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„Sie Haden groß und edel gehandelt! Ich bitte Sie um Verzeihung wegen des Unrechts, das ich Ihnen in meinen Gedanken angethan."
Er nahm ihre Hände, um sie ehrerbietig zu küssen, dann gab er sie sogleich wieder frei.
„Als ich mich in wahnwitziger Verblendung anfchlSte, wie ein Elender gegen Sie zu handeln, Margarethe — schlug mich mein Bruder mit der geballten Faust in« Gesicht. Und damals gelobte ich mir mit einem fürchterlichen Eide, diesen Schlag dereinst an ihm zu rächen. Es mag wohl sein, daß ich in jener Stunde an eine andere Art von Rache dachte, als ich sie jetzt genommen. Aber so oder so, ich be- trachte die Schmach, die ich erfahren, nunmehr als gesühnt. Und wenn mich das Schicksal wieder mit ihm zusammenführt, können wir uns, wie ich denke, frei und offen in die Augen blicken."
„Und Sie wollen jetzt reisen, ohne ihn gesprochen zu haben? — Er soll nicht erfahren, was Sie für ihngethan?"
Werner Eggestorf lächelte.
„Nein. Das gehört auch noch zu meiner Rache. Her« mann darf gar nicht ahnen, daß ich überhaupt hier gewesen bin — das fertige Gyprmodell erst soll es ihm verrathen. Und eine so kraffs Selbstsucht mir auch diesen Wunsch dictiren mag, Sie müssen mir die kleine Genugthuung doch vergönnen. Erst wenn er mich ruft, werde ich kommen. Und nun leben Sie wohl, denn ich möchte meinen Zug nicht gerne versäumen."
Er hatte zuletzt in heiterem, leichten Tone gesprochen, aber dahinter verbarg fich auch bei ihm nur nothdürftig die mächtige Bewegung. Sie sahen fich an und reichten einander noch einmal die Hände.
„Leben Sie wohl!" sagte Margarethe leise. „Und wenn — wenn es für Sie noch einen Werth hat — es zu erfahren — ich zürne Ihnen nicht mehr und werde Ihrer nur noch wie eines Freundes gedenken."
„Aber wie eines verstorbenen — nicht mehr? — Nun, auch das ist ja viel, viel mehr als ich jemals erhoffen durfte, und ich weiß es Ihnen Dank, feien Sie dessen gewiß, Fräulein Margarethe! — Nur Eines noch! — Was bedeutet der Wagen mit dem Koffer vor der Thür? Bendemann sagte, es sei der Ihrige, und Sie find im Straßenanzuge. Wollen Sie denn wirklich fort?"
„Ja."
„Und mein Bruder — er ist davon unterrichtet?" Margarethete nickte.
„Ich war im Begriff, mich von ihm zu verabschieden, als Sie kamen."
„Auf kurze Zeit — nicht wahr? Ich begreife, daß Sie jetzt, wo seine Genesung schnelle Fortschritte macht, nicht gut hier bleiben können."
„Ich gehe nicht auf kurze Zeit, sondern auf immer. Es ist meine Abstcht, eine Stellung als Reisebegleiterin oder als Erzieherin in irgend einem überseeischen Lande anzunehmen."
Im höchsten Erstaunen starrte er sie an.
„Wie — im vollen Ernst? — Ja, mein Gott, was hat sich denn seit gestern zwischen Ihnen und meinem Bruder ereignet, daß Sie ihm diesen surchtbaren Kummer anthun wollen?"
Sie senkte befangen das Köpfchen und bat:
„Es ist nichts geschehen — aber fragen Sie mich nicht weiter, wenn Sie mir nicht wehe thun wollen. Und Ihr Bruder wird, wie ich Hoffs, den Kummer über meine Abreise leicht überwinden."
„Sie kennen ihn, wie es scheint, doch noch nicht ganz, wenn Sie das wirklich glauben. Er hatte wohl Seelenstärke und Selbstüberwindung genug, seine Liebe zu verbergen, als er glauben mußte, daß Sie einem Andern vor ihm den Vorzug gäben — j°tzt aber würde er es sicherlich nicht mehr ertrage«, Sie zu verlieren. Nein, nein, wenden Sie sich nicht so unwillig ab und bleiben Sie nur noch einen Tag. Es ist, bet Gott, seltsam genug, daß ich bei Ihnen den Fürsprecher eines Andern mache. Aber dieser Andere ist mein Bruder — mir können Sie'» schon glaube» — der beste
Mensch auf Erden. Ich büße jetzt nur, wie ich'» verdient habe. Denn selbst auf die Gefahr hin, Ihre kaum gewonnene Achtung wieder zu verlieren, muß ich'» ««gestehen: ich wußte schon damals, daß er Sie liebte — und ich kam ihm mit meiner ungestümen Werbung zuvor, weil ich wußte, daß auch Sie ihn lieben mußten, sobald Sie ihn nur erst kennen gelernt hätten- Ihre Anwesenheit in diesem Hause beweist mir, daß ich mich nicht getäuscht habe. Wollen Sie nun aus falschem Stolz oder um irgend eines Mißverständnisse« willen sich und ihn dauernd unglücklich machen?"
Margarethe kam nicht mehr dazu, ihm zu antworten, denn auf der Treppe, die in den Garten hinabsührte, erschien Bendemann» lange, hagere Gestalt, und er bewegte seine unendlichen Arme wie Windmühlenflügel in der Luft, anscheinend um Werner damit irgend ein Zeichen zu mache«.
„Wenn mich nicht Alles täuscht, hat der alte Knabe mir etwas zu sagen" unterbrach sich der Bildhauer, dessen hübsches Gesicht plötzlich dunkelroth geworden war, „aber ich habe nicht Courage genug, ihn darum zu befragen. Vielleicht thun Sie's an meiner Stelle, Fräulein Margarethe! Das Ding, das er da in der Hand hat, steht nämlich aus, wie ein Telegramm — und ich habe fett gestern Abend aus triftigen Gründen eine heillose Furcht vor Telegrammen."
Ahnungslos entsprach sie seinem Verlangen. Der Alte sah sie wohl mißtrauisch an, aber er händigte ihr doch nach einem kleinen Zögern die verschlossene Depesche ein, die an den „Bildhauer Ezgestorf" adresstrt war.
„Ist das nun für Sie oder für Ihren Bruder?" fragte sie, nachdem sie diese Aufschrift gelesen. Werner aber sagte mit ganz merkwürdig veränderter, beinahe klangloser Stimme:
„Erbrechen Sie in Gottes Namen — aus meine Verantwortung hin — und wenn — wenn etwas Gutes darin steht, so theilen Sie mir's mit — im andern Fall brauchen Sie sie nur ganz stille wieder zusammenzufalten."
Zaudernd und befremdet löste Margarethe den leichten Verschluß. Dann ging es mit einem Mal wie lichter Sonnenschein über ihr ernstes Gesichtchen, ein jubelnder Aufschrei kam von ihren Lippen, und gemeinsam mit Werner, der in einem einzigen gewalttze» Satze an ihre Seite gesprungen war, las sie zum zweiten Mal:
„„Ihrem Entwurf für das Mozartdenkmal wurde soeben einstimmig der erste Preis zuerkannt und es wurde ebenso einmüthig beschlossen, Ihnen die Ausführung in Marmor zu übertragen. Ich schätze mich glücklich, Ihnen im Namen der Jury als der Erste zu dem schönen Erfolge zu gratuliren.
Staatsminister von Berger-""
Was sie in ihren ersten, überschwenglichen Herzensfreude an närrischen Dingen trieben, sie selber wußten e» wohl kaum. Eines nahm dem Andern die inhaltsschwere Depesche aus der Hand, um sie wieder und wieder zu lesen; dazwischen gab es Lachen und Weinen, halbe Worte und zuletzt einen schallenden Jauchzer aus Werners Munde, daß Margarethe erschrocken zusammenfuhr, weil sie nicht zweifeln konnte, daß er bis in das Zimmer des Genesenden gedrungen sei.
„Um Gotterwillen — Ihr Bruder! — Und auf solche Art gedenken Sie Ihre Anwesenheit vor ihm zu verheimlichen?"
Nun lachten sie wieder Beide wie zwei Kinder. Werner Eggestorf aber entfaltete da» Telegramm zum fünfzigsten Male und reichte es Margarethen.
„Das ist die Stunde, die Sie für alle Ihrs Nachtwachen, für Ihre Sorgen und Aengste bezahlen soll. Befördern Sie diese Depesche an ihren Adressaten und gehen Sie dabei so schonend zu Werke, als Sie's sür noth wendig halten. All' zu viel Vorsicht aber wird kaum von Nöthen sein, denn wen« man an der Freude sterben könnte, hätte mich in dieser Stunde sicherlich der Schlag gerührt."
Er ließ stch's nicht nehmen, sie bis an die Thür des Vorgemachs zu führen. Als sie an dem dunklen Winkel hinter der Treppe vorübergingen, au» dem höchst sonderbare,


