Ausgabe 
13.10.1896
 
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Gesundheitspflege im Oktober.

Von Dr, Otto Gotthilf.

------- (Nachdruck verboten.)

October, der eigentliche Herbstmonat, ist da. Wohl bringt er noch schöne, herrliche Tage, sogar oft die klarsten des ganze» Jahre», wo man von der Berge weitschauenden Gipfeln da» erhebende Naturschauspiel der ausgehenden und untergebenden Sonne in seiner ganzen berückenden Schönheit am besten genießen kann. Aber er bringt auch naßkalte Nebel, welche so leicht durch die Poren der Kleidung bi» auf die empfindliche Haut dringen: und die oft sehr kühlen Abende rufen bei noch sommerlich gekleideten Leuten meist Schnupfen, Husten und andere Erkältungskrankheiten hervor. Schon zwickt und zwackt es die privilegirten Rheumatiker in den Gliedern, schon hört män hier und da munkeln von Influenza und DiphtherUis. Wenn man sich daher nicht schon jetzt in Etubengefangenschaft begeben und sehr bald winterlich-stuben- siech werden will, so muß man bei Zeiten sich wappnen und wehren gegen die Unbilden der Witterung durch Befolgen des hygienischen Grundsatzes: vorsichtig abhärten, warm anziehen, tägliche Bewegung draußen im Freien I

Bei Beginn der kälteren Jahreszeit müssen wir zur @r* wärmung unseres Körpers besonders dahin streben, den Stoff« wechsel energisch anzuregen, den Blutkreislauf gehörig zu fördern und namentlich in den Extremitäten die leicht stockende Eirculation in schnelleren Fluß zu bringen. Hierfür gibt es drei Mittel: warme Kleidung, erwärmende Nahrung und körperliche Bewegung. Es ist gesundheitlich ganz falsch, sich jetzt noch mit dünner Sommerkletdung brüsten zu wollen. Besonders bei nebligem Wetter versäume man nie, wollene Unterkleidung anzulegen. Von großer Wichtigkeit ist das so­fortige Wechseln nasser Kleidung, namentlich der Strümpfe; wenn die Eltern darauf bei ihren Kindern mit aller Srenge halten, so werden sie manche Erkrankung fernhalten und sich und ihre« kleinen Lieblingen viele schwere Stunden ersparen. Gerade hier gilt das Wort: Kleine Ursachen große Wirk­ungen!

Wärmespendende Nahrung besteht hauptsächlich in Fleisch und Fett. Daher sind derartige Speisen jetzt wieder mehr zu genießen als im Sommer. Ebenso leisten zur sofortigen Erwärmung wieder sehr gute Dienste: morgens Kaffee oder Eacao, zum Frühstück Bouillon, mittags Suppen und abend« Thce, in welchen ältere oder schwächliche Leute auch etwas Rum oder Arac nehmen mögen. Diese Genußmittel find wirksamer, gesünder, nahrhafter und billiger als viel Bier und Wein.

Das beste und nachhaltigste Erwärmungsmittel aber ist und bleibt körperliche Bewegung. Wer so glücklich ist, ein Gärtchen sein eigen zu nennen, möge darin jetzt die umfang­reichen Herbstarbeiten vornehmen, selbst bei Nebel und Regen. Auch Holzhacken möge niemand unter seiner Würde halten: geht doch darin der alte Gladstone, der englische Bismarck, mit gutem Beispiel voran- Im Zimmer aber werden regel­mäßige Uebungen mit Hanteln oder mit Lagiaders Brust- stärker stets gute Dienste thun. Freilich darf man darüber das Spazierengehen draußen in der .frischen freien Luft nicht vernachlässigen. Wohl scheuen sich ängstliche Gemüther vor der naßkalten herbstlichen Nebellüst, aber mit Unrecht. Viele bleiben jetzt schon in ihren geheizten, aber wenig oder gar nicht gelüsteten Zimmern, und verlassen die Wohnung nur, wenn es durchaus sein muß. Das ist ganz falsch, denn da­durch werden sie gegen die Witterungseinflüffe nur um so empfindlicher. Was Wunder, wenn dann beim geringsten Luftzuge Schnupfen und Husten als ungebetene Gäste bei diesen Luftscheuen sich einstellen. Man bedenke wohl: Noch haben wir den ganzen langen Winter vor uns, und wissen nicht, welch rauhe Witterung und furchtbare Kälte er uns ' vielleicht bringen wird. Da heißt es bei Zeiten jetzt in der - Uebergangrperiode, fich tüchtig abhärten. Sonst kann man

später, wenn erst Schnee und Ei» kommt, gar nicht «ehr hinaus in die frische Luft, sondern wird von Woche zu Woche immer mehr stubenstech, und wenn dann im Winter eine Ge­legenheitskrankheit, z. B. Influenza, sich einstellt, so fallen die Luftscheuenwie Fliegen" um. Darum nur muthig hinaus, auch in den Herbstnebel! Nur muß man draußen nicht stille stehen, sondern sich möglichst kräftige Bewegung machen. Dänn wird sogar die Nebelluft sehr gut bekommen.

Man betrachte doch einmal die auch im Herbst im Freien campirenden Zigeunerfamilien, deren Kinder halb nackt in dieser sogenanntengiftigen" Luft herumspringen, ohne daß sie je­mals dem Apotheker etwas für Hustensäftchen zu verdienen geben. Dasselbe sah man im größten Maßstabe im Jahre 1873 auf dem Biederizer Anger bei Magdeburg. Mit dem October-Quärtalwechsel erreichte nämlich die Wohnungsnoth eine solche Höhe, daß der Magistrat von Magdeburg fich ge- nöthigt sah, für die Obdachlosen trotz der nebeligen Herbst­witterung vorläufig Zeltwohnungen im städtischen Glacis ein­zurichten, wo sich dann so etwas wie ein großes Zigeuner­biwak entwickelte. Weit entfernt aber, etwa Krankheit zum Ausbruche zu bringen, übte dies Leben vielmehr den günstigsten Einfluß auf den Gesundheitszustand Aller aus und bekam namentlich derarmen, zarten" Kinderwelt so vortresflich, daß man sehr wohl von einer improvisirten Feriencolonie reden konnte. Der dortige Kreisphysiku«, Medicinalrath Dr. Voigt, schrieb damals an Dr. P. Niemeyer:Bestimmt weiß ich, daß von sämmtlichen Insassen dieses Lager» jeden Alters und Geschlechtes nicht ein Einziger erkrankte. Bei den Kindern konnte man sogar aus der Röthung der vorher blassen Ge­sichter den ganz positiven Nutzen dieses Zeltlebens nachweisen."

Wir wissen nicht, ob uns nicht ein sehr rauher und kalter Winter bevorsteht, welcher wochenlang alle schwächlichen und kränklichen Personen zwingt, die Stube zu hüten und ihr Lebenselement, die frische Luft zu entbehren. Die jetzt kommen­den, hoffentlich noch recht zahlreichen Herbsttage bieten uns nun gleichsam eine letzte Gnadenfrist dar, welche wir in Gottes freier Natur voll und ganz ausnützen müssen, um das pa- bulum vitae, die Lebenslust, in unser edelstes Organ, die Lunge, recht oft in vollen tiefen Zügen einzuathmen. Dabei soll man keineswegs in sportsmäßigem Leichtsinn mit dünner Sommerkleidung seine Haut den schädlichen Witterungsum­schlägen preisgeben, sondern man möge sich warm anziehen, und möge nur bei milder Witterung und in warmer Stube durch kalte Abreibungen seinen Körper stählen und kräftigen. Dann kann man sorglos auch dem rauhesten Winter entgegen­sehen und wird sich und den Seinen viel Kummer und Mühe ersparen!

Gesund an Leib und Seele sein, Das ist der Quell des Lebens; Es strömet Lust durch Mark und Bein, Die Lust des töpfern Strebens Was man mit frischem Herzensblut Und keckem Wohlbehagen thut, Das thut man nicht vergebens." Boß.

Humoristisches.

Zweideutig. (Aus einer Preisliste.) . Es er­hielten solche Maschinen von mir: Herr Schulze in Berlin, Herr Müller in Hamburg, Herr Schmitt in Köln a. Rh. u. s. w. und ich bin sowohl, wie auch bei den drei angeführten Herren, zu weiterer Auskunft gern bereit." *

Klassisch. Professorsgattin (in Rom anlangend): Hierher führen also alle Wege?" *

Deutlicher Wink. Alte Kokette (jugendlich auf­geputzt, sich entzückt im Spiegel betrachtend):Es ist zu traurig, wenn eine Frau einmal merkt, daß sie alt wird!" Manu:Aber noch trauriger, wenn sie'» nicht merkt!"

Redaction: L. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schm UniversttötS-Buch- und Stnndruckerci (Pietsch Ä Scheyda) in Gießen.