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Graf Brachdorf, „diese Geschichte hat Ihnen natürlich Ihr Freund" — er betonte das Wort sehr stark — „Melwig nach seiner corrigirten Auffassung erzählt, — sie liegt aber doch etwas anders und die Kehrseite derselben ist schwarz genug, um jenen Ehrenmann recht dunkel zu färben; hätte er landesübliche oder meinetweaen doppelte Procente genommen, dann wäre er jetzt nicht Besitzer von Lindenhagen, abgesehen von vielen anderen Existenzen, die durch ihn ruinirt worden find. Mit einem solchen Manne kann kein ehrlicher Bürger, geschweige denn ein Eavalier verkehren."
„Solche Anstchten nennt der Amerikaner einfach Hum« bug," versetzte Hans Justus achselzuckend. „Bin ich nicht zu stolz mit ihm in Geldverkehr zu treten, dann ergiebt sich alles Uebrige von selber. — Doch wozu der Streit, mir ge- fällt'« ausnehmend in Lindenhagen, und ich gestehe offen, niemals besser gespeist, keinen besseren Wein getrunken oder Cigarren geraucht zu haben, dabei ein Spielchen gemacht, und was die sonstige Unterhaltung anbetrifft, — na, — wie gesagt, meine Herren, ich bezahle die verlorene Wette mit Vergnügen. Wollen wir jetzt unsere Ruderfahrt beginnen?" setzte er, seine ausgerauchte Cigarre fortschleudernd, ruhig hinzu.
Die Junker nickten. Sie folgten in sehr nachdenklicher Stimmung dem kecken Amerikaner, der ihre Standes - Vor- urtheile „Humbug" nannte, bei dem Lindenhagener und seiner schönen Nichte sich wundervoll amüfirte, und dem Onkel ein Schnippchen schlug, indem er die Nacht zu dem verbotenen Ausfluge benutzte. Die jungen Herren bewunderten und beneideten insgesammt, doch nur im Stillen, den famosen Yankee, der sich trotz aller Verbote und Schranken zu amüsiren und sein Leben zu genießen verstand. Keiner wagte es, mit seiner Meinung hervorzutreten, aus Furcht, sich vor seinen Standesgenoffen zu blamiren, Hans Justus aber kannte seine Pappenheimer, und wartete jetzt ruhig der Dinge, die nach seiner Berechnung unzweifelhaft kommen mußten.
Und sie kamen in der That auch genau, wie er geplant hatte, das heißt, die Herren Junker, einer nach dem anderen, um ihm im Vertrauen seinen Verlust - Antheil der Wette anzubieten gegen die Bedingung, ihn unter dem schützenden Schleier der Nacht nach Lindenhagen mitzunehmen. Hans Justus nahm das Geld und gab sein Wort, ben Freunden nichts davon zu verrathen. Er gab es Jedem von ihnen und hielt sein Wort, da die Herren, welche zu verschiedenen Zeiten nach Lindenhagen beordert wurden, sich dort erst zu ihrer maßlosen Ueberraschung, welche sich bald in ein schallende» Gelächter auflöste, versammelt sahen.
„Ein famoser Kerl, der Alting, uns so heillos zu überlisten!"
So lautete der Ausspruch dieser jungen Herren, die auf dem Lande, unter den Augen der Väter ein ziemlich lang- weiliges und nach allen Seiten hin eingeschränkte« Leben führen mußte und ihre Brüder, die als Offiziere oder flotte Studenten sich draußen in der großen Welt amüsiren konnten, krampfhaft beneideten. Dafür waren sie ja auch die Erstgebornen, folglich die Erbherren, die auch einige Jahre das flotte Studentenleben gekostet haben, und nun damit fertig sein mußten, wie die Väter, welche ihre liebe Noth mit den wachsenden Ansprüchen ihrer späteren Nachkommen hatten, kurzweg decretirten.
Da» Haus des Lindenhageners, wo sie fortan Alles finden konnten, was Lebemänner erfreut, die Unterhaltung eines schönen koketten Weibes, da» es mit den burschikosen Ausdrücken nicht genau nahm, auserlesene Tafelfreuden, deren Kosten sie schließlich selber tragen mußten, und ein kleines, vorzügliches Hazardspiel, dem Hans Justus selbst- verständlich als Bankhalter präfidirte, während Herr Melwig „mitmachte" und lachend hohe Summen verlor, die schöne Nichte aber dasselbe mit perlendem Sect als verführerische Hebe gar trefflich zu würzen verstand.
Wir wissen aus dem Munde des alten Herrn von Röm- bild, wie verhängnißvoll das Haus des Wucherer» diesen Mgen genußsüchtigen Herren und ihren Familien werden sollte, und wie Han» Justus und sein würdiger Spießgeselle sich die
Taschen füllten, da der Raub selbstverständlich getheilt wurde. Diese beiden Gleichgesinnten wußten sich ein» in ihren Plänen, die zunächst in einer Verbindung zwischen Ebba Regina und dem Erben von Altinghof, wofür Melwig natürlich, wie alle Welt es that, Hans Justus hielt, bestand, eine Verbindung, die von dem Letzteren mit Leidenschaft erstrebt und auch von der schönen Nichte, die ihr Herz stets der berechnenden Vernunft unterordnete, ungeduldig ersehnt wurde.
(Fortsetzung folgt.)
Wirkung des Alkohols bei den Biertrinkern.
Von Dr. Otto Gotthilf.
(Nachdruck verboten.;
In der jetzigen Jahreszeit, wo die Abende kühler und länger werden, pflegt sich bei vielen Vertretern des männlichen Geschlechts das Verlangen etnzustellen, Abend» wieder länger, leider oft nur zu lange, im Stammlocale zu verbringen und einem größeren Biergenuß zu huldigen. Deshalb dürfte es angezeigt sein, den Nutzen und Schaden des Bieres, und hauptsächlich seines auf den Organismus wirksamsten Bestandtheiles, des Alkohols, einmal genauer zu besprechen. Der Alkohol (al cohol, arabisch: das Feinste) ist für den Stoffumsatz in unsrem Organismus zwar von Vortheil, kann freilich auch, im Uebermaß genossen, ebenso gefährlich und schädlich wirken. Er ist es hauptsächlich, welcher dem Biere seine berauschende Wirkung verleiht. Er wirkt in dieser geringen Menge, wie er im Bier vorhanden ist, auf unser Nervensystem anregend, und vermag den Körper vorübergehend zu größerer Leistungsfähigkeit anzuspornen. Im Magen erzeugt der Alkohol zunächst ein gewisses Wärmegefühl, hervorgerufen durch den größeren Blutandrang, welchen er in der Schleimhaut desselben bewirkt. Dieses Wärmegefühl dehnt sich, wie jeder Biertrinker schon erfahren haben wird, allmählich über den ganzen Körper aus. Namentlich werden die Hautpartien äm Kopfe, am Gesicht und überhaupt am oberen Theile des Körpers für die Empfindung wärmer und können eine röthere Färbung annehmen. Die Herzthätigkeit wird gesteigert, das rascher strömende Blut führt den Organen mehr Nahrung und Sauerstoff zu und entzieht die verbrauchten Stoffe (Ermüdungsstoffe), wodurch die Nerven angeregt, das Krastgefühl, die Energie der Be- wegungen und die Geistesthätigkeit, besonders der Muth und das Spiel der Einbildungskraft gesteigert werden. Ein Gefühl von Gehobensein bemächtigt sich de« ganzen Menschen, Fröhlichkeit und Geschwätzigkeit stellen sich ein. Thut man aber des Guten zu viel, und ist das Bier namentlich sehr alkoholreich, so steigern sich die Erscheinungen der einfachen Aufregung, es stellt sich eine Art fieberhaften Zustandes ein, ohne daß die innere Körpertemperatur vermehrt ist. Der Mensch ist weniger Meister über seine Gedanken, Willensäußerungen und Bewegungen. Der eine wird sehr mittheilsam, ein andrer erotisch aufgeregt, ein dritter heftig und zanksüchtig, ein vierter entwickelt eigenthümliche Theorien, zeigt perverse Triebe: ein jeglicher nach seiner Art. Glücklicher Weise geht in höheren Graden mit diesen Erscheinungen eine Schwächung der Muskel- kraft einher. Schließlich stellt stch Schlafbedürfniß ein, und dem gewöhnlich lang dauernden Schlafe folgt ein Erwachen mit einem gewissen Grade von Unwohlsein, Kopfschmerz, Appetitlostgkeit, schlechtem Geschmack im Munde und Depresstons- erscheinungen.
®as sind allerdings sehr unangenehme Eigenschaften, die durch den Alkohol dem Biere zuertheilt werden. Wie schützt man stch nun dagegen? Zunächst muß ich hier darauf hin- weisen, daß, wie Jeder aus Erfahrung weiß, bei ein und remselben Menschen ein und dasselbe Bier sehr verschiedene Wirkung ausübt. Habe ich, bevor ich mich an den Stammtisch zum gewohnten Trünke begebe, mit einigen Bekannten unter heiterem Gespräche einen netten Spaziergang gemacht, so kann ich schon einige Glas Bier mehr vertragen; bin ich


