Ausgabe 
15.2.1896
 
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Der Tag dämmerte herauf

Blau und rein der Himmel, blau und glatt das Meer, und ein frischer, weicher Wind wehte ihr das wirre Haar aus der. Stirn.

Tomaso richtig l Und ein fremder Mensch.

Ah, der Bote vom Doctor Varel. Er hatte einen Brief an ste.

Sie riß denselben auf.Mein gnädiges Fräulein! Baron Erich von Tornegg ist schwer verwundet, die Gattin des Herrn mit einem Maler entflohen. Wenig Hoffnung für das Leben des Barons. Ich habe nicht den Muth gehabt, ihm zu sagen, daß ich sein Kind sterbend verließ, meine Gnä­dige. Er bat mich dasselbe Ihrer Herzensgüte zu empfehlen und, sobald es wohl genug sei, es ihm zu schicken. Ueber die Scene zwischen den Gatten nichts Gewiffes; bet dem furcht­baren Gewitter haben die Baronin und der Maler nicht fort gekonnt, auch keine Verfolgung befürchtet, so sagte mir die Padrona der Luna. Ich erspare Ihnen, zu lesen, was weiter folgte. Aus Furchtvor Weitläufigkeiten" ließen sie die Dame und ihren Galan entfliehen und die sind zu Schiffe fort. Der Wirthin Sorge, daß der Baron zu arm fei für die theure Pflege, habe ich mit dem Hinweis auf Sie, meine Gnädige, beschwichtigt. That ich recht daran?"

Das war so ziemlich der Inhalt des Schreibens. Der Bote aber erzählte, er sei der Hausknecht aus dem Hotel und der Herr Baron habe die Nacht im heftigen Wundfieber gelegen; der Padrona sei sehr angst, daß er stürbe und sie wünsche Sicherheit, daß Alles bezahlt werde, auch das Be- gräbniß.

Paula Neegenhart wanderte einsam und zwecklos auf der Klippe hin und her.

Der Vater bedurfte ihrer nicht und fühlte sich nach wie vor am glücklichsten, wenn sie ihn sich selbst überließ; dar Kind war begraben und wie sie von Tomaso wußte, welcher gestern Abend nach Amalfi hinabgestiegen und beim Tages- grauen zurückgekehrt war, lag dort unten Erich Tornegg meist bewußtlos und rang mit dem Tode.

Wenn er nur stürbe! Ihm wäre am wohlsten!" hatte sie auf diese Nachricht geantwortet.

Eine ganze Weile später hörte sie ihr eigenes Wort, nach­dem es längst verklungen.

Etwas Unbeschreibliches ging in ihr vor. Ihr war, als zerreiße plötzlich vor ihren Äugen ein Vorhang oder eine dichte Wolke und in blendender Klarheit sah sie eine That- fache, die sie nie erkannt und die sie doch immer in sich ge­fühlt: Ich liebe ihn nicht mehr, habe ihn seit langer, langer Zeit nicht mehr geliebt!

Ste sann und grübelte; aber es stand plötzlich unum­stößlich fest, dies: Schon längst nicht mehr! Wann ihre Liebe erloschen war? Sie wußte es nicht.

Aber daß ihr Herz, welches sie tobt geglaubt, nun leer war, leer wie ein seines Heiligthums beraubter Tempel, das wußte ste jetzt.

Und diese jammervoll klägliche Verödung hatte sieTod" genannt.

Ja, so war es! Die Begegnung mit Erich, sein Anblick, seine Stimme hatten in ihr nichts von einem Widerhall ge­weckt, kein wärmeres Empfinden, keinen Hauch der alten Zärtlichkeit! Er war ihr unsympathisch geworden, ganz fremd; Alle», was sie für ihn empfand, war ein Mitleid, da» jede weitere Gemeinschaft ablehnt.

Welche Offenbarung ihre» eigenen Ich»? Wie hatte sie jahrelang einhergehen können mit solcher Selbsttäuschung, freudlos, leidend unter dem steten nagenden Schmerz? Nein, so durfte ste e» nicht einmal nennen. Ein tiefe» Unbehagen war e» gewesen, ein unerträglicher Fehlen, ein unbestimmtes, trostloses Kältegefühl.

Jetzt plötzlich wußte ste es und kam darauf immer wieder zurück.Leer und öde" war ihr zu Muthe und nicht einmal von fern war ihr der Gedanke gekommen, daß ihre QualSehnsucht" hieß.

Sehnsucht! Wonach? Sie hatte keine Antwort. Sie hatte ja nicht gewußt, daß ihr Herz nur leer war.

Wie sonderbar, wie unbegreiflich, daß ste dies so ver­kannte!

Und doch als Heinrich sie neulich fragte: Also Sie lieber. Erich noch immer? wie klar und fest hatte damals ihre Antwort gelautet: Lieben? Nein! Und wie gewß chatte ste in jener Stunde gewußt, daß sie keinen Funken jener Liebe mehr in sich trug. Sie wurde sich selbst über all' dem Grübeln und Erkennen ein Räthsel.

Heinrich! Er sagte, fie sei so kalt gewesen. Erich hatte sich damit entschuldigt.

Und Heinrich sagte weiter: Hätten Sie ihm doch die Wahrheit gesagt!

Immer aufgeregter und verwirrter dachte fie weiter.

Es kam ihr aus jener Zeit Manches in den Sinn, auf das sie seither nicht geachtet. Ihre eigene Geschichte erschien ihr plötzlich in einem neuen Lichte. Sie war damals noch sehr jung gewesen. Heinrich hatte sie gesiebt und sie war ihm sehr gut, sie hatten große Sympathieen für einander.

Aber Heinrich war Student, ein schwärmerischer, un­fertiger, liebenswürdiger Jüngling.

Und dann erst lernte sie Erich kennen, den glänzenden, vornehmen, schönen Mann, den Helden der Hofgesellschaft.

Ec warb um sie und sie gab sich ihm mit tausend Freuden hin; fie war unsäglich stolz, seine Braut zu heißen.

Und heute? Heute wurde ihr klar, jetzt erst, daß fie damals neben ihm stand wie ein Instrument, welche» er nicht zu spielen wußte.

Er schlug niemals den richtigen Ton für ste an.

Was in ihrer Seele lag, in ihrem Herzen nach Ausdruck rang» das blieb stumm neben ihm.

Aber er war ja der glänzende, gefeierte Mann, zu dem ste in glühender Anbetung aufschaute, nie daran denkend, daß ihr schweigsames Lieben und Anbeten, ihre demüthige Be­klommenheit ihn unbefriedigt ließ.

O, wie viel hätte ste ihm damals sagen mögen, wie gern den ganzen Reichthum ihres Empfindens ih n enthüllt, wenn er nur den Schlüssel zu ihrer Seele gefunden!

Als er dann treulos wurde, da sagte fie stch auch nicht, daß die verwundete Selbstliebe, die Eitelkeit ebensoviel Theil hatten an ihrem Jammer, wie ihre verschmähte, wortarme, vergötternde Liebe.

Heute erst wußte sie e»; alle diese Zeit her rang e» in ihrer Seele zur Klarheit Selbsttäuschung, Jrrthum, Ver­blendung waren der größere Theil ihres Leider gewesen.

Der Mann, der dort unten in Amalfi sterbend lag, war ihr nichts als ein Unglücklicher, dem ste helfen mußte; fie wollte auch helfen. Aber wie? Und wie konnte ste ihren Vater bewegen, ihr mit Rath und That beizustehen?

(Fortsetzung folgt.)

Auf der Mmthierjagd.

Eine Jagderinnerung aus Livland. Bon A. v. Stetten.

(Fortsetzung.)

Bei näherer Besichtigung des Terrains zeigte es stch, daß die Kuh und die Kälber in einer ganz anderen Richtung davongezogen waren, als der Bock, und ohne Weiteres nahm mein Freund die erstere Spur auf, mir schon aus der Ferne noch einige Worte zurufend, die mir jedoch völlig unver­ständlich blieben. Der Waldläufer schien einige Augenblicke zu schwanken, was er thun solle, dann aber schlürfte er hinter seinem Herrn drein, so daß mir eigentlich nichts weiter übrig blieb, als der Fährte des Bockes zu folgen, was ich auch that, obwohl mir ja das ganze Jagdterrain noch völlig unbekannt war.

Als ich der Spur des Bockes etwa eine halbe Stunde lang gefolgt war, drang das Gebell der Hunde wiederum mit grimmem Kampfeston an mein Ohr, der »errieth, daß