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könnte, was ihr Herz bis zum Zerspringen füllt. Aber sts ist allein mit ihrem überströmenden Gefühl-
Zur Weihnachtszeit fliegt aus dem Phäakenlande ein Brief in das Pfarrhaus zu Hsrtheim.
Die Familie sitzt bei der Lampe am warmen Ofen, draußen heult der Wind und dichte Schneeflocken klatschten an die gefrorenen Fensterscheiben- Alle horchen dem Vorlesen des Pastors wie einem Sang aus einer andern Welt.
„Ich habe versprochen, den Lieben daheim meine Reiss zu beschreiben und nun sitze und sinne ich und sage mir, daß aller Beschreiben unnütze Mühe wäre- Denn wer nicht mit Augen geschaut hat den Zauber dieser Farben, dieses Lichtes und Aethers, der kann es sich doch nicht vorstellen, so viel ich darüber auch sagen möchte. Ich schreibe diesen Brief auf der sonnenbeschienenen, weinumrar.kten Terrasse unseres Hotels, vor mir die Esplanade mit ihren mächtigen Ptniengruppen, ihren Lorbeer» und Myrthenbüschen, den mit prächtigen Arkaden geschmückten Palästen ringsum und dem Meere, dem j stündlich anders schimmernden Meere, das hinter den Gärten austaucht und aus dem so stolz und finster die schwarze Füs- wand mit ihrem Castell auf der Spitze emporsteigt- Fern schimmern röthliche Felsenbuchten, Schlösser und V-llen inmitten von Orangen- und Lorbeerhainen, von olivenbedeckten Hügeln, und gerade gegenüber jenseits der Meerenge heben sich dis majestätischen Bergreihen des Festlandes mit ihren fchnee- bedeckten Gipfeln in scharfen Conturen vom klaren Winterhimmel ab. „ ,, i
Doch was rede ich vom Winter? Giebt es hier denn einen Winter? Kalte, regnerische Tage wohl zuweilen, steht aber die Sonne am Himmel, so durchdringt sie auch Alles mit ihrer Wärme. Mein Gemahl erholt sich hier sichtlich. Bei klarem Wetter gehen oder fahren wir täglich hinaus in die herrliche Umgebung, nach den Klöstern und Kirchen, der Villa Reale mit ihrem ausgedehnten, auf einer Halbinsel in'» Meer sich erstreckenden Parke, in dem Palmen und Orangen, I Bananen und Kaffeebäume gedeihen. Der Arzt, deffen Adreffe Doctor Balzer uns gegeben hat und der meinen Gemahl hier behandelt, erklärte sich neulich sehr zufrieden mit den Fort- schritten von deffen Gesundheit. Die Lunge sei im Heilen begriffen und das beweist nun auch der von Tag zu Tag mehr abnehmende Husten.
Wir haben hier einige sehr angenehme Leute getroffen, unter denen mir ein deutscher Archäologe, Professor Riefenthal aus München, mit dem wir auf demselben Schiffe von Brindisi herfuhren, besonder« gut gefällt. Er ist ein sehr gelehrter Mann und dabei doch so bescheiden und mitthetlsam. Ich höre und lerne viel von ihm und bin entzückt, wenn mein Gemahl sich dazu herbeiläßt, mit ihm eine oder die andere der nahe liegenden Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Anfangs zog Wolf sich gänzlich von allem Verkehr im Hause zurück und mochte mit Niemand sprechen; seitdem er sich aber wohler fühlt, weicht schon die Menschenscheu etwas von ihm und wenn er erst wieder ganz im Vollgefühl des Lebens sich befinden wird, wird auch die Schwermuth und Verbitterung von ihm weichen. So hoffe ich zu Gott! Wer könnte auch beim Anblick solcher Natur schwermüthig bleiben ? Alles freut sich hier des Lebens, de» Sonnenschein», der Luft, der Schönheit, Jedem geht da» Herz dabei auf. Sollte das Alles auf meinen Gemahl allein unwirksam bleiben i Manchmal ist er jetzt recht gut und lieb zu mir, aus Dank- barkeit für meine gute Pflege, wie er stets mir wiederholt. । Ach, begehre ich denn des Dankes? Ihn wieder gesund zu sehen, das muß und wird mir Ersatz für alles Andere ge- ■ währen, für Alles I
i Doch genug von mir. So gern hörte ich, wie es allen , Lieben im trauten Deutschland geht. Von meiner Mutter
: und meinem Bruder erhalte ich so sparsam Briefe, daß ich
, sehr wenig von ihnen weiß. Doch theilte mir Mama mit,
; daß Bruno zur Centralrurnanstalt nach Berlin commandirl
I wäre und daß sie deshalb auch für einige Wochen dorthin zu
- 1 gehen gedenke. Ist sie schon fort? Andernfalls bitte ich Sie,
ein siegesgewisser und übermüthiger Zug, als habe sie es doch l l nicht aufgegeben, trotz Allem das Spiel noch zu gewinnen. Trotz Allem! Ist heute denn noch der Ehebund etwas Unzerreißbare», das nicht zu trennen wäre? Scheidung ist ja nichts Ungewöhnliches mehr! Und wo gäbe es unüberwindliche Hindernisse, wenn zwei Menschen sich lieben und den Willen und die Mittel haben, den gegenseitigen Besitz sich zu erkämpfen? Ja, wenn sie den Willen haben! Freilich, gesund muß er erst werden, einen kranken Mann mag sie nicht; denn zur barmherzigen Samariterin fühlt sie keine Ader in sich. Deshalb auch will sie in Gries so lange warten, bis es entschieden ist, ob er leben, gesund leben wird. Lebt er aber, so soll er für sie leben. Dieses Ziel zu erreichen, koste es, was es wolle, das hat sie sich zugeschworen in dieser Stunde.
XIII.
Ilse lehnt neben Wolf am Schiffsranbe des Lloyddampfer«, den sie in Brindisi bestiegen haben, als er in den Hafen des olivenreichen Phäakenlandes einfährt.
Es ist Nacht, aber ein sternklarer Himmel wölbt sich über ihnen und die Mondesfichel, wagerecht wie sie die Alten auf dem Haupte Selenens gebildet haben, schwebt goldig leuchtend, durchsichtig im klaren Aether-
Ein Leuchtthurm wirft sein Licht von einer schwarzen Felsenmasse herab, eine zweite erhebt sich ihr zur Seite aus dem Meere-
„Die Zwillingsklippen," bemerkt ein Deutscher, der neben dem Paare steht, in dem er Landsleute erkannt hat. „Die weltberühmten Koryphäen der Byzantiner, die allein dem Ansturm der Muselmänner getrotzt haben, als ganz Griechenland ihrer Macht verfallen war-"
Wolf antwortete nicht, ihm ist jede Berührung mit Fremden unangenehm. Der Andere jedoch in seiner Begeisterung beim Anblick der sich ihm öffnenden Wunderwelt fährt in feiner Beredtsamkeit fort.
„Welch' ein Zauber der Natur verwebt sich hier mit der | Erinnerung! Hier landete Odysseus, als Aphrodite ihn aus den stürmenden Meereswellen gerettet hatte, hier trat er, ein Schiffbrüchiger, unter die ballfpielenben Mädchen, vor dis Fürstin Nausikaa, die Tochter des Königs Alkinoos, die schützend die Hand über ihn breitete. Die ganze Homerische Mythenpoesie entfaltet sich vor uns, hier werden wir sie erst ganz verstehen lernen."
Die heranschießsnden Barcarolen mit ihren teppichbelegten Sitzen am Steuer und ihren in allen Sprachen zum Einsteigen einladenden Führern unterbrechen die Unterhaltung. Alles hastet mit Gepäckstücken beladen der niedergelassenen Schiffsbrücke zu. Ilse kommt erst wieder zur Besinnung, als sie neben Wolf im leise schaukelnden Nachen sitzt, der fast lautlos an schlummernden Villen und Palästen vorüber dem Hafen zuglettet.
Wolf hat von Brindisi aus einen Wagen an den Landungsplatz bestellt. Ilse fühlt sich wie in einem Traum, als würden die Märchen aus „Tausend und Einer Nacht" um sie lebendig. Wie köstlich ist diese Nachtfahrt durch die sanft aufwärts führenden stillen Straßen bis zu der Spaniata, dem Hauptplatz der Stadt Corfu, wo ihr Hotel liegt, in dem sie Wohnung genommen haben-
Ein schlaftrunkener Kellner empfängt sie vor der Thüre des palastartigen Gebäudes und führt sie zu ihren mit aller europäischen Eleganz eingerichteten Gemächern.
Wolf ist abgespannt, er läßt sich von Georg sogleich entkleiden und geht zur Ruhe.
Ilse tritt noch einmal auf den Balkon hinaus. Unter ihr, rings um den Hafen sich breitend, liegt die schlummernde Stadt; mit goldigem Schein, anders wie in der Heimath, ruht der Mond auf dem leise bewegten Meere. Ein würziger Duft von Myrthen und Orangenblüthen zieht zu ihr herauf. Eie athmet beklommen und doch füllt ein namenloses Gefühl der Seligkeit ihre Brust. So bewegt ist sie und so dankbar I Ach, hätte sie nur eine Menschenbrust, in die sie ausschütten


