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jämmerlich in's Wasser fallen werde, ihm eine Art Trost und Genugthuung gewährte.
Kaum hatte er mit ritterlicher Galanterie "die Dame seines Herzens aus dem Wagen gehoben und bis an ihr Zimmer geleitet, als Joe Catton fichtbar wurde und ihm einen verstohlenen Wink gab.
„Was glebt's!" fragte er, als er sich ihm näherte.
„Eine schlimme Neuigkeit, Sir!"
„Folgt mir unauffällig in mein Zimmer!"
Hans Justus durfte in der That schon über ein Separat- Zimmer in Lindenhagen verfügen, ? das dem künftigen Neffen des Besitzers bei seiner Anwesenheit zum Privatgebrauch etngeräumt worden war.
„Nun?" begann er ungeduldig, als Catton eingetreten war, „was ist denn los? Spukt mein Onkel altz Gespenst umher?"
„Der nicht," erwiderte Catton unwirsch, „aber ein anderes Gespenst von drüben, das mehr zu fürchten ist. Ich war nach dem Altinghofer Walde, um dort Umschau zu halten, hoffte den Barbier abzufangen, was mir aber nicht gelang. — Ich sage Euch, John Alting, er ist nicht richtig dort, Ihr müßt Euch mal am Krankenbett sehen laffen und gehörig austrumpfen. Ein heilsamer Schreck thäte noth, wer zum Henker würde es wagen, Euch entgegenzutreten? Aber nun ist'« schon zu spät, dar hättet Ihr früher thun sollen, edler
„Ist das Alles, was Ihr mir zu sagen habt?" fuhr Han, Justus ingrimmig auf.
„Nur Geduld, das dickste Ende kommt noch," höhnte Catton, ungenirt auf den Teppich spuckend. „Ich schlich mich dort um's Forsthaus herum, und wäre um's Haar von einem bissigen Köter gepackt worden, der mich nicht als Jägersmann respectirte. Die anderen Hunde ließen mich ruhig herangekommen, Ihr wißt ja, daß ich ein Mittel hab', die Thiere zu zähmen. Ich retirirte rasch, wobei ich Glück hatte, weil der Förster just angefahren kam, und der Hund ihm entgegenstürzte. Dann ging die Hausthür auf, ein alter Bursche mit einem nichtsnutzigen Gesicht trat heraus, der Förster nannte ihn ganz höflich: Herr Paulsen!"
„Wetter!" herrschte Hans Justus ihm zu, was geht denn dieser Bursche uns an?"
„O, ich denke genug, wenn ich hinzusetze, baß es der Graubart von Rombergs Farm ist, der sozusagen zu Eurem Stiefbruder gehört."
Hans Justus trat einen Schritt zurück, fein Gesicht war erdfahl geworden.
„Er ist nicht wahr," stieß er dann leise hervor, „Ihr habt Euch geirrt, Joe!"
„Bah, daran glaubt Ihr selber nicht, John Alting," sagte Catton spöttisch, „ich kann mich auf meine Augen und auf mein Gedächniß verlaffen und ich meine, daß er nicht ohne seinen Herrn herübergekommen ist. Na, mir ist der alte Halunke hier auch verdammt unbequem von wegen der zärtlichen Umarmung, die ich ihm um einen gewißen Brief zu Thell werden ließ. Ich hörte dann auch, wie der Förster ihm zurief, daß Alles glatt abgegangen und er glücklich mitgekommen wäre. Möchte wohl wissen, wer damit gemeint war."
„Ich traf den Förster auf der Station," erwiderte Hans Justus erregt, „fragte ihn, was er dort zu schaffen habe und erhielt zur Antwort, daß er einen Freund des Notars in F., der sich nach dem Befinden meines Onkel« erkundigen sollte, nach der Station gebracht habe. Ich fürchte, der Schuft hat mich belogen."
„Natürlich hat er da«, edler Sir!" höhnte Joe Catton, den es freute, seinen srüheren Kameraden, der sich jetzt so erhaben fühlte, in solcher Unruhe zu sehen. „Ich calculire, daß es der ehrenwerthe Mr. Romberg gewesen ist, der sich jedenfalls einen Rath bei dem Rechtsverdreher in F. holen soll. Paßt auf, John Alting, ob nicht, ehe Ihr Euch verseht, Eure ganze Herrlichkeit über'« Haufen fällt. Denn wenn der Ateste Sohn Eure« Vaters hier erscheint, dann gute Nacht
all' ihr schönen Aussichten als Herr und Gebieter von Altinghof."
„Schweigt!" zischte Hans Justus, den diese spöttischen Schilderungen um alle Besinnung zu bringen drohten. Eine solche erschreckende Wuth malte sich auf seinem Antlitz, daß Eatton sich vorsichtig nach der Thür zurückzog.
„Ihr thätet besser, mit mir zu überlegen, wie wir dieser drohenden Gefahr begegnen sollen," sprach Hans Justus, der seine Aufregung mühsam bezwungen hatte, mit unsicherer Stimme.
„Ich meine, daß wir die Gefahr nicht erst abwarten, sondern uns sobald als möglich nach drüben zurückziehen. Ich sollte denken, daß Ihr die fette Krippe in Altinghof nicht umsonst so ganz allein benutzt haben werdet."
„Ach was, der Geldschrank steht mir dort nicht offen," murrte Han» Justus, „und das Geld ist rar bei meinem Onkel, der sein Vermögen von dem Advoeaten verwalten läßt- Mit Documenten ist nichts anzufangen."
„All right, old boy,“ meinte Catton, „aber Ihr seid doch hier beim reichen Melwig Hahn im Korbe, — solltet Ihr bei ihm nicht eine namhafte Anleihe machen können? Er ahnt doch nichts von jenem Stiesbruder, hält den Onkel für einen tobten Mann und steht in Euch nicht blos den künftigen Gemahl der schönen Lady, sondern auch den baldigen Gebieter auf Altinghof."
Hans Justus schritt einige Male auf und nieder und blieb dann wieder vor Joe Catton stehen.
„Euer Rath ist gut, ich werde ihn noch heute befolgen, um mir den Rücken zu decken. Ihr aber, Freund Joe, macht Euch auf und nehmt alle Jägerlist zu Hilfe, um das feindliche Revier zu erforschen. Wenn Ihr den Brief, den mein Alter in unverzeihlicher Schwachsinnigkeit dem deutschen Spion mitgab, nur erwischt hättet, würde ich nichts fürchten, weil der Sohn des Hauptmanns Romberg es nicht beweisen kann, daß er ein Alting ist und dann sollte der Bursche ein Romberg bleiben bis an sein Ende. Aber den Brief von meines Vaters Hand, den mußte ich haben, Joe Catton!"
„Wo sollte ich ihn suchen, wenn er ihn nicht bei sich hatte! Schwatzt keinen Unsinn, John Alting, ich that, was Ihr mir geboten und wundere mich, daß der graubärtigs Spion überhaupt noch lebt. Seid kein Narr, vielleicht steht gar nichts Schlimmes für Euch in dem Brief, den Euer Alter ja erst geschrieben haben muß, als er schon halb todt gewesen ist, — wenn mir recht ist, starb er schon am andern Morgen oder in der Nacht. Thut, was ich Euch gerathen habe, Geld in der Tasche ist die Hauptsache. Ich will nach Tisch sofort wieder auf den Anstand gehen, um das Wild zu belauern."
Er nickte ihm vertraulich zu und verließ das Zimmer, Hans Justus in einer sehr zerfahrenen Stimmung zurück- lassend.
14. Capitel.
Schlimme Berathung.
Es war eine kleine, auserlesene Tafel, an welcher sich Herr Melwig und seine schöne Nichte mit ihrem Gaste nieder- ließen. Der Lindenhagener konnte es sich leisten, seine Deli- cateffen und feinsten Weine direct aus Hamburg und vom Rheine kommen zu laffen, — und die feinsten und theuersten Cigarren zu rauchen. Herr Melwig war heute womöglich noch liebenswürdiger als sonst gegen seinen Gast, nöthigte unaufhörlich, da der Diener hinausgefchickt worden war, und füllte immer und immer wieder das Glas seines geschätzten Gastes. , L
„Jetzt keinen Tropfen mehr," protestirte dieser, der sich gewaltsam zur Lustigkeit zwang, „ich muß noch heute nach dem Forsthause, um nach meinem Onkel zu sehen, und da heißt es, ganz nüchtern zu sein, um der Sippschaft mein Recht klar zu machen."
„Das hätten Sie schon längst thun sollen," bemerkte Ebba Regina, einen Apfel schälend, „ich begreife nicht, wie Sie, der im Grunde kein anderes Gesetz als den eigenen Willen kennt, sich von einem Untergebenen oder meinetwegen


