Ausgabe 
15.2.1896
 
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Die Carducca gab ihm in ihrer redseligen Weise Be- scheid, während er seinen Wein trank.

Wie gern hätte Paula ihn gebeten, zu bleiben, bis Alles vorüber war. Sie hatte solche Angst vor dem Ende und ihr war, als hätte sie dies kleine Geschöpf plötzlich lieb.

Mein Gott, mein Gott, was soll ich dem Vater sagen, wenn er kommt und es ist tobt!" sprach sie zu dem Arzt. Er sah ihr die Erschütterung an. ;

»Ich bliebe gern, Gnädige; aber dort unten in Amalfi erwartet mich ein Schwerverwundeter. Als ich vorüberfuhr, rief mich die Padrona aus dem Hotel Luna an. Stich in die Lunge - Eifersucht - kommt hier ost vor.«

Paula horchte hoch auf.Wer war der Herr?" fragte Re hastig.

Ueberrascht blickte Doctor Varel sie an-

Wie sonderbar, daß ste gleich errieth, daß er ein Herr war und nicht einer dieser Burschen von Amalfi, die stch jeden Tag aus Eifersucht mit dem Stilet zu Leibe gehen.

cm weiß seinen Namen nicht, meine Gnädige- Seine eiaene Krau hat ihm ein Meffer in die Brust gestoßen, sagten fie mir, - einer dieser italienischen Quacksalber hat ihn ner- bunden: nun fie mich sahen, dachten sie, daß ch helfen könnt«; um «in Haar war er hin! Ob er s übersteht?

,Das ist Erich!« backte sie; sie wußte es ganz sicher.

Herr Doclor, es ist möglich, das ich au dem Schicksal des Verwundeten tgeilnehme! Er ist der Vater dieses Kinde«, fürchte ich,« sagte sie gefaßt.Ich bitte Sie, fragen Sie im Hotel nach seinem Namen und schreiben Sie mir Alles, was Sie erfahren können über ihn und seins Frau mrd was da geschehen ist. Schreiben Sie mir durch einen Expreßboten noch ^ute! mit forschendem Blicke an, der ihr

plötzlich klar machte, daß er sich sragte, in welchen Beziehungen sie zu dem Verwundeten stehen möchte.

Aber was kümmerte fie das.

Wieder saß sie neben dem Kinde; der Doctor war langst fortgegangen. «0^ ^mee starren Betäubung.

Jetzt! Der schwache Athem setzte aus, dann kam er I wieder und so ging das eine ganze Weile. Und dann war es vorbei! Das Kind regte sich nicht mehr, das kleine Herz stand still; noch bleicher wurde das bleiche, schmale

Paula sah sich rings um in der kahlen Bauernstube. Wie furchtbar leer kam ihr plötzlich die Wett vor! Heftern Abend noch hatte dies Kind sie empfinden lassen, welche Wonne es wäre, fo ein kleines, geliebtes Wesen in den Armen zu halten und nun? Wie gern hätte sie es gehegt und ge­pflegt! Run war ihr, als hätte sie selbst es verloren.

Sein Kind, Erichs Kind! In den Zügen des lebenden hatte sie die seinigen nicht gefunden; jetzt, in der sich darüber ausbreitenden friedlichen Ruhe, entdeckte sie plötzlich dieAehn- lichkeit mit ihm eine große Aehnlichkeit, welche wohl nur durch die strahlenden, fast schwarzen Augen, die Pia von ihrer Mutter geerbt, verdunkelt worden war.

Arme, kleine Pta! Armer Erich! Wie sich der Leichtsinn und die Leidenschast der Jugend an ihm rächten!

Und wie arm war er, wie grenzenlos arm!

Das Weib hatte ihn bankerott gemacht in lebem Sinne.

Aller Groll in Paulas Herzen war nun doch wieder befänstiat- Ein Quell erbarmender Liebe, ganz anders al« die, welche er einst verschmäht, fluthete über die bitteren Er­innerungen hin und löschte fie au». mhhm«

Wie lange ste dageseffen, wußte sie nicht. Die Wirthin kam, saßte sanft ihre Hand und sagte, sie sei wie eine Heilige, daß sie so treu und lieb das sremde Kind gepflegt und nun an dessen Bett bete und weine, wie es die Eltern nicht besser

Puls war so schwach, daß man jeden Augenblick erwarten konnte, I et ^Die gute Padrona hatte Paula einen Pfühl hinter den 1 Kovf gelegt. So gestützt, war sie eingeschlafen und als sie auswachte war es Tag, ein rauher, unfreundlicher Morgen. Nicht» mehr vom tiefblauen Himmel, nur grau in grau dahin- jagenbe$2B^ wiedergekommen, der Baron I Es giebt ein Unglück, Sie sollen es sehen,« sagte unruhig die Frau und brachte Paula heißen Kaffee. .

Das Kind lag bewußtlos, wie es schien, in dumpfer Be­täubung.^ kommen. Giebt es nicht einen deutschen Arzt hier herum?« fragte sie Paula-

3Ja, in Salerno!«

Dahin fchickten sie. Der Mann mußte den ganzen weiten Wea m Fuß machen, das Meer fei viel zu stürmisch, sagte sm$d« Um, sich mch A |U «tfmbigrn, mir weiger Schaum fu feien Dam «r. Ee er auf Paula» Fragen, sein Herr sei sehr schlechter Laune, reizbarer und finsterer al» die ganze Zeit her.

Sagen Sie ihm, wie e» hier steht, Martin." Natürlich, gnädiges Fräulein! Es ist ja reine Christen­pflicht" da» arme Kind zu pflegen, wenn'» auch vergeblich ist. Da» stirbt. Sehen Sie nur, wie spitz dis Nase ist und wie ^"^Paula^erschrack heftig.Ist das wahr?« fragte fie | fyabe nach dem prete geschickt, Excellenza,« flüsterte

E» dauerte auch nicht lange, so kam der Geistliche mit dem Sacristan. Und als Beide wieder gingen, lag das Kind immer noch ganz ebenso bewußtlos und apathisch da.

Wird es sterben, Hochwürdiger? fragte Paula, hinter dem alten Mann auf den Flur tretend.

Wenn die Madonna nicht ein Wunder thut! Doch, wer weiß! Die Fürbitte der Heiligen vermag viel," sagte er sanft und freundlich, aber unendlich gleichgiltig-

~ "ttab Erich Tornegg kam nicht wieder.

Der ganze Tag ging fo hin. Gegen Abend erschien der Arzt aus Salerno, ein Deutscher, Doctor Varel.

3 Er sah das Kind und sragte Paula, ob ste die Mutter sei.Es wird sterben, es ist verloren!« erklärte er dann. Sie wurde so blaß, daß er ste ganz bestürzt anblickte. Ich verstand doch, sie seien nicht die Mutter," rief er. Dann fah er sich um. Wo waren denn die Ellern dieses

8el°n®abm:$ entdeckte Paula erst, daß sie geweint- Herz- befreiende Tropfen waren es gewesen. Jetzt hatte sie Erich voll md ganz ^^rona legten das Kind dann zur Ruhe.

Paula nähte ihm da» Todtenkleidchen, wand ihm einen Kranz von Vergißmeinnicht, die Catalina scheu und ernst berbeitrua, in die blonden Locken und schmückte das kleine Todtenlager mit allen Blumen, die ste finden konnte-

Und er kam immer noch nicht, der unglückliche Mann! O. sicher, er lag dort unten schwer verwundet im Hotel!

Sie durfte nun nicht länger zögern; so ging sie denn nach der Klippe, nachdem sie da» tobte Klub für Erichs Kom­men, ach, fie hoffte immer noch barauf trotz ihrer besseren Einsicht in einem kühlen Raume aufgebahrt.

Schwer ermübet sank fie auf ihr Bett, ba ihr Vater i nl<^t Aus^dem Hefen Schlafe weckte ste ein laute« Klopfen. Tie richtete sich empor. Wie? War es schon Morgen? Hatte sie so viele Stunben geschlafen?

Das Klopfen wieberholte sich- Martins Stimme!

Er sprach mit ? Mein Gott, bet Unglückliche verstand ja kein Wort und wie lebhaft und dringend redete man auf ei36t müßt Excellenza wecken," sagte dann eine andere Da« war Tomaso! Sie sprang auf, an da« Fenster und I öffnete e».