Ausgabe 
14.11.1896
 
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Erst geraume Weile, nachdem draußen die Thür zu» geklappt war, wandte er sich um und Effenberg durch- fröstelte es beim Anblick dieses wächsernen Gesichtes.

Degenstein deutete auf einen Stuhl, der Baron lehnte mit einem Kopsschütteln ab.

Machen Sie es rasch, Graf! Ich fühle mich schon zu sehr angegriffen. Was Sie mir mitzuthetlen hätten, das kann doch nur noch ein Geständniß fein, und dies legen Sie beffer an anderer Stelle ab."

Ein Geständniß?" sagte Degenstein mit beängstigend wirkender Ruhe.Nein, damit will ich Sie nicht mehr auf« halten. Ich möchte Sie nur darum bitten, einen Auf­trag an Ihre Tochter zu übernehmen."

O Gott!" ächzte der Freiherr.Ja Adele!"

Der Klang dieses Namens zerbrach die künstliche Ge­lassenheit, zu der sich der Graf aufgerafft hatte. Er lehnte sich an die Säule eines nahen Bücherschrankes und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Adele!" rang es sich als ein erstickter Verzweiflungsruf aus feiner schwer athmenden Brust.O, daß ich ihr noch sagen könnte, was sie mir war!"

Seine Hände sanken herab, er suchte sich gewaltsam zu fassen und wandte dem nicht weniger fassungslosen Alten das schmerzverzerrte Gesicht zu.

Sagen Sie ihr, daß ich nie so vermessen war, von ihr Liebe zu fordern! Nur süßen Frieden, sanfte, erquickende Rast träumte ich mir an ihrer Seite. In ihrer Nähe fühlte ich mich nicht mehr so schuldig. Ich hätte ein stilles Glück darin gefunden, ihr stumm zu Füßen zu liegen, ihr Wesen auf mich wirken zu lassen, das die holde Ruhe selbst ist. Wie köstlich mußte es sein, von ihren milden, kühlen Händen be­rührt zu werden, einzuschlummern zu labendem, traumlosem Schlaf unter dem nervenstillenden Hauch, der von ihr aus­geht . . ."

Ich werde ihr sagen, daß Sie bereuen und sich ihre Verzeihung erbitten," unterbrach ihn hier der Baron mit einer abwehrenden Geberde.Das ist Alles, was ich noch für Sie thun kann. Ich wünsche auch aus ganzem Herzen, Gott könne Ihnen vergeben, was Sie auf sich geladen haben."

Degenstein riß sich den Hemdkragen auf und trat an's Fenster, als hoffe er, da zu freierem Athem zu kommen.

Sie haben Recht, Baron!" stieß er dann in verändertem Tone hervor.Jetzt keine verspätete Sentimentalität mehr! Dar Gewinsel des Verdammten darf Sie nicht belästigen. Gut, also leben Sie wohl! Trachten Sie rasch über dar wegzukommen, war ich Ihnen angethan habe und thun Sie auf der Stelle die Schritte, die Ihnen zunächst erübrigen! Vielleicht kann Ihnen auch der Bursche da draußen diese Be­schwerde abnehmen. Er braucht ja nur wenige Worte zu den Acten zu fügen, mit denen er ausgerüstet ist."

Effenberg, schon im Begriffe zu gehen, blickte den Grafen zweifelnd an.

Ja, ja, ich rede bei voller Vernunft," versicherte dieser gelassen.Thun Sie, was jetzt Ihrs Pflicht ist! Ich will in­dessen ein umfassendes schriftliches Bekenntniß aufsetzen, das den Gang der Dinge sehr vereinfachen wird."

Thun Sie das!"

Effenberg nickte und verließ mit raschen Schritten das Zimmer, während sich Degenstein zum Schreibtisch wandte, als wolle er den eben geäußerten Vorsatz auf der Stelle aus­führen. . . .

Draußen im Vorzimmer wartete Ignaz. Er athmete erleichtert auf, als er den Baron in leidlicher Haltung heraus- treten sah.

Kommen Siel" flüsterte Effenberg, die bange Frage in der Miene des Burschen beantwortend.Sie müssen nun wirklich unverzüglich . . ."

Eine heftige Detonation schnitt dem Freiherrn hier das Wort ab. Sie war aus dem Bibliothekzimmer gekommen. Dort mußte ein Schuß gefallen fein. . . .

*

*

Die schlimmen Erwartungen erfüllen sich in diesem Leben weit sicherer als die hoffnungsvollen. Alles, was der Frei­herr von Effenberg von demScandal Degenstein" befürchtet hatte, traf ein, nichts blieb der Familie erspart, die in ihre Mitte bald einen Mörder ausgenommen hätte. Es sah fast so aus, als wolle diegute Gesellschaft" diesen drei Personen die Sühne auferlegen, der sich der Miffethäter durch seinen Selbstmord entzogen hatte.

Aber da sollte dem armen Baron, den die nächsten Tage nach Degensteins Ende schier gebrochen hatten, von einer ganz unerwarteten Seite der tröstliche Beweis zu Theil werden, daß er noch Freunde hatte. Emmerich v. Frövey, der Gesandtschaftsattachs, der stch's einst zugeschworen hatte, keinen Fuß mehr in das freiherrliche Haus zu setzen, hielt es jetzt für feine Pflicht und zwar noch ohne jedenHinter­gedanken" der schwergeprüften Familie feine Theilnahme zu bezeigen und um so treuer zu ihr zu stehen, als sie von ihrem sonstigen Bekanntenkreise auf die kränkendste Art ge­mieden wurde.

Ignaz, der Diener, hatte der Entwicklung der Dinge mit bangem Herzen entgegengefehen; als der Herr aber diese erste Visite nach der großen Katastrophe bei bett Effenbergs abstattete, da athmete er wieder im alten Frohmuth auf. Ah! jetzt machte er sich keine Sorge mehr darüber,wie die G'schtchf ausgehen" würde.

So fleißig aber auch der Attache in den nächsten vier Wochen im Hause des Freiherrn verkehrte, so streng hielt sich Ignaz von hort ferne. Freilich, er büßte habet nichts em, denn jenes PaarSchwarzbeerenaugen', das er dort zu suchen hätte, wurde ihm andernorts zugänglich. Die schönen Sonntagsnachmittage im lustigen Prater, von denen die Wetti geträumt, kamen jetzt wirklich zu Stande. Und der Nazi" hatte umsomehr Ursache zu feinem Humor zurückzu­kehren, als er sich davon überzeugen konnte, daß sich fein Herr von Tag zu Tag auffallender von seiner einstigen schwarzen Melancholie" befreite.

Zu Ende des Juni hatte der Freiherr v. Effenberg seine Angelegenheitett endlich bestellt. Sein Gesuch um Ent­lassung aus dem Staatsdienste war genehmigt, das Haus­wesen in Wien so gut wie aufgelöst. In einem idyllrschen Winkel der schönen Steyerrnark aber waren fleißige Arbeits- Hände daran, das neue Heim der Familie auszustatten; es war das Herrenhaus eines bescheidenen Rittergutes, auf dem der Baron fein Leben zu beschließen gedachte.

Am Abend vor dem Johannistage kam Herr v. Fröden in sehr gehobener Stimmung nach Hause hatte aber eine eigenthümliche Art, den neugierigen Augen seines Bedienten auszuweichen.

Pack' meine Koffer!" warf er kurz hin.In zwei Stunden will ich fort."

Der Herr Attache verreisen?" machte Nazi mit gut­gespielter Verwunderung.

Ja ich habe Urlaub genommen und will eine Erholungsreise antreten."

Und heute Abend noch? Sehr wohl. Das Gepäck wird pünktlich auf dem Bahnhofs sein."

Auf der Südbahn . . ."

Ich weiß, ich weiß," erlaubte sich Nazi mit biscreter Geberde zu unterbrechen;zum Grazer Abendschnellzug."

Du weißt? Woher weißt Du?"

Sie werden doch in's steyrische Gebirg' wollen, Herr Attache?" meinte Nazi, mit dem ganzen Gesichte lachend.

Fröden gab keine birecte Antwort, sondern murmelte nur was von einemverfluchten Kerl" zwischen den Zähnen, während er aus dem Fenster blickte.

Bitt' um Verzeihung!" lispelte Ignaz. Seit jenem ereiqnißreichen Abend, wo er Herrn v. Fröden über die Affaire Degenstein" umfassenden Bericht erstattet hatte, durste er fich's erlauben, mitunter einen fast familiären Ton anzuschlagen. Jetzt sprudelte es ihm förmlich von den Lippen. Man hat so seine Verbindungen, durch die man Manches erfahren und noch mehr errathen kann. Wollen mir der