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auch von dem Arzte die Thür haben zeigen lassen. Das hätte man mir nicht bieten sollen."
„Verzeihung, daß ich Ihnen widerspreche," rief Hans Justus, sich mühsam beherrschend, »am Krankenbette ist der Arzt unumschränkter Gebieter, dies Gesetz wird selbst in Amerika respectirt."
„Na, Kinder, streitet Euch nicht um solche Dinge, die mit Gewalt nicht anzufaffen find," mischte sich Melwig jetzt ein, „Alting hat Recht, basta I — Ich muß übrigens anspannen lassen, sonst verpasse ich wieder den Zug, will deshalb auch lieber allein fahren."
Er warf einen Blick auf seine kostbare Uhr und erhob sich hastig.
„Adieu, zankt Euch nicht, im eigenen Lager muß man Frieden halten."
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und schon nach wenigen Minuten fuhr sein kleiner Jagdwagen mit ihm davon.
„Du scheinst bei sehr schlechter Laune zu sein, mein Freund," begann Ebba Regina nach einer Werte, in der sie Hans Justus verstohlen beobachtet hatte. „Geht's vielleicht besser mit dem Onkel oder hat sich ein Testament vorgefunden ?"
Er schob sein Glas, mit dem er gespielt hatte, heftig von sich und blickte sie verstört an.
„Nun," setzte sie erstaunt hinzu, „was hat'S denn sonst gegeben? — So erkläre Dich doch."
„Ja," erwiderte Hans Justus, sich müde zurücklehnend, „ich habe Nachrichten erhalten, die ich Dir, wärest Du ein gewöhnliches Weib, vorenthalten müßte und zwar aus Furcht, Dich zu verlieren, Ebba Regina!"
„Weiter," sagte sie ruhig, als er schwieg.
„Ich will und kann Dich aber nicht verlieren," suhr er halblaut fort, sie mit brennenden Blicken betrachtend. „Und darum sollst Du mit über'- Meer gehen."
Sie lächelte, nahm eine Cigarette aus dem silbernen Behälter und zündete sie langsam an- Dann lehnte sie sich auch zurück, blies kunstvolle Ringe in die Luft und sagte gleich- müthig, ohne seine steigende Erregung zu beachten: „Erzähle nur, mein Lieber, ich höre zu."
Er stutzte, ihre Ruhe gefiel ihm nicht, war's nicht klüger, ihr seine Geschichte zu verschweigen, bis sich Alles entschieden hatte? Dazu aber war es jetzt schon zu spät, er mußte vorwärts und am Ende war sie auch die Klügere, die nicht so leicht ihre hochstrebenden Pläne aufgeben würde. So erzählte er denn die Geschichte seines Stiefbruders und ihre Folgen, wobei er sich die größte Mühe gab, sich selber in das Licht des Enterbten und Zurückgesetzten zu stellen, was Ebba Regina ein flüchtiges Lächeln entlockte.
Als er zu Ende war, warf ste den Rest der Cigarette auf den silbernen Aschenteller und richtete sich auf.
„Du bist also nicht der berechtigte Erbe von Altinghof?" fragte sie kurz.
„Wenn der jüngere Sohn keine Rechte hat, nein, dann bin ich es nicht."
„Das wollte ich nicht wissen, sondern nur darin klar sehen, was ich aus Deiner Erzählung nicht recht verstanden habe, ob Dein Vater Dich oder seinen Erstgeborenen für diese Reise bestimmt hatte."
„Ich sagte bereits, daß es mein Stiefbruder fein sollte," stieß Hans Justus trotzig hervor. „Zum Henker, wenn ein Mann plötzlich Furcht vor dem Sterben bekommt und schwach- finnig wird, dann denke ich doch wenigstens das Recht zu haben, ihn oder seine Verrücktheit zu corrigiren. Es mußte um so toller erscheinen, als mein Vater mich stets bei sich behalten und, wie ich wohl sagen darf, bis zur Schwachheit geliebt und verhätschelt hat. Er konnte mir nichts hinterlassen und muthete mir da noch zu, dem unbekannten Stiefbruder die nöthige Legitimation zu überbringen, um ihn zum reichen Manne zu machen. Daß ich dies unterließ, wird meine kluge Ebba Regina mir sicherlich zutrauen."
Sie sah ihn nachdenklich an und nickte.
„Ich setze voraus, daß es der Geburtsschein der Erstgeborenen gewesen ist, den Du für Dich benutzt hast."
„So ist es —"
„Ein Tauf- oder Geburtsschein läßt fich allerdings leicht ersetzen," fuhr ste langsam fort. „Besaßest Du keine weitere Legitimation bei Deinem Onkel?"
„Nur noch einen Paß und die nicht zu unterschätzende Familten-Aehnlichkeit."
„Welche der Erstgeborene also nicht besttzt?"
„Leider in einem noch höheren Grade," erwiderte Han- Justus achselzuckend, „meine Mutter war eine Vollblut- Amerikanerin, von der ich nur die Augen geerbt habe, die seinige eine Deutsche, eine Hamburger Patrizier-Tochter. Wir gleichen beide dem Vater, doch soll dieser Stiefbruder die Augen unserer Großmutter besitzen, die als Letzte in der Altinghofer Ahnengallerie hängt. Auch würde ihn der Onkel sicherlich schon als Sohn seiner Mutter bevorzugt haben."
„Weshalb?" fragte Ebba Regina rasch.
„Ach, die Geschichte betrifft nur meinen Vater," bemerkte er ausweichend. Er kannte die Vergangenheit jener ersten Frau ganz genau und empfand nun plötzlich ein unbehagliche« Gefühl, die eigene Familie unnöthig preiszugeben.
„Erzähle mir diese Geschichte, Hans Justus," gebot sie mit sichtlicher Ungeduld, „oder — wie heißest Du denn eigentlich nach Deinem Taufschein?"
„Hans Joachim von Alting, wie mein Vater!" antwortete er mit einem gewissen Stolz.
„Also Hans, so habe ich Dich im Grunde ja auch schon genannt — nun, ich bin begierig auf die Geschichte Deines Vaters."
„Du mußt sie mir heute erlassen, Theuerste!" sprach er bittend. „Es ist hohe Zeit für mich, wenn ich es im Forsthause noch durchsetzen soll, den Kranken zu sehen."
„Dahin kommst Du immer noch früh genug, mein lieber Hans," versetzte Ebba Regina kalt, „ich muß die Geschichte wissen."
„Es schien der Dame wohl nur daran gelegen zu sein, ihre Macht über diese unbändige Natur zu erproben und sie konnte in diesem Falle damit zufrieden sein. In kurze; Zügen warf er die romantische Liebergeschichte de« tobten later» hin, und zwar in einer Weise, die diesen zum kühnen, rüusichts- losen Helden, den verrathenen Bruder hingegen zu ein. a vertrauensseligen, überspannten Tölpel stempelte, was Ebba Reginas Bewunderung erregte.
„Dein Vater war dänischer O'fizier?" fragte sie sichtlich befriedigt.
„Ja, sei« Bruder stand auf der anderen Seite, man nannte sie ja wohl Rebellen?"
„Ganz recht, ste waren Insurgenten, weshalb hast Du mir das nicht erzählt, Du weißt doch, daß ich eine Vollblut- Dänin bin und dieser Band mich noch fester mit Dir verknüpft."
„Du wirst also trotz alledem zu mir halten, Ebba Regina?" fragte John Alting, wie wir ihn fortan nennen müssen und wie ihn auch sein Vater nach amerikanischer Mundart genannt hatte.
Er war aufgesprungen, um leidenschaftlich ihre Hände zu ergreifen.
„Ruhig, Liebster, ruhig," mahnte sie, „ich halte zu Dir, wenn Du vernünftig bleibst —"
„Vernünftig bleiben, wenn Du vor mir sitzest und mich mit diesen Augen anschaust, Ebba Regina?" rief er ungestüm. „Du bringst mich mit Deiner kalten Vernunft zum Wahnsinn I"
„Ich dächte doch, daß eine vernünftige Ueberlegung augenblicklich sehr nothwendig wäre," bedeutete sie ihm ruhig, „setze Dich, lieber Hans, und laß uns erwägen, wie wir den Erstgeborenen Deines Vaters, den Sohn der Hamburger Patrizierin, unschädlich machen."
John Alting gehorchte schwer athmend.
„Woher nimmst Du diese Gewalt über mich?" murmelte er, die Hände ballend.
(Fortsetzung folgt.)


