Ausgabe 
15.12.1896
 
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ich komme eben noch zur rechten Zelt, e» zu hindern. Unter allen Umständen müffen Sie mich auf wenige Minuten hören, bevor Sie irgend welche folgenschweren Entschlüsse fassen."

Nein," erwiderte ste kurz und hart.War Sie mir auch sagen könnten, es vermöchte nicht» an meinen Entschlüssen zu ändern, und darum bitte ich Sie, mich nicht aufzuhalten. Meine Zeit ist gemessen."

Aber ich muß Sie sprechen ich muß! Sie dürfen mir diese ^einzige diese letzte Bitte nicht abschlagen. Es handelt sich dabei gar nicht um Sie oder um mich, sondern einzig um meinen Bruder, und um seinetwillen allein sollen Eie noch einmal das peinliche Opfer bringen, für eine winzig kurze Zeit meine verhaßte Gesellschaft zu ertragen."

Es giebt Leute genug hier im Hause, mit denen Sie über Ihren Bruder sprechen können. Sie sehen doch, daß ich außer Stande bin, Ihren Wunsch zu erfüllen."

Und wenn ich Ihnen nun sage, daß auch ich im Be­griffe stehe, abzureisen daß meine Koffer sich bereits auf dem Bahnhofe befinden wenn ich Ihnen weiter sage, daß ich die Mittheilung, die mir auf dem Herzen liegt, nur Ihnen machen kann, Ihnen ganz allein daß fie dazu be­stimmt ist, mich vor Ihnen zu rechtfertigen o, ich be­schwöre Sie, seien Sie nur noch einmal großmüthig, wie Sie es am Tage meiner Heimkehr waren."

Sie thun nicht gut, mich an die sträfliche Schwäche zu erinnern, Herr Eggestorf, die Sie meine Großmuth nennen. Ich habe Grund genug, ste bitter zu bereuen."

Sie wissen also, daß ich mein Wort nickt gehalten habe irgend Jemand hier im Hause hat es Ihnen ver- rathen. Nun wohl, ich leugne mein Unrecht nicht. Aber ich konnte nicht anders handeln. Es stand etwas fHöheres, Heiligeres auf dem Spiel. Und wenn Sie nur ein klein wenig Zuneigung für meinen Bruder fühlen, so müffen Sie mir verzeihen."

Im Hintergrund der Diele, auf der sie ihr hastiges Gespräch geführt hatten, tauchte das neugierige Lauschennnen- gestcht der Haushälterin auf, und mit verwegener Entschlossen­heit zog Werner Eggestorf plötzlich den Arm Margarethens in den seinige«.

Kommen Sie mit mir in den Garten," raunte er ihr flehend zu.Nur auf fünf Minuten! Und Sie sollen mich den elendesten Kerl unter der Sonne nennen, wenn ich Ihnen einen Anlaß gebe, auch das zu bereuen."

Wenn sie der spähenden Wirthschafterin nicht das Schau­spiel eines kleinen Scandalr geben wollte, mußte sich Mar­garethe wohl seinem stürmischen Drängen fügen. Sie folgte ihm also schweigend über die kleine Treppe, die in den Garten hinabsührte; dann aber befreite sie ungestüm ihren Arm.

Eie werden Mühe haben, mir die» Benehmen zu er­klären, Herr Eggestorf!"

Lassen Sie es mich wenigstens versuchen! Sie wissen, daß ich auf einen Ruf des alten Bendemann aus Italien hierher zurückgekehrt bin, aber Sie wissen noch nicht, was dies« goldtreue Seele bestimmt hatte, mich ohne irgend Jemandes Borwiflsn zu rufen.

Was sonst als die schwere Erkrankung Ihres Bruders? Darüber kann ein Zweifel doch wohl nicht bestehen."

So glaubte natürlich auch ich. Aber ich hatte mich getäuscht. Gewiß hat Bendemann alle Leiden des Kranken mit empfunden so tief und mitleidsvoll als nur irgend Einer von uns. Unsere bange Sorge aber, daß er von uns genommen werden könnte, hat dieser wunderliche Alte nicht einen Augenblick getheilt. Für die Vorstellung, daß Hermann Eggestorf in der Blüthe der Jahre sterben sollte, war offenbar kein Raum in seiner Phantasie. Und wenn alle Aerzte der Welt es ihm versickert hätten er würde darum doch un­erschütterlich vom Gegentheil überzeugt geblieben sein. Wer weiß, ob e» nicht gerade die kindlich gläubige Zuversich dieses naiven, alten Menschenkindes war, die der liebe Gott in einer gnädigen Anwandlung nicht zu Schanden machen wollte.

Wenn es also nicht dehalb war, au» welchem anderen Grunde hatte Bendemann Sie gerufen?"

Mein Bruder war in dem Augenblick, da ihn die Krankheit niederwarf, damit beschäftigt gewesen, die letzte Hand an ein großes Werk zu legen, an den Entwurf z einem Mozartdenkmal, mit dem er sich an einer bedeutsamen Preisbewerbung zu betheiligen gedachte. Bei seiner hohen Auffassung de» künstlerischen Berufes und bet dem tiefen Ernst, mit dem er an jede Aufgabe herangeht, hatte die langwierige und klippenreiche Arbeit seine Kräfte schon fast verzehrt. Das, worauf es in erster Linie ankam, die Gestalt des großen Musikers selbst, war allerdings vollendet. Auch von den drei Figurengruppen, dis den Sockel schmücken sollten, konnten zwei als fertig gelten. Die dritte nur, die ihm zugleich als die bedeutsamste erschien, hatte ihm, nach Bende­mann« Erzählung, unsägliche Schwierigkeiten bereitet, und ein tückischer Zufall hatte er gefügt, daß ihm vielleicht schon unter der Einwirkung des blutsrhitzenden Fiebers gerade am letzten Tage vor seiner Erkrankung die glückliche Idee gekommen war, die ihn mit einem Schlage von allen Zweifeln erlöste. Er hatte eben noch Zeit gehabt, eins Zeichnung und eins flüchtige Thonskizzs anzufertigen; dann war er zuafmmengebrochen und tiefe Bewußtlosigkeit hatte seinen armen, in langem, fruchtlosem Ringen gemarterten Geist umhüllt. Der letzte Termin für die Einlieferung der Eoncurrenzentwürfe aber stand unmittelbar bevor. Wurde er versäumt, so war die ganze ungeheuere Arbeit vergeblich gewesen, und weil er das um jeden Preis verhindern wollte, wandte sich der alte Bendemann, dem das Werk ans Herz gewachsen war, wie wenn es sein eigenes gewesen wäre, in seiner Roth und Verzweiflung an mich. Ich allein schien ihm berufen, den Entwurf zu vollenden, und wenn Sie die Freude gesehen hätten, die er einzig au« diesem Grunde bei meiner Ankunft empfand, so würden Sie ihm wahrhaftig alle seine zahllosen Fehler darum gern verzeihen, obwohl ein unbesieglicher Haß gegen das weibliche Geschlecht leider der hervorstechendste von ihnen ist."

Der offene Widerwille, mit welchem Margarethe ihm anfänglich zugehört hatte, war einer beinahe athemlosen Spannung gewichen. Ihre Augen hingen groß und glänzend an Werner Eggestorfs Lippen wie in jenen Tagen, da er für sie der lebendige Inbegriff alles Großen und Edlen ge­wesen war, und da er für einen Moment inne hielt, vielleicht von dem Anblick ihrer selbstvergessenen Holdseligkeit hinge­rissen, drängte ste ihn, zu vollenden:

Und dann ? Sie haben gethan, war er erhoffte? Das Denkmal ist fertig?"

Natürlich, habe ich'» gethan. Es war keine große Leistung, denn ich hätte er für ein Verbrechen gehalten, zu den herrlichen Ideen meiner Bruders auch nur dar Aller­geringste aus meiner eigenen bescheidenen Phantasie hinzuzu- sügen. War mir zu verrichten übrig blieb, war eigentlich nur die handwerksmäßige Ausführung seiner Skizze. Jeder mittelmäßige Bildhauer hätte es genau so gut machen können wie ich vorausgesetzt, daß er den nöthtgen Fleiß daran setzte. Denn meines Fleißes bei Gott! darf ich mich rühmen! Tag und Nacht Habs ich.gefchafft manchmal, ohne in achtzehn oder zwanzig Stunden mehr also einen Biflen Brod und ein Glas Wein zu mir zu nehmen. Und als dann glücklich am letzten Tage der fertige Gyprabguß vor uns stand Sie mögen mich darum gern auslachen, Fräulein Margarethe da haben wir Beide, der alte Bendemann und ich, uns wohl eine Viertelstunde lang in den Armen gelegen und haben unsere Thränen zusammenfließen lassen, wie es so schön in dem Hetne'schen Liede heißt. Er war eine große Kinderei, an der meine Müdigkeit vielleicht denselben Antheil hatte wie meine Rührung aber ich möchte diese Viertelstunde doch nicht aus meinem Leben gestrichen sehen und wenn ich nur zehn Jahre angenehmen Daseins damit erkaufen könnte."

Von ihrer Bewegung überwältigt, streckte Margarethe I ihm beide Hände entgegen.