Lärm über ihrem Kopfe? Die wilden Flüche? Das Wuth- gehen!? Der heftige Stoß gegen die Thüre?
Eine Secunde lang war Liffa wie vor Schreck gelähmt, bis sie die Wahrheit in ihrer ganzen Furchtbarkeit ahnte. Der Bluthund hatte sich losgeriffen, und feine Beute witternd, war er herbeigesprungen, bereit zu dem letzten furchtbaren Kampfe.
Mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften riß und rüttelte Liffa an der Thür, aber dieselbe war fest verschlossen und den Schlüffel hatte St- Clair- Sie lief nach den Fenstern, aber auch hier bestegelte St. Clairr Bo. sicht sein eigenes Schicksal, fie waren vergittert und gaben nicht die schwächste Hoffnung zur Rettung.
Ein lauter Angstschrei entrang sich ihren farblosen Lippen.
Sie lief nach der Thüre zurück, sank auf die Knies und wollte Leone eben durch das Schlüffelloch zurufen, als ein Blick durch dasselbe ihr das ganze entsetzliche Bild vor Augen führte.
Auf Deck lang hingestreckt gewahrte sie St. Clair» geschmeidige Gestalt im letzten Todeskampfe; da» große, zottige Thier lag halb auf ihm, die Zähne fest in dis Gurgel seine» menschlichen Feinde» eingebiffen, während des Sterbenden Rechte noch Kraft genug hatte, dem tapferen Vertheidiger seiner Herrin mit einem langen, schmalen Meffer den Todesstoß zu geben.
Schrei auf Schrei von Liffa» Lippen, dann ward all- mälig Alles um sie still und dunkel, und bewußtlos brach sie zusammen.
Al» fie wieder zu stch kam, beugte» der Steuermann und einer seiner Leute fich mit angstvollen Mienen über fie.
Mühsam richtete fie fich auf und da» Erste, da» ihrem Blick begegnete, waren die zwei Todfeinde in ihrer letzten tbdtlichen Umarmung, Beide starr und kalt!
„Wie, wie ist da» geschehen?" stammelte Liffa verzweifelt.
Nun die Dinge einen so schrecklichen Verlauf genommen hatten, wußte der Steuermann recht gut, daß e» einzig und allein in Liffa» Händen lag, ob er der Mitschuld an dem Verbrechen angeklagt wurde oder nicht. Er begegnete ihr deshalb mit größtem Respect und berichtete genau der Wahrheit entsprechend.
Auf eine noch unaufgeklärte Weise hatte Leone fich au- feiner Kerkerhaft befreit; in demselben Moment, wo die Mannschaft fich nach rechts und links vor dem stchtlich wüthenden Thiers flüchtete, war St. Clair die Treppe heraufgekommen und sofort hatte der Hund stch auf ihn gestürzt und ihn zu Boden geworfen.
Auf Ltffas Bitte steuerte man ohne Säumen dem Lande'zu.
Tiefschmerzlich zuckte es um ihre Lippen.
Wie hätte fie diesen letzten schändlichen Verrath ignoriren, mißverstehen können? —
Wie Schuppen fiel e» ihr mit einem Male von den Augen, plötzlich erinnerte sie sich an allerhand Momente und Situationen, wo, wie sie jetzt genau wußte, Valerie absichtlich gesucht hatte, fie zu kränken und bloßzustellen.
XI.
r „So ist nun endlich nach langen Jahren durch den Tod diese» Elenden und die Papiere, die man bei ihm gefunden hat, das Geheimniß aufgeklärt. Ich wußte ja, Liffa, daß die Unglückliche, die wir in jener Nacht bei um aufnahmen, in irgend welcher Beziehung zu Dir stand. Sonderbar, baß ich fie nicht erkannte, al« ein eigenthümlicher Zufall fie mir ein zweiter Mal zuführte."
Der alte Velten und sein kleiner Maat saßen auf ihrem Liebling-Plätzchen vor der Thüre.
„Und wenn ich denke, daß dar kleine, hilflose Geschöpf- chen, da« ich damals zu mir «ahm, von so vornehmer Herkunft ist," fuhr der alte Seemann mit ernster Miene fort, „und daß ich meinen kleinen Maat verliere, während die Welt eine reiche Erbin gewinnt! Ja, ja, Liffa, der Gedanke, meinen kleinen Maat zu verlieren, ist bitter, es bedarf der geif# mich daran zu gewöhnen," schloß er mit unsicherer
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Stimme und strich dann mit der Rückseite seiner braune»,' schwieligen Hand über die Lider.
Liffa sprang auf und stellte sich mit flammenden Augen in strammer Haltung vor den alten Invaliden.
„Capitän!" rief fie in lautem, strengem Tons.
„Was gisbt's, Maat?" kam dis unsichere Antwort.
„Der Herr Capitän haben fich einer unverzeihlichen Kränkung schuldig gemacht!" wetterte der kleine Maat. „Sie haben Ihrem Asststenten, der stch stet» treu bewährt hat, eine grobe Beleidigung zugefügt, ich habe Sie dabei überrascht, wie Sie seine Treue in Zweifel stellen. Sie haben hierfür um Verzeihung zu bitten und wenn ich je wieder ein ähnliches Wort aus Ihrem Munde höre, so ... so übergebe ich Sie dem Gericht. Wohlverstanden, Herr Capitän? Jetzt Kopf in die Höhe und mir in die Augen gesehen 1"
Langsam hob der alte Seemann den struppigen grauen Kopf; und wie die jungen, feurigen Augen den seinen begegneten, blickten fie in ein thränenüberströmtes Gestcht.
Wo war mit einem Mals des kleinen Maats Manner- würde geblieben? Den soeben noch voll Stolz zur Schau getragenen Muth in alle Winde streuend, brach er in heiße Thränen aus, warf stch seinem geliebten Eopitän an dis Brust und klammerte sich mit einer Innigkeit an ihn, die aller Reichthum der Welt nicht hätte erschüttern können.
„Mein Schatz! Mein Liebling! Mein bester aller Väter! Konntest Du wirklich, auch nur eine kurze Secunde lang, glauben, daß dieser Wechsel irgend etwas zwischen uns ändern könnte?" stieß sie schluchzend hervor.
Eine Minute lang hielten die beiden treuen Kameraden einander krampfhaft in den Armen- Dann ließ der alte Seemann seinen Liebling los, richtete stch auf seinem einen Beine auf und gewaltsam seine Rührung bekämpfend, meinte er: „Möchtest wohl 'mal sehen, wer da draußen ist!"
Aber schon auf halbem Wege lief Liffa dem Kommenden fast in die Arme.
„Ah, Herr von Asten!" hauchte das Mädchen, indem s«, dunkelroth erglühend, einen Schritt zurücktrat.
Er aber zog die zitternde Gestalt innig an stch und feine treuen grauen Augen tauchten stch mit einer ganzen Welt von Innigkeit und Liebs in dis ihren.
„Liffa!" flüsterte er mit vor Liebe zitternden Lippen-
Der Ton dieses einen Wortes lehrte da» Mädchen, wie fie diesem Mann Alles in Allem war, bett fie selbst im Stillen von der Stunde an liebte, in der fie ihn bei flackerndem Fackelschein unten am Strande zum ersten Mal gesehen hatte.
„Liffa, Sie find plötzlich eine vornehme, reiche Dame geworden und würde ich deshalb wohl nicht wagen, vor Sie hinzutreten und Ihnen zu sagen, wie heiß, wie innig ich Sie liebe, wenn ich nicht schon, bevor ich eine Ahnung von der glücklichen Wendung Ihre« Leben» haben konnte, alle Vorsicht und Vorurtheile in den Wind schlagend, Ihnen Herz und Hand geboten hätte. Sie erbaten stch Bedenkzeit! Liffa, einzig geliebtes Mädchen, find dis Bedenken, die vor wenig Tagen in Ihnen gegen unsere Verbindung ausstiegsn, nicht mit der unerwarteten Wendung Ihres Schicksale« geschwunden? In Ihrem lieben Gestcht, in Ihren schönen Augen glaubte ich etwa« zu lesen, da« für mich sprach. Sprich, Geliebte, habe ich mich getäuscht?"
Mit leidenschaftlich zärtlichem Blick suchte er in ihren Zügen zu lesen, aber sie wandte ihr Gesicht von ihm ab und barg dasselbe unter Lachen und Schluchzen an seiner Brust.
„Ach, Curt, geliebter Curt!" hauchte fie. „Wie wunderbar hat fich Alle» sür mich gestaltet! Und daß dieser unglückliche St. Clair mir verwandtschaftlich so nahe stehen mußte! Aber weißt Du," fuhr sie erregt fort, „am schwersten trifft mich der Verrath Valeries, ich hatte fie so lieb, baute so fest auf sie!"
Thränen de» Kummers fülltet» ihre Augen.
Asten« Gestcht wurde sehr ernst.
„Denk' nicht weiter an sie, Geliebte," sprach er, „laß die Erinnerung an sie au» Deinem Gedächtnis schwinden, wie


