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Ehe er Nachdenken, ehe eins von ihnen sich besinnen konnte, hielt Paula das kleine Wesen in ihren Armen, an ihre Brust geschmiegt und das erschrockene kleine Geschöpf drückte sich an sie, daß es sie durchrieselte mit seltsamer Wärme.
„Das Schloß brennt. Der Blitz hat eingeschlagen," hatte die Carducca geschrieen, sobald sie zu Athem kam.
Unterdeß füllte sich da« Haus mit Leuten aus der Nachbarschaft, die dasselbe riefen.
„Laßt es brennen, das verwünschte Schloß!" schalt Tomaso zornig. „Die Heiligen hatten es nicht lieb von An« fang an. Laßt es brennen, es ist ein Unglückshaus."
„Ja, ein Unglückshaus," murmelten die Anderen.
„Stein und Mörtel brennen nicht lange," rief ein Zweiter dazwischen.
Der Präsident hatte Erich kaum erkannt, als er auch schon das Zimmer verließ.
Erich Tornegg sah e» nicht, erhalte nur Augen für sein Kind.
„Ich hole die Mama, Pia, mein Engel," hatte er ihm zugeflüstert.
„Wollen Sie sich meines Kinder annehmen, Paula? Nur eine Weile. Meine Frau ist fort, seit Mittag. Ich fürchte, sie hat sich verirrt; ich muß sie suchen; wohin kann sie nur sein? Die Aermste fürchtet sich so sehr vor dem Blitz," hatte er halb zu ihr, halb zu der Carducca gesagt, die eben einen mit Wolle gestopften Pfühl für da« Kind herzutrug. Tomaso brachte eine brennende Kerze.
„Willst Du bei der lieben Signora bleiben, Pia? Oder willst Du zu der Caterina?" Das war das junge, schreckens« starre Kindermädchen, welches hinter ihm stand. „Papa will die Mama holen, die liebe Mama."
Das Kind blickte mit seinen erschrockenen, krankhaft groben Augen in die Paulas, dann schlang es plötzlich die mageren Aermchen um ihren Hals.
„Si, babbo!“
Wie Paula war, als sie so plötzlich Erichs Kind am Herzen hielt? — Sie dachte nicht darüber nach, fühlte nur eine wonnige Zärtlichkeit für da» arme kleine Wesen sich in ihrem Herzen regen und sah es liebevoll an, indem sie ihm in der Sprache seiner Mutter, in welcher auch Erich zu ihm geredet, Liebesnamen gab.
Er war schon fort, hinaus in das noch immer fortdauernde Gewitter. Die Leute standen und knieten, Gebete murmelnd, im Zimmer umher und die Carducca flüsterte Paula zu: „Ich wette, sie ist ihm fortgelaufen, die Schlechte will nicht bei dem Bauernvolk bleiben, er soll wieder hinunter mit ihr und dem Kinde nach Amalst. Ah, als ob die Wtrthin in der Luna nicht wüßte, daß sie eine Liebschaft hat mit dem rolhbärtigen Maler! Er, der Baron, ahnt nichts. Ach, diese Männer, sie find allemal so dumm, wie ihre Weiber schlecht!"
„Um Gotteswillen, das Kind versteht jedes Wort!" hatte Paula erschreckt sie abgewiesen; nun aber die Wtrthin sich nicht stören ließ, sondern in ihrer Aufregung bis zu Ende sprach, mußte sie sich hinsetzen, ihr bebten die Kntee. Erichs Frau eine Elende?
„II povero poverino!“ begann die Carducca wieder. „Er sucht sie. Mag lange suchen, wenn ich ihm nicht auf die Spur helfe."
„Und da» müssen Sie thun, Signora Teresina!"
„Gewiß, ich will auch, Excellenza I Da» ist meine Pflicht. Die Gevatterin au» der Luna hälte e» thun müssen; längst schon! In Amalfi drunten weiß es bereits jeder Bettler am Weg und ihrer find viele. Ein Landsmann ist er von der Baronessa; aber so Einer, der auch mit jeder Stubenmagd schön thut, wenn er just keine Gräfinnen haben kann. Ich sag'» dem armen Herrn; er soll nicht zum Gelächter werden für die Buben von Amalfi! Und um so eine — so eine — ja, ich glaub'« schon, der gefällt es bei dem rechtschaffenen Bauernvolk nicht."
„Dar sind ja hübsche Geschichten!" sagte mit scharfem Hohn der Präsident, der dem Sinne nach vermöge ihrer aus
drucksvollen Mimik die Wtrthin leidlich verstehen gelernt- — „Und Du machst es wie die Romanheldinnen alle, die edlen natürlich! — Du läßt Dir das Kind aufhalsen und was geht es Dich an? — Das Wetter beruhigt sich; ich will nach Haufe!" fuhr er ärgerlich drängend fort, da sie schwieg. „Gieb das Kind der Padrona, ich mag es nicht in Deinen Armen sehen. Meine Kleider sind seucht, ich bin müde und mich fröstelt, laß uns nach Haus."
Sie schwieg bestürzt.
Erich hatte ihr das Kind übergeben, wie konnte sie es jetzt verlassen, dies zarte Kind, das in ihren Armen eben sanft einschlief, ungestört von dem Sprechen und Durcheinander der vielen Leute?
Da kam Martin; er hatte Regenschirme und Mäntel geholt.
Durch die Fenster drang noch immer der Flammenschein, die Blitze ließen nach und die Bauern liefen hinaus; sie wollten jetzt sehen, was nur brennen möchte in dem Gemäuer des Schlosses.
„Papa, ich bitte Dich, geh' voran! Ich habe es versprochen; ich kann das Kind nicht Anderen überlassen."
„Unsinn! Da ist die Carducca, da da« Mädchen!" „Ich bitte Dich, lieber Vater, laß mich!"
„Da haben wir es ja! Um dieses Menschen Kind, der sie behandelt hat wie —"
„Das Alles ist nie so lebendig in mir gewesen wie in dieser Stunde, Vater! Nie fühlte ich so sehr wie eben jetzt, daß ich nur noch Mitleid für ihn haben kann."
„Und dennoch! Komme mit, ich befehle e« Dir," sagte er in heftiger Erregung. „Was geht seine Brut Dich an!"
Ihre Augen blitzten ihn ebenso zornig an. Jetzt hatte sie große Aehnlichkeit mit ihm.
„Es ist uns Beiden besser, wenn Du jetzt allein gehst!" sagte sie trotzig.
So hatte der Vater sie nie gesehen; fast bestürzt vermied er ihren Blick.
Er nahm Martins Arm und ging.
Sie blickte finster vor sich hin. Welche Erinnerungen waren in ihr geweckt.
In ihren Armen schlief das Kind so sanft und süß, als ob es in Mutterarmen läge.
So hätte sie ihr eigenes und sein Kind in den Armen gehalten, wenn er ihr nicht kurz vor der festgesetzten Hochzeit sein Wort brach.
Alles stand wieder vor ihr, wie es damals gewesen.
Er war in Rom bet der Gesandtschaft angestellt. Den zahlreichen Liebesbriefen folgte ein plötzliche» völliges Verstummen ; geängstigt schrieb sie, schrieb wieder und wieder — keine Antwort. Da telegraphirte ihr Vater an einen Geschäftsmann des Fürsten. Die Rückantwort lautete, der Herr Baron sei sehr wohl, man habe ihn erst heute auf der Bank gesehen, wo er eine Summe Geldes erhob.
Was bedeutete sein Schweigen? Welche räthselhafte Unart gegen seine Braut!
Ein Telegramm an ihn selbst wurde abgesandt. Keine Rückantwort, als die kurze: „Brieflich Erklärung."
Und die Erklärung kam dann. Sie war kurz, sehr kurz.
„Vergieb mir, ich flehe Dich an, oder — lieber noch, hasse mich, Paula; ich verdiene es nicht anders, lieber mir ist ein Zauber und dem ist meins Siebe zu Dir und meins Ehre erlegen. Hier Dein Ring, ich bin Deiner nicht mehr werth."
Das war Alles. Und was hatte sie empfunden, als sie immer wieder diesen Brief las!
Ihr Vater wußte schnell genug Alles. Stand es doch in jeder Zeitung Roms zu lesen, daß ein Deutscher, ein Cavalter der Gesandtschaft, ganz Italien, die Kirche, den Himmel beleidigt, indem er aus dem Kloster der Schwestern vom Sacrs Coeur Trintta bei Monti eine Pensionärin entführte.
Der Vater hatte Recht. War sie nicht die richtige Romanheldin, daß sie hier saß und sein Kind behütete, indeß


