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verehrter Herr Pastor, ihr meine Grüße zu bringen und ihr zu sagen, wie sehr ich Nachricht von ihr ersehne."

Schon in der Woche darauf beantwortete der Pastor Ilses Brief.

Mein liebe», gute» Kind!" schrieb er.Du ahnst gar nicht, wie viel Freude Du durch Deine Mittheilungen uns Allen hier bereitet hast. Wir sorgten uns um Dich; denn Deine Mutter ist seit einigen Wochen in Berlin und so konnten wir nicht einmal bei ihr nach Dir fragen. Wie gut, daß Du so froh und mit offenen Augen und offenem Herzen ge­nießest, was die schöne Reise Dir bietet, Benetdenswerthe! Wie Viele sehnen sich ihr Lebenlang in jene Welt, die dem Knaben schon, der seinen Homer in der Schule liest, werth und theuer ist. Wie Wenigen aber wird es zu Theil, ihre Sehnsucht befriedigen zu können. Wenn man so erzählen hört von jenen sonnigen Landen, von Italien» und Griechenlands Kunstschätzen, dann hebt sich wohl auch einmal beklommen die Brust und man sehnt sich gleich Faust hinaus aus dem Wust der täglichen Arbeit, nach des Lebens goldenem Baum. Da heißt es aber dann, sich zu beschränken auch in seinen Wün­schen und das Glück da zu suchen, wo es doch allein im Grunde zu finden ist, in der Arbeit und treuen Pflichterfüllung an der von Gott uns zugewiesenen Stelle. Denn wahre Be­friedigung erwächst schließlich doch nur aus dem Bewußtsein erfüllter Pflicht- Und dieses Bewußtsein, meine liebe Ilse, hast Du Dir errungen und das wird Dir bleiben, wie sich Deine Zukunft auch gestalten möge.

Daß der Baron sich erholt, freut mich herzlich und mit Dir glaube und hoffe ich, daß mit dem Körper auch seine Seele genesen werde. Männer, wie er, die am Uebermaß des Guten leiden, das ihnen geworden ist, pflegen zuweilen einer schweren Prüfung zu bedürfen, ehe sie das richtige Gleich­gewicht zu erringen vermögen- Und geprüft ist er wahrlich genug. Mich sollte es wundern, wenn seine kaum gehoffte Genesung ihn nicht zu einem glücklicheren und befriedigteren Menschen machte, als er je vorher im vollen Genuß seines Lebens und seiner Gesundheit gewesen ist.

Zu meiner Ueberraschung erfuhr ich neulich beim Grafen Melden, daß die Verlobung des Affeffors von Menzelen sich wieder gelöst haben soll. Die schöne Amerikanerin hat mit ihrer Mutter Berlin verlaffen, wie man sagt, um nach Amerika zurückzukehren- Der Affessor hat seine Festungsstrafe bereits abgebüßt, da sie durch die Gnade Seiner Majestät bedeutend verkürzt wurde.

Sein Schicksal hat allgemeine Theilnahme erregt und man sagt, daß er sehr wohl angeschrieben bei seinen Vor­gesetzten sei und Sortiere machen werde. Er soll sehr gefaßt und durchaus nicht niedergedrückt, wie man nach dem unerwar­teten Rückgang seiner Verlobung gefürchtet hatte, aus der Festungshaft zurückgekehrt sein. Der vermeintliche große Reichthum der schönen Amerikanerin wird übrigens sehr an- gezweifelt, so daß auch nach dieser Seite hin der Affeffor nichts eingebüßt hat.

In Rüdnitz lernte ich auch eine junge Verwandte Deines Gemahls, Fräulein Käthe Altweil, kennen, eine Künstlerin von Fach, die sich im Schlöffe zum Besuch aushält und dort die junge Comteß Helene malt. Sie hat in Berlin ein Bild ausgestellt, zu dem dis schöne Miß Graham gesessen und das sieSirene" genannt hat. Dieses Bild soll großes Aufsehen gemacht haben, so daß die jungen Damen von Welt jetzt danach angeln, von ihr gemalt zu werden.

Ich habe mich viel und interessant mit ihr unterhalten. Sie ist ein kluges, denkendes Mädchen, wenn auch für meinen Geschmack ein wenig zu selbstbewußt. Das Gespräch lenkte sich natürlich auch auf den Baron und Dich und da kannst Du Dir denken, daß ich Dein Lob nach Kräften sang. Sie machte ganz erstaunte Augen dazu, meinte aber dann, sie könne nicht glauben, daß ein Wesen wie Du für den tollen Wolf passe. Ueberhaupt seien im Allgemeinen die Männer einer Frau, wie ich Dich ihr geschildert habe, nur in Aus­nahmefällen werth.

Haben Sie so schlechte Erfahrungen gemacht, mein Fräulein?" fragte ich dagegen.

Sie erröthete und das stand ihr gut.

Macht man nur Erfahrungen an sich selbst? Ich lerne vom Leben, so weit es sich meiner Beobachtung erschließt*

Und da haben Sie so viele unwürdige Männer kennen gelernt?"

Genug," sagte sie entschieden,um die Lust zu verlieren, in der Ehe allein das Glück des Weibes zu suchen. Ich habe mich daher auf eigene Füße gestellt und fühle mich wohl dabei."

Weil Sie als Künstlerin Erfolg haben. Ich verstehe das, sage Ihnen aber trotzdem voraus, daß die Stunde kommen wird, wo Sie sich dennoch nach Liebe, nach einer eigenen Häuslichkeit sehnen."

Sie lächelte ungläubig, brach aber das Gespräch ab, da die Comteß zu uns trat.

Ich lud sie beim Abschied ein, mich in meinem Pfarr­hause zu besuchen, und sie versprach es auch. Wenn sie kommt, werde ich ihr etwas aus Deinem Briefe vorlesen und ich denke, sie wird sich freuen, wenn sie hört, daß es dem Baron so viel besser geht.

Und nun, Gott mit Dir! Mögen diese Zeilen Dich so froh und heiter antreffen, wie Du es beim Schreiben Deines letzten Briefes warst und dis Genesung Deines Gemahls weiter fortschreiten."

Mit einem befriedigten Lächeln faltete der Pastor den Brief zusammen.

Es geht doch Alles besser, als ich vorausgesagt hatte," dachte er,und so Gott will, findet die gute Ilse in dieser so seltsam geschlossenen Ehe doch noch das Glück, das keine Frau mehr verdient als sse."

XIV.

Wolf befand sich in eigenthümlicher Gemüthsverfaffung. Der Frühling war auf der lieblichen Insel eingezogen, eine Blüthenfülle hatte sich über sie ergossen, die Sinne und Auge blendete- Ueberall, selbst auf Ruinen, sprießte und blühte es in farbiger Pracht, ein Rosenmeer lag über dem Garten der Esplanade gebreitet, bis zu den höchsten Spitzen der Bäume kletterten sie in blühendem Geranks hinauf, kröisten sie mit buntfarbig duftendem Schmuck.

In der Villa Reale stieg die Blüthe der Aloe in mäch­tigen Bogen empor, da leuchtete der Judasbaum in feinem dunklen Roth und an den schlanken Stämmen der Palmen rankten sich blühende Cacteen hinauf. Orangen und Myrten sandten, vom Meereshauch überstrichen, würzige Düfte in die Luft, die seltsam klar und durchsichtig die fernen Berge de» nur durch eine Meerenge getrennten Epirus so nahe rückte, daß man sie ost mit Händen greifen zu können meinte.

Und wie die Erde, schmückte sich Abends auch der Himmel; da glühte der Abendschein, bis zum Zenith feine Strahlen werfend, mit in die Nacht hinein, Meer und Land mit zauber­haftem Licht umwebend, wie es unser Norden nicht kennt. Dazu der süße Gesang der Nachtigall, die hier sich nicht da­rauf beschränkt, Abends ihre Weisen zu flöten, sondern auch am Tage an stillen Orten ihr schmelzendes Lied ertönen läßt, das bewegte Leben und Treiben auf der Esplanade, der Zu­fluß von Fremden, die herbeiströmten, auf dem weltberühmten Eiland das nahende Osterfest mitzufeiern.

Leben, Freude, Schönheit überall, wer sollte solchen lockenden Mächten gegenüber sein Herz verschließen, zumal, wenn mit den sanften Lüften des Frühlings auch da« Gefühl der Gesundheit, der Kraft in es einzuziehen beginnt?

Wolf wurde sich von Tag zu Tag mehr bewußt, daß er kein Kranker mehr fei; der Husten hatte aufgehört, feine Wangen fingen an, sich zu runden und lebhafter zu werden, sein Gang wurde elastischer, kraftvoller.

Ich werde Sie bald als Genesenen entlassen können," meinte der dort ansässige Arzt, in dessen Cur er sich gegeben hatte, bei einem seiner letzten Besuche, als er Wolf und Ilse am Morgen des Charfreitages auf der Terrasse de« Hotels