Ausgabe 
14.4.1896
 
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stimmten Tone fort;Du weißt, daß der Martin Rohnert und ich unsere Kinder von Jugend auf für einander bestimmt haben und die Lisbeth vom Birkenhof wär' wahrhaftig nicht vierundzwanzig Jahre alt geworden, ohne unter der Braut­krone zu gehen, hält' ich nicht mein Wort halten und deshalb auf den Heiner warten wollen. Das hat nun ein wenig lang gedauert; denn da die drei Söhne vom Rohnert schlechte Nummern bei der Musterung gezogen, war's selbst dem reichen Oedhosbauer zu viel, sie alle drei loszukaufen, so that er's nur für die beiden jüngsten, die Zwillinge, die von schwäch' sicherer Leibesbeschaffenheit als der Heiner, vor dem Dienen große Angst hatten, und gegen allen Brauch trat der Aeltests, der sich es überdies sehr schön vorstellte, in der Residenz ein flotter Reiter zu werden, in das Militär. Im Frühjahr ist nun, wie gesagt, seine Dienstzeit um, dann will ihm der Alte, wenn er Dich heimgeführt hat, den Hof übergeben. Der eine Zwillingsbruder heirathet die Erbtochter vom Wiesenbauer ist also versorgt; der Andere bleibt vorläufig als Oberknecht bei dem Nettesten. Du wirst's gut haben, Lisbeth, als Oed« hofbäuerin, es ist ein schönes Anwesen und der Heiner ist ein braver, ansehnlicher Bursch . . ."

Einaufgeblasener, alberner Flaps ist er! brach es von Lisbeths Lippen. «Ich hab' ihn gesehen, al« er voriges Jahr auf Urlaub daheim war - nein, Vater, einen solchen dummen, eitlen Buben mag ich nicht. Die Frau soll Respect vor ihrem Mann haben und den bekomme ich nimmer vor dem Heiner, schon daß er ein ganzer Jahr jünger ist als ich.

Komme mir nicht mit solchen Ausreden, grollte der Bauer,Deine selige Mutter war zwei Jahre älter wie ich und kein Ehepaar hat je glücklicher zusammen gehaust als wir. Hör' mich an, Lisbeth, fuhr er dann in ungewohnt weichem Tone fort,ich hab' an Dir, feit Du auf der Welt bist, nur Freude gehabt, willst doch jetzt nicht auch anfangen, mir Kummer zu machen, wie'« der Valentin Gott fei'« geklagt Zeit feines Lebens gethan? Ich bin nachsichtig mit ihm, vielleicht zu sehr; aber sein Gebrechen ... Du weißt, wie er dazu kam."

Lisbeth wußte das nur zu gut; sie hatte dabei gestanden, als Valentin, damals ein Knabe von acht Jahren, neben dem Vater auf einem Leiterwagen sitzend, diesen durch eine freche Antwort so gereizt, daß er von seinem Jähzorn übermannt, den Buben am Kragen gefaßt und vom Wagen geschleudert hatte. Valentin fiel dabei so unglücklich mit dem Rücken auf einen scharfen Stein, daß er von Stund an im Wachsthum zurückblieb und ganz schief wurde; je älter er wurde, um so bitterer empfand er seine Mißgestalt und seine von Natur aus schon boshafte, störrische Gemüthsart trat immer mehr hervor. Da der Vater in dem Bewußtsein, daß er die Schuld an dem Unglück des Sohnes trug, äußerst nachsichtig gegen ihn war, so that er seinen schlimmen Gelüsten wenig Zwang an, war im Wirthshaus ein häufiger Gast, lag daheim viel auf der faulen Bärenhaut, war hochfahrend und anmaßend gegen die Dienstboten und spielte seiner Schwester, der er ihre schöne Gestalt sowohl wie den Vorzug, den der Vater ihr gab, nicht wenig neidete, so oft er konnte einen ärgerlichen Streich.

Nun, Lisbeth," sagte der Bauer endlich, als diese schweigend zu Boden blickte,nicht wahr, Du wirst meine gute, gehorsame Tochter sein ? Glaub', ich trag' schwer daran, daß der Valentin so mißrathen ist, so mache Du mir doch nicht auch Kummer durch Widerspenstigkeit."

Vater," sagte sie, all' ihren Muth zusammenraffend, wenn Ihr mich nicht unglücklich machen wollt, so redet mir nicht mehr von dem Heinrich Rohnert, lieber ging ich in den Tod, als daß ich mit ihm vor den Altar träte. Ich will's Euch nur gestehen, ich hab' einen braven Burschen hier aus dem Dorf gar so viel gern.

Der Bauer zog die buschigen Brauen finster zusammen.

Da« ist mir ja ein schöne« Geständniß! Auf wen hat die Jungfer denn ihr Äug' geworfen? Ich will doch nicht hoffen, daß der Valentin mit seinen losen Reden gestern recht gehabt hat?"

Ja, Vater, e» ist der Friedrich Mattern, den ich lieb habe."

Der Bauer stieß ein kurze«, zornige« Lachen au«.

Den armen Schlucker! Da« wär' mir der rechte Hoch­zeiter für die Tochter au« dem Birkenhof I Geh', Lisbeth, da« kann Dein Ernst nicht sein! Du heirathest den Heiner und damit basta!"

Netn, Vater, wenn ich den Frieder nicht haben soll, so bleibe ich ledig, denn einen Anderen freie ich nun und nimmer. Ihr habt doch gestern selbst gesehen, was für ein braver, guter Mensch der Frieder ist; wer thnt, was er gethan, der hat gewiß das Herz auf dem rechten Fleck und wird sein Weib glücklich machen. Er ist doch wahrlich ein anderer Mann, als der aufgeblasene, leichtsinnige Heiner, der nur das Eine vor ihm voraus hat, daß er der Erbe eines großen Bauernhofes ist, während der Frieder nur ein kleines Häus­chen und schmalen Acker sein eigen nennt. Aber Geld und Gut macht doch nicht allein das Glück au«."

Nein, das thut es nicht und die Armuth des Frieder ist abgesehen davon, daß der Oedbauer mein Wort hat, auch nicht der Hauptgrund, werhalb von einer Heirath zwischen Dir und ihm nimmer die Rede sein kann. Des Frieder« Vater war ein Pascher und hält' ihn dazumal, al« die Zoll­beamten die ganze Schmugglerbande fingen, nicht eine Kugel in die Brust getroffen, so wäre er mit seinen Genossen in's Zuchthaus gewandert. Der Frieder aber setzt da« gefährliche Handwerk des Vaters fort und ich will keinen Schwiegersohn, der Über kurz ober lang in's Zuchthaus kommen kann-"*)

Der Frieder ist kein Pascher wahr und wahrhaftig! Ihr habt ihn in falschem Verdacht, Vater!

Nein, ich weiß e« bestimmt, er gehört zu der Schmuggler­bande. Aber selbst wenn das nicht wahr wäre und er bi« heute kein Pascher ist, so wird er es sicher werden, denn Art läßt nicht von Art. Wessen Vater ein Wilderer war, der wird ohne Frage auch ein solcher werden und ebenso ist's mit dem Schmuggel. In eine Familie, wo das Handwerk ge­trieben worden ist, heirathet meine Tochter nicht hinein. Du kennst jetzt meine Meinung, Lisbeth; richte Dich danach. Der Oedhofbauer hat mein Wort und eher fiele der Himmel ein, als daß der Lorenz Widmer fein Wort nicht hielte."

Wenn der Vater in dem Ton sprach und seins Augen so unheimlich zu funkeln begannen, dann wußte Lisbeth, daß es gerathen war, zu schweigen, so erwiderte sie denn auch kein Wort mehr und ging mit trotziger Miene aus der Stube.

Mit dem leichten, hoffnungsfreudigen Sinn der Jugend rechnete sie auf irgend einen glücklichen Zufall, der sie vor der Heirath mit dem verhaßten Freier bewahren sollte und war sie nur erst von dieser Furcht befreit so dachte sie würde es ihr schon gelingen, den Vater günstig für ihren Herzenswunsch zu stimmen.

Ein Pascher war ja der Frieder nicht, dessen war sie sicher, und seine Armuth schien ja bei Jenem nicht als ein so großes Hinderniß zu gelten. Bis zur Rückkehr des Heiner waren es ja noch sechs Monate, was konnte in der langen Zeit nicht Alles geschehen?

Und da der Vater seitdem nicht wieder auf seinen Heiraihsplan zurückgekommen war, so befestigte sich mehr und mehr in ihr der Glaube, ihr entschiedener Widerspruch sei doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben.

Der Winter verging ihr deshalb in heiterster Stimmung; es fehlte ihr nicht an mancher Gelegenheit, den Frieder zu sehen und zu sprechen. Der Birkenhof lag, wie gesagt, etwas entfernt vom Dorf und Lisbeth wußte es oft einzurichten, daß sie Abends einen Gang dorthin zu machen hatte, auf dem der Frieder sie dann immer heimbegleitete. Da Valentin die Abende meist im Wirthshaus zubrachte und der Vater zu Hause mit der Pfeife hinter'rn Ofen saß, so waren sie sicher, bei diesen heimlichen Zusammenkünften weder ertappt noch belauscht zu werden. (Fortsetzung folgt.)

*) Unsere Geschichte spielt anfangs der dreißiger Jahre, ehe der Zollverein in's Leben trat, und damals wurde der Schmuggel an jeder Grenze eifrig getrieben.