Ausgabe 
14.5.1896
 
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Nr. 56

Donnerstag den 14 Mai

1896,

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UnterlMltungsblatt Mm Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)

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WcrndrvLrist!

Es blinkt der Helle Morgenschein

So freundlich mir in's Kämmerlein;

Die Schwalben zwitschern schon auf dem Dach, Heraus du Schläfer aus dem Gemach: Die Zeit ist gekommen zum Wandern!"

Den Wanderstab nimm jetzt zur Hand, Mit ihm kommst Du durch's ganze Land; Die Quellen und Flüsse munter voran, Sie zeigen Dir alle die rechte Bahn: Zum Wandern, zum fröhlichen Wandern."

Ade nun, liebes Heimaththal, Set noch gegrüßt viel tausendmal! Die Vögel zogen vom fernen Strand, Sie hielten Rast an dem Waldesrand Und sangen von Liebe und Wandern."

Im Krug winkt mir die holde Maid: Kehr' ein und rast' zur Mittagszeit! Sie ladet zum Mahl mich freundlich ein, Im Becher blinket der gold'ne Wein: Hoch lebe das herrliche Wandern!"

Vom Rhein bis zu der Oder Strand

Hab' ich bereist das ganze Land;

Doch zieht's zurück mich zum Vaterhaus, Daß oft ich gedacht in der Ferne drauß': Dort will ich ausruhen vom Wandern "

Ein Lied von deutscher Wanderlust

Stimm' ich nun an aus voller Brust: Grüß Gott dich, du treugeliebts Maid!

Run will ich mit Dir in Freud und Leid Durch das irdische Dasein wandern."

Bald gebt die höhere Wanderung an,

Vollendet ist die irdische Bahn:

Die Haare ergraut, die Wangen sind bleich, O, lieber Gott, mach' den Abschied leicht Zum Wandern, zum ewigen Wandern!"

Gießen, im Mat 1896. Louis Roloff.

Unter dem Patriarchen.

Erzählung aus dem amerikanischen Westen. Frei nach Sealsfield. Von W. H. G e i n b o r g.

(Schluß.)

X.

Am nächsten Morgen um die siebente Stunde sahen die dreizehn Männer des Ayunkamiento wieder wie am verflossenen Tage am Tische des Alcalden, nur daß heute weder Flaschen und Gläser, noch Eßwaaren und Cigarren vor ihnen standen.

Ein düster r, feierlicher Ernst lag auf ihren Gesichtern und mit einem stummen Kopfnicken erwiderten sie den halb­lauten, beinahe demülhtgen Gruß des eintretenden Bob.

Für Jemanden, der erst in diesen letzten Tagen seine Bekanntschaft gemacht, wäre der Mörder kaum wieder zu er­kennen gewesen; denn er trug einen sehr anständigen schwarzen Tuchanzug; das strupp ge Haar war kurz geschoren und der verwilderte Bart voll,räudig verschwunden. Und mit de» anderen Kleidern schien er auch einen anderen Menschen an­gezogen zu haben. Sein wildes und verstörtes Wesen war einer stillen Resignation gewichen. Und als ihm nun der Alcalde nach ku'zsm Zaudern seine Hand entgegenstreckte, schimmerten sogar Th'änen in seinen Augen.

Ein häßlicher Tag für Euch und für mich, Bob!" sagte der Squire.Hättet Ihr Euch doch sagen lassen, was Euch so oft gesagt worden ist! Ließ Euch die Kleider da eigens von New-Orleans bringen, um wenigstens an den Sonntagen einen respectabel aus'ehenden Mann aus Euch zu machen. War das nicht ohne Urlache, Mann! Hättet Ihr das Zeug nur zweiundfünfzrg Mal tm Jahre angezogen, wäre vielleicht alles anders gekommen. War meine Absicht eine gute. Brachte