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ersten Stunde seines Beisammenseins mit der adeligen Jugend von der schönen Ebba Regina und ihrem vervehmten Onkel Die Geschichte wurde dem Amerikaner so unverständlich, die Furcht der Junker ihm so belustigend, daß er in ein laute» Gelächter ausbrach und hierauf mit ihnen wettete, ste sämmtlich innerhalb acht Tagen im Lindenhagener Herrenhause um sich versammelt zu sehen. Die jungen Herren gingen die Wette ein, die auf fünfzig Doppelkronen lautete und von den acht Junkern zusammen gegen Hans Justus gehalten wurde.
Wovon letzterer die Summe bezahlen wollte, falls er verlor, wußte er selber nicht, da der alte Baron ihm zwar ein anständiges Taschengeld ausgesetzt hatte, doch an solche hohen Summen niemals denken würde. Er mußte also gewinnen und zweifelte auch keinen Augenblick daran.
Ohne Säumen lenkte er seinen Fuchs schon am nächsten Nachmittag nach Lindenhagen, um dort seinen Besuch abzustatten. Herr Melwig, der von seiner Ankunft bereits genug gehört hatte, war höchst überrascht und erfreut über den unerwarteten Besuch, und bot seine ganze Liebenswürdigkeit auf, um den jungen Herrn so lange zu fesseln, bis die Nichte von ihrem Spazierritt zurückkehrte, was allerdings, da jener hauptsächlich nur ihrethalben erschienen war, nicht schwer hielt.
Bei einer Flasche echtem Johannisberger, wovon noch eine lange Reihe im Keller lagerte, die Melwig einem Weinhändler hatte abpfänden lassen, sowie einer ebenso echten Havana plauderte es sich sehr gemüthltch in dem elegant ausgestatteten Raum, den der Gutsherr al» sein Privatzimmer bezeichnete.
„Ihr Vorgänger hat fich ja wohl mit einem Loth Blei absentirt,? wie?" fragte Han» Justus, dem es diesen Mann gegenüber zum ersten Male wieder ganz wohlig wie drüben in der Heimath wurde.
«Bah, er war ein Narr!" erwiderte Melwig wegwerfend, „wenn die Herren Aristokraten für ihre verschwenderischen Genüsse und Pasfionen das Geld des soliden Bürgers brauchen, dann ist dieser ein guter, lieber Mann, ein Freund in der Roth. Will er aber sein sauer erworbenes Geld nicht umsonst riskiren und es endlich auch wieberhaben, dann schimpft man ihn einen Wucherer, Halsabschneider und Gott weiß was!" — Pardon, Herr Baron, ich vergaß, daß auch Sie zu diesen Aristokraten gehören, — aber ich frage Sie, ob es gerechtfertigt ist, mich für den Tod eines solchen Verschwenders noch schließlich verantwortlich zu machen? Ich habe das Gut übernehmen müssen, um zu meinem Gelbe zu kommen, denn Jeder ist fich selbst am Ende doch der Nächste."
„All right Sir!" rief Häns Justus, mit dem menschen- freundlichen Herrn Melwig kräftig anstoßend, ich hasse diese deutschen Aristokraten, und freue mich, daß Sie den dummen Junker aus diesem warmen Nest geworfen und sich selbst htneingesetzt haben- Goddam Sir, wir müssen Freunde werden, Sie gefallen mir, diese ganze Sippschaft verdient, daß ihr die Goldfedern ausgezogen werden und wir Beide, calculire ich, wären die rechten Männer dazu."
Melwig sah ihn prüfend an, er hatte sich diesen Amerikaner, der so mitten in die aristokratische Gesellschaft hineingeschneit war, schon gleich aufs Korn genommen, weil Mes, was von drüben kam, andere Ansichten und Ideen über Standesvorurthelle befaß. Der geriebene Menschenkenner hatte sich, wie er sah, auch nicht getäuscht, der junge Baron von Atting gehörte zu ihm.
„Ich glaube, Ste haben recht, Herr Baron," erwiderte er, „und e» streut mich; aufrichtig, daß wir un» in einer Sympathie begegnen, die auf beiderseitige Interessen sich gründet. Darin ist Amerika uns weit voraus, obgleich sich bei uns auch schon kluge Leute finden, die ihren irdischen Borthell, den sie greifen und festhalten können, höher stellen, al» die ganze Gefühlsduselei und Verhimmelung, womit sich die Menschen selbst betrügen und von Anderen um ihren Lebenszweck geprellt werden."
«Goddam, Mr. Melwig, das nennt man wohl deutsche Philosophie?" rief Han» Justus laut lachend. „Sie find mein
Mann, diese Philosophie gefällt mir. Lassen Sie uns an- stoßen auf gute Kameradschaft!"
Die Gläser klangen zusammen. Der schöne Bund dieser beiden edlen Seelen sollte bald seine Früchte tragen, wie wir bereits aus des alten Herrn von Römhilds Klagen erfahren haben. Hans Justus begann mit den Sportwetten, dis ihm seine adeligen Genossen zuerst ins Netz trieben und zu seinen Schuldnern machten. Um seine eingegangene Wette hinstchtlich de» Lindenhageners zu gewinnen, fing er es schlau an, indem er diese ganz vergessen zu haben schien und die darauf hinzielenden Neckereien überhörte.
„Oho," sagte Harald Römhild, „der amerikanische Fuchs will uns darum prellen, weil er die Wette verloren giebt, da werde ich ihn mal aus seinem Bau treiben. Der reiche Onkel kann zahlen, denn Wette bleibt Wette und für Jeden von uns eine Ehrensache."
Als die Herren am selben Tage mit Hans Justus zusammen^ kamen, um eine Bootfahrt zu unternehmen, machte Römhild den ersten Angriff auf ihn.
„In drei Tagen haben Sie fünzig Doppelkronen an un- verloren," sagte er mit starker Betonung.
Der Amerikaner sah ihn mitleidig an.
„Ach, Ste meinen damit die Ltndenhagener Wette, mein bester Herr von Römhild?" erwiderte er nachläsfig, „all right, ich will verlieren, — mir liegt nicht» daran, die Herren in meinem Jagd-Revier zu sehen. — Aber — Goddam, leid thun Sie mir allesammt. Zum Henker mit einem solchen Gängelbande, da» Sie sich selber au» Vorurtheilen, Hochmuth und — parbon — na, sagen wir Abhängigkeit gedreht haben."
„Sie scheinen darnach Glück in Lindenhagen zu haben, Herr von Atting, bemerkte Römhild spöttisch, „nun, Jeder nach seinem Geschmack, Amerika ist in solchen Dingen nicht wählerisch. Wenn Ihr Onkel e» frellich erführe, er versteh in dieser Sache keinen Spaß."
„Braucht er'» denn zu erfahren?" erwiderte Hm Justus, wie prüfend den Blick von Einem zum Anderen wandern lassend. „Ich denke nicht, daß einer von Ihnen er ihm verrathen wird."
„Well ein solcher Gedanke eine blutige Beleidigung für uns wäre," rief einer der Herren achselzuckend, „womit sich aber nicht verbürgen läßt," setzte er langsam hinzu, „baß Ihre Besuche in Lindenhagen verschwiegen bleiben, mein lieber Atting! — Die Sonne wird'» bald genug an den Tag, und damit an Ihren Onkel bringen."
„Die Sonne habe ich nicht zu fürchten," lachte Hans Justu« spöttisch auf, „ich warte stet«, bi» sie drüben bei meinen Landsleuten ist und was den Mond anbetrifft, so ist der bekanntlich ein verschwiegener Geselle, zumal ich als Nachtwandler zu seinen speciellen Freunden gehöre."
Die Herren brachen in ein fröhliche» Gelächter au» und erklärten ihn für einen famosen Kerl und lustigen Kameraden.
„Run müssen Ste aber beichten," rief Harald Römhild, „und zwar, bevor wir unsere Meerfahrt antreten. Wie ist er bei dem alten Halsabschneider? Wie stehen Sie mit der schönen Ebba Regina? — Ein prachtvolle» Weib, wie?"
„Vor allen Dingen bitte ich, von meinem Freunde Melwig und seiner schönen Nichte achtungsvoller zu reden," erwiderte Hans Justus stirnrunzelnd. „Sie haben ihn in die Acht gethan, — aber weshalb? — Weil er sein Vermögen nicht so ohne Weiteres einem wüsten Verschwender hat opfern wollen. Ist das ein Verbrechen? — Goddam, meine Herren, ich unterfange mich gewiß nicht, über den vorletzten Herrn von Lindenhagen zu Gericht zu fitzen, weil ich selber dem vollen Lebensgenüsse huldige und mein Wahlspruch heißt: zur rechten Zeit die Jugend genießen. — Aber da heißt es auch ferner, die Folgen selber zu tragen und nicht Anderen, die ihm die Mittel zu einem lustigen Leben gegeben haben, die Verantwortung dafür aufzuladen, wie man's mit meinem Freunde Melwig gemacht hat. — Nennen die Herren da» vielleicht ritterlich?"
„Erlauben Sie mal, Baron Alting," rief ein junger


