Er ging und ließ den Offizier mit seinen unerquicklichen Gedanke« allein.

II.

Der ehemalige Lieutenant Waldmann verdiente in der That die Theilnahme seines braven Hauswirth«, da er sich stets als äußerst solid und ehrenhaft erwiesen hatte und als mustergiltiger Offizier von seinen Vorgesetzten und Unter­gebenen geachtet und geliebt worden war.

Gänzlich mittellos, hatte er wohl wie ein Spartaner leben müffen, um mit seiner schmalen Gage auszukommen und schuldenfrei zu bleiben. Aber der junge Mann war auch wie ein Spartaner erzogen und frühzeitig in der Enthaltsamkeit geübt worden. Er hatte seine Eltern nie gekannt; Pioniere, die ihn als Säugling am Waldsaume gefunden, hatten sich des Verlassenen erbarmt und ihn dem Oberst überbracht, der den Findling, als die Nachforschungen nach seinen Angehörigen erfolglos geblieben, für ein Kind der Artillerie erklärt und einer Unteroffiziersfrau zur Pflege übergeben hatte.

So war der arme Findling herangewachsen, hatte früh­zeitig einen scharfen Verstand, vortreffliche Anlagen und großen Fleiß offenbart und wurde bald, da seine Geschichte bei den Pionieren traditionell war, der allgemeine Liebling. Der Oberst, welcher so menschenfreundlich für ihn gesorgt, war mittlerweile gestorben, doch wetteiferten die Offiziere jetzt in seiner Erziehung, da der bildhübsche Knabe zu den größten Hoffnungen berechtigte und ehrgeizig genug war, nach den goldenen Epauletten zu streben.

Sein eiserner Fleiß, seine Brldungsfähigkeit und eine angeborene Vornehmheit in der Gesinnung wie im äußeren Anstand erhoben ihn, als er als Artillerist in die Armee eintrat, himmelweit über seine Kameraden. Er schien zum Soldaten bestimmt zu sein, man ließ ihn rasch die verschie­denen Grade des unteren Ranges durchlaufen und da« Offiziers« Examen machen, welches er glänzend bestand. Beim Genie-Corps konnte man nur scharfe Köpfe gebrauchen und hier war Lieutenant Otto Waldmann an seinem Platze.

Seit einem Jahre war er nach der Residenz versetzt worden, hatte bei dem Rentier Werner eine ebenso billige al- angenehme Wohnung gefunden und muthig seinem Glück und seinem gewohnten Fleiße vertraut.

Ja, der Mensch hofft und denkt, das Schicksal zieht aber oft schwarze Striche durch seine anscheinend so verständige und fest vorgezeichnete Lebensbahn.

Der Oberst, ein Haudegen von altem Schrot und Korn, hielt große Stücke auf Lieutenant Waldmann und stellte ihn bet jeder Gelegenheit als Master auf. Er schien sogar, wie man im OsfiziercorpS munkelte, nicht abgeneigt zu sein, ihn nach erfolgtem Avancement mit der Hand seiner allerdings schon etwas verblühten Tochter zu beglücken.

Der Lieutenant mochte von dieser Aussicht keinesfalls sehr erbaut sein. Als in einer lustigen Gesellschaft, der sich der Spartaner nicht hatte entziehen können, die Rede auf den vermuthlichen künftigen Schwiegersohn der Herrn Oberst kam und die von Wein erhitzten Kameraden denfamosen Find­ling" mit Neckereien und Spott überschütteten, da riß diesem die Geduld, er verunglimpfte die Tochter seines Chefs in einer Weise, deren er sich nach verflüchtigtem Rausche in tiefster Seele schämte. Wie ein wüster Traum erschien ihm am nächsten Morgen die ganze Geschichte, welche er selber am härtesten verurtheilte, da er einen zu ehrenhaften Character besaß, um irgend eine Entschuldigung für sich gelten zu kaffen.

Und wenn die Kameraden es auch dem Oberst nicht hinterbringen werden," murmelte er, rastlos in seinem Zimmer auf- und abschreitend,so bin ich doch in ihren Augen"

Ein kurzes, militärisches Klopfen unterbrach seine quälen­den Gedanken. Er vermochte kaumHerein" zu rufen. Der Oberst trat ein und mit ihm sein Verhängniß, wie ein Blick in da- zornsprühende Auge ihm sofort sagte.

Sie haben gestern Abend vor einer ganzen Gesellschaft meine Tochter gröblich beleidigt," begann der alte Herr mit heiserer Stimme.

Verzeihen Sie mir, Herr Oberst!" erwiderte Waldmann

bleich, im bittenden Tone.Ich war meister Sinne nicht mehr mächtig, hatte getrunken und wurde in einer Weise i gereizt"

,,Daß Ihre ursprünglich rohe Natur, wahrscheinlich ein Erbtheil Ihrer unbekannten Raben-Eltern, sich gewaltsam Bahn gebrochen," fiel der Oberst verächtlich ein.Sie find i ein Elender!"

Lieutenant Waldmann zuckte, wie vom Blitz getroffen, ; zusammen und griff nach seinem Degen.

Nur zu, junger Fant I" sprach der Oberst kalt.Da ich keinen Sohn habe, um den Beleidiger zu strafen, muß ich mich selber dazu erniedrigen. Ziehen Sie, Lieutenant Wald« mann!"

Der junge Mann stand unbeweglich, sein Gesicht war aschfarben.

Ich kann und darf mich nicht mit meinem Vorgesetzten schlagen, Herr Oberst!"

Feigling, Du sollst!" knirschte der alte Herr, seinen Degen herausreißend.

Waldmann streckte ihm beide Hände entgegen.

Verzeihen Sie mir, Herr Oberst, was ich im Rausch gefrevelt," bat er mit flehender Stimme.Ich war zum ersten Mal in meinem Leben unzurechnungsfähig, wußte in jenem Augenblick nicht, was ich that. Keiner kann mich strenger verurtheilen, als ich selbst es thue und der Himmel ist mein Zeuge, daß ich es bitter und tief bereue. Aber eben deshalb muß ich bei meiner Weigerung, mich mit Ihnen zu schlagen, fest beharren, Herr Oberst!"

Dieser lachte verächtlich auf und zuckte die Waffe auf dc« i Lieutenants Brust. Der junge Offizier stand unbeweglich. Da stieß der Oberst mit einem Wuthgeschrei die Klinge in die Scheide zurück, ergriff, ehe Waldmann es hindern konnte, den Degen desselben, riß die Klinge heraus und warf sie im f nächsten Augenblick zerbrochen vor des Lieutenants Füße.

Der Lieutenant stürzte sich mit einem Wuthschrei auf den Oberst.

Reichen Sie Ihr Abschiedsgesuch ein," sprach dieser kalt,ich werde cs befürworten."

Auf der Schwelle stand sein Hauptmann, welcher Zeuge der ganzen Scene gewesen war.

Sie haben Aller gesehen und gehört, Herr Hauptmann!" wandte sich der Oberst zu ihm.

Dieser verbeugte sich schweigend und verließ dann mit seinem Vorgesetzten das. Haus.

Lieutenant Waldmann mußte den Dienst quittiren und stand nun urplötzlich ohne Existenzmittel, ohne Stellung vor einer dunklen Zukunft, in einer Welt, welche dem heimath« losen Findlmg kaum eine Berechtigung zum Leben einräumte.

III.

Der arme junge Mann, welcher Soldat mit Leib und Seele gewesen und mit der Uniform, die sein Stolz und seine Freude gewesen, auch die Thatkcast und Hoffnung verloren zu haben schien, saß mit der Zeitung, die sein Hauswirth ihm gesandt, vor sich und studirte mit einer Art Galgen« Humor die Jns?raten«Spalten.

Personen, die verlangt werden," las er halblaut, I Köchinnen, Hausknechte, Kellner mir guten Zeug« > niffen, ob der Oberst mir ein solches ausstellen würde? Ja so, mein Abschied ist ehrenvoll, also immerhin ein gute« Zeugniß für mich, das heißt, wenn man so liberal ist, stch nicht nach dem Grunde der Dinge bei dem Herrn Oberst zu erkundigen. Na, im Civilstand wird dieser Grund nicht viel verfangen, weil es hier durchweg wohl nur auf Tüchtig­keit und Ehrlichk.lt ankommt; und ein ehrlicher Kerl bin ich doch trotz alledem, Herr Oberst! Also weiter: Ein Kutscher, gewesener Cavallertst vorgezogen. Hm, reiten kann ich, auch fahren, uns meinst Du dazu, Otto? Ein netter Sprung auf den Kutschsrbock. Alle Wetter, hier kommt ein Heirathr« gesuch, das klingt verlockend in meiner Lage.Ein junges, ansehnliche» Mädchen mit einem disponiblen Vermögen von 200,000 Mark sucht mit einem jungen, gebildeten Mann im