Ausgabe 
12.11.1896
 
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Aba! Jetzt will man gerade daraus beweisen, daß ich schurkische Absichten verfolgte, nicht wahr? "

Vergessen Sie nicht, Graf, daß in die Zeit dieser Reconvalescenz Thekla; Entdeckung ihrer Mutterschaft fiel!"

Und daß ich ihr eben deshalb aufrichtige Fürsorge und eine vielleicht von Reue beeinflußte Aufmerksamkeit widmete, das ist jetzt natürlich unglaublich? Wie würde man's dann aber auffaffen, wenn ich mich im Gegentheile roh und rückfichtslos gezeigt hätte ?"

Ja dann wäre Ihnen Thekla wohl nicht nach Paris gefolgt und hätte Ihnen gewiß auch nicht den'Gefallen ge- than, ihre Anwartschaft auf ein Kind noch geheim zu halten auf ein Kind, das um so sicherer der Universalerbe ihres Vermögens geworden wäre, als Thekla sich ohne diese Mutter­schaft wahrscheinlich doch von Ihnen getrennt hätte."

Degenstein wollte etwas entgegnen, aber seine blutleeren Lippen bewegten sich nur lautlos. Die Verachtung, die er dann in die pantomimische Aufforderung an den Baron, fortzusahren, legen wollte, gelang ihm schlecht.

Etwas seltsam könnte es auch erscheinen, daß die Gräfin auf diese Reise nach Paris wo der Gemahl geschäftliche Angelegenheiten ordnen wollte, wie er sagte keine ihrer Dienerinnen mitnehmen sollte. Rach den Aussagen des Schloßverwalters von Chlobonitz hat Graf Norbert seiner Frau erklärt, er wollte ihr in Paris eine flinke, gewandte Zofe engagiren, die von den böhmischen Bauerndirnen, wie er ihre bisherigen Mädchen nannte, vortheilhaft abstechen solle."

Und da« ist natürlich ebenso gravirend als mein Versprechen an Thekla, ihr auf der Lustreise alle die heiteren Zerstreuungen zu verschaffen, zu denen ihr der Arzt gerathen hatte?"

Effenberg zuckte die Achseln, ließ sich aber nicht beirren.

Laffen Sie mich weiter im Namen des Staats­anwalts reden I Wollte Gott, Sie könnten dann Punkt für Punkt die furchtbaren Judicien entkräften! Sie gestehen doch nun einmal ein, daß Sie mit Thekla den kleinen Abstecher nach München gemacht haben?"

Zum Teufel jal" schrie Degenstein, sich heraus­fordernd aufrichtend.Unglückselig genug, daß ich unterwegs auf diesen Einfall kam, den ich heute verfluchen muß! Und hätte mich die Feigheit nicht abgehalten, das bis zur Stunde zu leugnen, fo wäre es bester für mich gewesen. Aber ist es denn nicht begreiflich, ist es nicht natürlich, menschlich, daß ich diesen Münchener Aufenthalt nicht zuge- stehen wollte, weil ich mir die grausame Frage vorwerfen mußte, ob Thekla nicht durch meinen Leichtsinn, durch die Aufregung bei dem Maskenfeste oder vielleicht auch durch jene« vermaledeite Haarwasser zu dem verhängnißvollen Rück­fall ihrer Krankheit kam?"

Jetzt trat Ignaz rasch vor und wollte eine Einwendung erheben, aber der Baron winkte ihm, zu schweigen.

.Lassen Sie, junger Mann! Bringen Sie mich nicht au« dem Concept! Ich bin einmal im Zuge. Sie sind also erst unterwegs darauf gekommen, Herr Graf, Ihrer Frau den Umweg über München vorzuschlagen. Sie werden das mit einer heiteren Laune erk.ären. Ihr Ankläger aber wird behaupten, daß Sie wohlausgedachte Gründe dafür hatten. In Paris an dem Orte, wo Thekla sterben mußte hätte man hinterher wohl Verdacht geschöpft, daß Sie Ihre Frau am Abend vor ihrer schweren Erkrankung auf einen Ball geführt hätten, man hätte nachgeforscht und leicht den Friseur eruirt, bei welchem ein Herr in der und der Maske seine Frau hatte coiffiren laffen. Immerhin aber brauchten Sie eine Großstadt zu Ihrer That - so würde Ihr öffent­licher Ankläger sagen und zwar eine Stadt, die von Ihrer Reiseroute ziemlich abgelegen war und andrerseits doch eine rasche Verbindung mit Paris besaß. Da Sie der Gemahlin eine rege Thetlnahme an den Vergnügungen des Pariser Carnevals zugesagt hatten, war sie mit entsprechendem Totletten­vorrath versehen, so daß es keine Schwierigkeit bot, ihr auch

den Besuch einer Münchener Maskenredoute plausibel zu machen. Sie gefallen sich nun in dernärrischen Idee", sich zum Costüm eines italienischen Nobile auch die passende Physiognomie zu wählen , schminken sich, färben sich Haar und Bart und machen sich gegenüber der Gattin denSpaß", in dem so verwandelten Exterieur am Abend vor dem Balle auszugehen, um so gewissermaßeneine kleine Generalprobe" abzuhalten. Und so sucht sich der Graf einen obskuren Friseurladen aus, wo er durch keinen Kundenandrang gestört zu werden sicher sein kann. Der damalige Principal dieses Burschen ist gerade der rechte Mann. Während sich der Graf die Tinctur auswählt, die dem Blondhaare der Frau ja nur einen höheren Glanz verleihen" soll natürlich, Thekla darf dieselbe ja nur für ein unschuldiges Toilette-Wasser halten schickt er den Lehrjungen um einen Miethwagen, um bei einer Manipulation nicht beobachtet zu werden, in welcher das eigentliche Verbrechen gipfelt . . . ."

Degenstein zuckte zusammen und fuhr auf, um dann mit matter Geberde auf den beabsichtigten Protest doch wieder zu verzichten.

Sie reden ja im Namen eines findigen Staats­anwaltes!" sagte er und ließ sich müde in einen der alt­deutschen Sessel fallen.Bitte weiter! Ich will dem Becher, den Sie mir credenzen, bald auf die Neige sehen können. Was könnte also nach Ihrer Meinung der Gras mit jenem Flacon gethan haben?"

Während Dingelmann mit den übrigen Flaschen in dem Schrank yantirt, muß es dem Grafen doch ein Leichte« sein, die ihm gereichte zu öffnen vielleicht um den Geruch der Tinctur zu prüfen und, nehmen wir an, ein bereitgehaltenes Präparat in die Flüssigkeit zu mischen, mittels einer Gelatine­kapsel z. B. oder einer Pille, die sich in dem Alkohol de« Haarfärbemittels über Nacht auflösen soll."

Degenstein lachte ein hölzernes Lachen, das am Schluffe in einen wilden Verzwe>flungsschrei überging.

Gott steh' mir bet! So weit also wirklich so weit glaubt man gehen zu dürfen? Da« hätte ich mir in meinen allerpesfinusttschsten Grübeleien nicht sagen können, mit denen ich mir damals unter fürchterlichen Qualen bewies, daß ich schweigen müsse, um mich nicht dem verderblichsten Verdacht auszusetzen. Kommen Sie zu Ende, Herr Baron! Aber laffen Sie nichts aus, ich will das Scheingebäude dieser An­klage doch bis auf den letzten Stein kennen lernen, und J;rer Rede fehlt ja noch der Schlußeffect, das große Pathos, mit vem der Staatsanwalt auf die Phantasie der Geschworenen wirkt!"

Effenberg stützte sich wirklich unter einer gewissen Amts­miene auf die Tischplatte. Seine bureaukratische Pedanterie glaubte den einmal aufgegriffenen Faoen zu Ende spinnen zu müssen.

Am folgenden Abend beschränkt sich die Aufgabe des Unseligen nur mehr auf die Beobachtung aller Maßregeln, um einer späteren Entdeckung des Sachverbaltes vorzubeiigen- Thekla darf ihr Gesicht nicht zeigen Graf Norbert kann ihr ja die Maske unter dem Vorwand oufgedrängt haben, daß er seine Gattin nicht etwa von zufällig eintretenden Kunden begaffen lassen wolle er verbittet sich, daß sie an­geredet werde, wodurch sie allenfalls zu einer Aeußerung über ihr Woher und Wohin veranlaßt werden könnte, dann ver­schüttet er noch den Rest der vergifteten Tmctur - und die Hauptsache ist gelungen. Auf dem Balle findet sich bald Gelegenheit, den Saal zu verlassen, um dann zum Beispiel mit der MMhetlung zurückzukehren, man habe ihm vom Hotel aus eine soeben eingetroffene Depesche überbracht, die feine sofortige Abreise nach Paris erheische. Da« kann Thekla nicht außerordentlich befremden, denn Degenstein hat sich in vielerlei Finanz - Speculationen eingelassen, und eine solche führte ihn angeblich ja überhaupt nach Pari». Man verläßt also sofort das Maskenfest, eilt in's Hotel, sich umzukleiden Thekla hat natürlich keine Zeit, ihre Frisur zu berühren und der Orient-Expreßzug, der München eine Stunde ! nach Mitternacht passirt, bringt das Ehepaar am folgenden \ Spät - Nachmittag in die französische Hauptstadt. Hier be-