Ausgabe 
13.6.1896
 
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werden die», verwöhnt durch die wärmen Märztage, die frostigen Naturen empfunden haben unter denen namentlich magere Leute zahlreich vertreten sind. Denn auch die Kalte wirkt, wie alle Einflüsie, auf die Menschen je nach ihrer In- dividualität und Körperbefchaffenheit sehr verschieden ein. Wer nur ein geringer Fettpolster unter der Haut und zwischen den Geweben besitzt, ist sehr empfindlich gegen den Wechsel der Lusttemperatur, er friert viel leichter und ist zu Erkältungen geneigt, weil er der Schutzes beraubt ist, welchen das Fett als Wärmeleiter auf die von diesem bedeckten und umhüllten Gewebe, ste vor Abkühlung bewahrend, ausübt. Da nun das Fett auch noch ein Spardepot für den Organismus bildet, von welchem er in Zeiten der Ueberanstrengung oder Krank' heit zehren muß, fo ist es eine nicht zu unterschätzende Auf- gäbe der Gesundheitspflege, den Körper stets in wohlgenährtem Zustande zu erhalten, ganz abgesehen von der ästhetischen Forderung des Schönheitssinnes, welcher verlangt, daß der menschliche Körper eine gewifie Fülle besitze und abgerundete Wellenlinien zeige, wodurch den Bewegungen Anmuth und Schönheit verliehen wird. Aus letzterem Grunde versuchen ja auch immer wieder viele Damen ganz heimlich die mit Reclame angepriesenen und mit schönen Büsten verzierten Patentheilmittel, welche aber nicht die Fülle ihres Körpers vermehren, sondern die Fülle ihres Geldbeutels vermindern. Fettansatz kann vielmehr nur erzeugt werden durch lebe Art von Ueberernährung, d. h. Zuführung von Nahrungrstoffen in einer die Erhaltung des Organismus bedeutend übersteigen« den Menge. Der Winter ist für solch eine Cur nicht be« sonders geeignet. Denn da in der kalten Jahreszeit dem Körper viel Wärme entzogen wird, welche von den Nahrungs« stoffen geliefert werden muß, so ist eine Ueberernährung 6e* Hufs Fettbildung nicht gut möglich. Dagegen ist die jetzt be« ginnende Saifon für alle Candidaten eines Fettbäuchleins sehr günstig. Man wähle dazu besonders solche Kost, in welcher Fette, Butter, Mehlspeisen, Kartoffeln, Süßigkeiten überwiegen; ferner fetten Braten, fetten Schinken, fette Wurst, geräucherte Gänsebrust; von Fischen Aale, Bücklinge, Häringe und Lachs; Brot mit viel Butter oder Schmalz gestrichen, süße Mehlspeisen, süßes Obst, Rahmkäse, Vollmilch, Chocolade, Cacao und malz, reiche Biere. Körperliche Bewegung vermindert zwar die Fett« bildung, ist aber doch zur ordentlichen Verdauung und Aus« Nutzung der Speisen nöthig und daher, freilich stets in sehr mäßigem Tempo, durchaus rathsam. Besonders unterstützt wird diese Cur noch durch häufige« und langen Schlaf, durch Ruhe des Geistes und Gemüthes. Setzen die mageren Per« sonen eine solche Art von Mastcur den ganzen Sommer hin« durch fort, so werden sie jedenfalls guten Erfolg haben und im nächsten Winter nicht mehr so viel unter der Kälteeinwirkung leiden brauchen.

Dagegen müssen natürlich Fettleibige oder zu Fettansatz neigende Leute eine Lebensweise sühren, welche das vollständige Gegentheil zu der eben geschilderten bildet. Namentlich sollen sie jetzt im Sommer täglich kalt baden oder noch besser: schwimmen. Wer aber noch gar nicht an kaltes Wasser ge« wöhnt ist, möge zunächst mit kalten Thetlwaschungen des Oberkörpers und nachherigem Abreiben und Frottiren beginnen. Sehr empfindlichen, verweichlichten ober nervösen Personen möchte ich sogar rathen, erst einige Tage ihren Körper nur mit einem trockenen Frottirtuche energisch abzureiben, dann warmes Wasser mit kalter Nachspülung (Brause) anzuwenden und erst allmählich zum kalten Flußbade überzugehen. Auf diese überaus milde Art und Weise kann sich aber auch Jeder an kaltes Baden gewöhnen. Den großen Segen hiervon wird er sehr bald kennen lernen. Selbst in der größten Sommer­hitze fühlt er sich dann immer wieder neu erfrischt, Mattig« mit und Schlappigkeit weichen von ihm, frische Lebenskraft belebt und beseelt ihn. Und wenn der Herbst mit seinen rauhen Stürmen und der kalte Winter kommt, dann ist der Körper abgehärtet und widerstandsfähig, so daß einem solchen Wafferfreunde Erkältungen, Rheumatismus und dergleichen

Redaction: I. V.: Hermann ©He? Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) 'N

schöne Erfindungen unbekannte Begriffe bleiben. Noch aus einen besonderen Vortheil der kalten Waschungen möchte ich Hinweisen. Wer dem Bacchus ober Gambrinus beim Früh­schoppen etwas über Gebühr gehuldigt hat, ist in der heißen Jahreszeit am Nachmittage meist zu keiner energischen Arbeit mehr fähig, weil er überhitzt, schlaff und schläfrig wird. Da thut nun eine kalte Abreibung ober Ueberspülung des ganzen Körpers wahre Wunder! Abgewaschen und weggespült ist plötzlich alle Mattigkeit und Müdigkeit, und man fühlt sich sofort zu frischer, fröhlicher Thätigkeit neu gestärkt! Dasselbe gilt nach längerer abendlicher Sitzung im Stammlocale oder bei festlichen Gelegenheiten; vor dem Zubettegehen eine kalte Ueberspülung. Schlafen bet offenen Fenstern mit nur leichter Bettbedeckung, morgens wieder eine kalte Waschung und verflogen ist aller Alcoholdunst au» Kopf und Gliedern! Hierbei sei jedoch besonders bemerkt, daß der viele Genuß von alcoholtschen Getränken, namentlich im Sommer, keinesweg« vertheidigt ober gar empfohlen werben soll; aber eine ver­nünftige GesunbheitSpflege hat ' eben nicht mit ibealen Ver- hältnissen zu rechnen, sondern muß die thatsächliche Leben«' weise der Menschen in Betracht ziehen und daran anknüpfend ihre Verbefferungsvorschläge darthun. Dann erst wird und kann sie williges Gehör finden, wirklichen Erfolg haben und ihre hehre Aufgabe richtig lösen, die Gesundheit der Menschen zu erhalten und das Leben zu verlängern.

Bei der sommerlichen Hitze ist es sogar sehr rathsam, den größeren Flüsstgkeitsbedarf des Körpers nicht durch er- hitzende alkoholische Getränke zu decken, sondern durch kühlend« und durstlöschende, wie Wasser, Sodawasser, kalten Kaffee, kalten Thee ober Limonabe. Da Wasser allein von de« meisten Menschen wegen seineswässerigen Geschmackes nichi gern getrunken wird, und dis Limonabe unb Fruchtsäfte noch viel zu theuer find, so möchte ich folgenbes Getränk W Selbstbereitung für den häuslichen Gebrauch und auf Fch touren empfehlen. Man kaufe sich gepulverte Citronensäure, von welcher ein Gramm nur einen Pfennig kostet, löse diese in etwas Wasser auf und thue ziemlich viel Zucker hinzu. Dadurch erhält man einen Extract von Citronenlimonade, von dem man eine beliebige Menge jedem Glase frische« Wassers beimengen kann. Das Umrühren geschieht mit einem hölzernen Löffel ober mit einem einfachen Holzstäbchen, ein bestimmtes Mifchungsverhältniß ber beiden Substanzen anzu­geben, ist nicht gut möglich, weil Damen und Kinder dasselbr süßer wünschen als Herren; Jeder muß es eben nach feinem Geschmacke Herstellen. Der Vortheil dieses Getränkes bestehl außer seiner großen Billigkeit noch darin, daß man durch »gießen des Extractes sofort ein fertiges Getränk hat unb nicht erst lange auf das Schmelzen des Zuckers u. f. w. warten braucht. Ferner wird man jedesmal nur soviel Wasser nehmen, als man gleich trinken will, hat also stets ein frisches, kühle«, nicht abgestandenes und warmes Getränk. Außerdem ist Citronensäure dem Organismus sehr zuträglich. Sie enMl allein an den für den Körper sehr nützlichen organ schen Salm zwei Procent. Daher wird sie auch vielfach als Henmilm angewendet, namentlich gegen Skorbut, Diphtheritis, Gelenk­rheumatismus, Gicht, Leberleiden und Wassersucht. Ferner ft noch bemerkt, daß, was Viele nicht wissen, Zucker nahrhaft ist, wodurch die, Getränk also vor den kohlensäurehaltig Wassern einen großen Vortheil hat. Eine Flasche Wen selbstbereiteten, äußerst billigen Extractes sollte daher Jeder in seiner Häuslichkeit stets vorräthig haben.

Als Letztes, aber wahrlich nicht der Bedeutung nach, ft auch für diesen Monat Allen dringend empfohlen, Nachts w Fenster im Schlafzimmer offen zu lassen. Die beste gesundheil« gemäße Lebensweise am Tage wird null und nichtig gemaq, wenn man die ganze Nacht hindurch dieselbe verpestete M dünstungrlust, welche schon wiederholt die eigenen Lungen un die der Schlafgenossen passirt hat, immer wieder einatyme Jetzt im Sommer ist die geeignetste Jahreszeit, sich an ge ! sundes Schlafen bei geöffneten Fenstern zu gewöhnen.