Halse der fünf Jahre älteren Schwester und verkündete ihr die Verlobung, trotzdem Therese einen Rosinenkuchen einmengte, und — ahnungslos über die Ursache der plötzlichen Zärtlichkeit — mit Händen, in denen der Teig Schwimmhäute bildete, eine energische Abwehr versuchte. Die Neuigkeit rechtfertigte freilich den Gefühlsausbruch.
„Du bist verlobt? Aber Dora! Und der gute Wülpern? Unmöglich!"
„Freilich ist'S wahr, Therese!"
„Du bist immer ein Glückskind gewesen," sagte die Schwester in einem Ton, der nicht ganz frei war von Neid. „Schämst Du Dich nicht, daß Du Deine Schuhe schon wieder niedergetreten hast," schloß sie scheltend.
II.
Der glückliche Freier meldete sein Erscheinen schon für den Abend. Dora schwankte zwischen dem rosa Brttistkleide und dem blauen Mohairkleide; entschied sich aber für da» erstere. Eine schwarze Sammtschleife im blonden Haar, eine Rose vor dem Busen, und sie sah wirklich au» wie eine Braut.
„Ich wünschte, er könnte mich sehen, ich meine den bewußten Herrn, von dem ich Dir erzählte. Erinnerst Du Dich? Wir reisten in voriger Woche miteinander, al« ich von Tante Bertha kam. Er hatte einen feinen Geschmack, wir sprachen nämlich auch von den Moden! Weißt Du, wen ich meine, Therese?"
„Hast Du nicht schon tagelang von der Geschichte geschwatzt?"
„Es war aber auch sehr drollig! Ich hatte ein Billet dritter Klaffe und suche ein Coupöe für Nichtraucher. Da wird vor mir ein Coupve geöffnet, eine Hand streckt sich mir entgegen und hilft mir einsteigen. Al« ich mich umsehe, bemerke ich, daß ich in zweiter Klasse sitze. Aber es war zu spät — der Zug rollte davon. Der Herr beruhigte mich und bat sich mein Billet aus, um ein Zuschlagsbillet zu lösen, und ließ die Sache durch den Schaffner besorgen. Erst war mir die Sache fatal, dann aber habe ich auch gelacht. Er war eine reizende Fahrt I ... Ich hätte doch besser gethan, blau zu wählen, ich bin heute roth wie ein Truthahn vor Aufregung. Wahrhaftig, dort ist der Herr Wülpern! Da hält der Wagen schon!" schloß sie, au« dem Spiegel auf die Straße blickend."
Die Verlobung geschah feierlich und machte anscheinend liefen Eindruck auf Dora. Zitternd und gerührt empfing sie den Brautkuß, thränenschluckend hing sie lange am Halse der Bräutigam«. Dieser war äußerlich ruhig und gesetzt, innerlich war alle« in freudigster Erregung. Ein Jahr lang hatte er gekämpft gegen die Liebe zu diesem „Kinde." Er war ihm lieb gewesen, al» Cousine Meta in sein Hau» kam, denn er hatte gehofft, daß er in ihrem Umgang Dora Rössing vergessen werde. Umsonst! Nur immer heller, verzehrender brannte die heimliche Flamme. Und er war Mann genug, feinen Glückrantheil zu fordern, selbst wenn er damit sein Schicksal herausforden sollte.
Als die Feierlichkeit vorüber war, aß man mit gutem


