Ausgabe 
12.11.1896
 
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enthielt und da« ist mir etn Schlußstein. Straf' mich Sott, wenn ich nicht au» voller Ueberzeugung spreche I Sie, Herr Graf, waren jener verkleidete Mann, der am 11. Februar 1889 in den Laden de» Friseurs Dingelmann in München gekommen ist, um für seine Schwester ein Haarfärbemittel auszuwählen, und der am anderen Tage..

Halt!" unterbrach ihn da Degenstein mit Commando- stimme.Sparen Sie Ihre Lunge, Sie Faselhanne»! Belieben Eie, Herr Baron, mir zu sagen, wo das hinaus soll! Sie können unmöglich verlangen, daß ich mit diesem Herrn einen Disput führe . . - ."

Effenberg fuhr sich bekümmert über den gelichteten Scheitel und rang nach Luft.

»Doch doch der junge Mann hat die Sache ganz an der richtigen Stelle aufgegriffen. Man muß wirklich an« nehmen, daß Sie und Gräfin Thekla jene Fremden waren, die damals . . . ."

Wie? Ich sagte Ihnen doch klar und deutlich, daß und warum diese Annahme falsch ist."

Weil Sie damals wie Sie behaupteten schon in Pari» waren?" ächzte der Freiherr.

Ganz richtig. Wir kamen am 9. oder 10. Februar an; so genau weiß ich da» nicht mehr."

Effenberg winkte dem Ignaz; da» wäre aber nicht nöthig gewesen, denn der legte schonNo. 1 seiner Beweisacten auf den Lesetisch.

Eie «erden sich in dem Datum noch wesentlicher ge- irrt haben, Herr Gras," sagte der Baron mit beinahe flehender Stimme.Lesen Sie das dort!"

Degenstein schenkte dem Papier keinen Blick, verschränkte die Arme über der Brust und nahm die Miene eines Manne» an, der die Entwickelung einer vorläufig ganz un­verständlichen Cowödie abwarten will.

Mit dieser Note," erläuterte Ignaz ernst,giebt die Pariser Polizeipräfeetur Auskunft, daß Graf und Gräfin Norbert Degenstein am 13. Februar 1889 in Paris an­gekommen find und im Grand'Hotel abgestiegen find. Am selben Abend noch erkrankte die Frau Gräfin, um vierund­zwanzig Stunden später zu sterben."

Da ist e« doch nicht zu glauben," sagte Effenberg mit sanftem Vorwurf,daß Sie fich der genauen Datums nicht mehr erinnern sollten, Norbert! Thekla gleich nach der An­kunft erkrankt am anderen Tage tobt der 13. und der 14. Februar müßten Ihnen da doch sehr lebhaft im Ge- dächtniß stehen . . . ."

Gewiß," entgegnete Degenstein jetzt bewegt;dies waren ja die beiden schmerzlichsten Tage meines Lebens. Aber diese Note ist unrichtig, insofern Re behauptet, wir wären eben erst am Dreizehnten eingetroffen. Wir be­fanden un» da mindestens schon seit drei Tagen in Paris. Möglich, daß hier ein Fehler des registrirenden Polizei­beamten vorliegt oder daß wir vom Hotel aus hinterher ge­meldet worden find als eben der Trauerfall das Personal an die vernachläsfigte Pflicht gemahnte; daß man fich dann im Datum vergriff, das ist leicht zu entschuldigen."

Das wäre ein recht schlimmer Fehlgriff für Sie ge­wesen, Herr Graf," sagte Effenberg.Aber Sie haben dann, wie man Ihnen nachweisen wird, dem amtlichen Leichen­beschauer ebenfalls den vorhergehenden Tag als den Ihrer Ankunft zu Protokoll geben müssen- Zeigen Sie den be- treffenden Auszug, junger Mann!"

Degenstetn war plötzlich bis in die Lippen erbleicht.

Dar wußte ich nicht mehr," entschlüpfte es ihm fast tonlos.

Effenberg erhob fich jetzt schwerfällig, fich auf die Tisch­kante stützend; mit der anderen Hand machte er eine beschwörende Geberde.

Geben Sie nun zu, Norbert, daß Sie mit Thekla einen Abstecher nach München gemacht und fich dort am 11. und 12. Februar aufgehalten haben?"

Degenstetn ließ den irren Blick im Zimmer herumgehen

und öffnete mehrmals den Mund, ohne jedoch Worte zu finden.

Herr Graf!" bemerkte Ignaz.Man würde im Noch- fall meinen ehemaligen Principal hercitiren können ich hab' seinen Ausenthalt erforscht- Erlauben Sie mir, mein Metier an Ihnen zu üben indem ich Ihnen Haar und Bart schwärze und gelben Puder auflege! Nehmen Sie hierauf einen Cylinderhut und wenn Herr Dingelmann Sie dann nicht augenblicklich wiedererkennt, so soll man mich al» einen elenden Ehrabschneider verurtheilen!"

Degensteins Augen bekamen jetzt wieder Leben. Lang­sam trat er an den Tisch vor, beugte fich leicht zu dem Baron hinüber und sagte mit sehr deutlicher Stimme:

Und wenn ich zum Beispiel das Alles zugäbe was dann?"

Effenberg und Ignaz fuhren förmlich auf und wechselten einen langen Blick miteinander.

Herr Graf dann schreit gegen Sie ein Mord- Verdacht!"

Diese überraschend markigen Worte des eben noch ganz geknickten Freiherrn schienen eine Weile durch das Zimmer zu schweben.

Mord, warum Mord?" lallte der Graf; die Zunge mußte ihm am Gaumen kleben.Sprechen Sie, Baron, sprechen Sie Alles au», was man an sogenannten Jndicien wider mich zusammengetragen hat! Ich möchte doch wissen, mit welchen Mitteln man mich verderben will."

Nun denn, Herr Graf," fuhr Effenberg im plötzlich errungen Vollbesitze seiner väterlichen Würde fort,ich will die Anklage so sormuliren, wie sie Ihnen der Vertreter bei verletzten öffentlichen Rechtes vorhalten müßte. Freilich wird da Manches zu Ihren Ungunsten angebeutet werden müffen, was unter anderen Umständen als belanglos angesehen worden wäre. Man wird Ihnen Nachweisen, daß Sie trotz der reichen Mitgift Theklas bald nach der Hochzeit wieder in Schulden steckten, daß Sie der Schwiegervater dann zum zweiten Male rangirte und daß Sie durch Hazardspiel und wahnsinnige Wetten abermals in Schwierigkeiten ge- tat bett seien. Als Thekla beim Tode ihres Vaters deffen Millionen geerbt, hat sie Ihnen einen bedeutenden Tyeil dieses Erbes überlaffen. Sie haben damit weitgreifende Speculationen eingeleitet meist ohne günstigen Erfolg; dazwischen haben Sie Ihr untergeordnetes Leben weiter­geführt. Die Dienerschaft von Chlodonitz wird Ihnen von gewissen drastischen Auftritten erzählen, die man belauscht hat. Oester als einmal sei aus dem Munde der beleidigten Gattin das Wort Scheidung gefallen, aber Sie hätten dann immer wieder Alles aufgeboten, ein leidliches Einvernehmen mit bet Gekränkten herzustellen. Diese habe Ihnen eine» Tage« in» Gesicht gesagt, sie wisse nur zu gut, daß Sie keinen Funken von Liebe zu ihr hätten, und daß e» nur ihr Reichthum sei, der Sie noch an sie fessele. Um so unerbittlicher blieb sie dann bei der Verweigerung aller weiteren Geldzuwendungen. Au« ihren Mitteln bestritt sie bett ganzen Haushalt, aber zur Tilgung Ihrer fortwährenben Schulden und zur Unterstützung der Börsenoperattonen, in denen sich Ihre Spielerletdenschast schließlich gefiel, ließ sie sich nicht mehr herbei. So hatten Sie in letzter Zeit Ihre böhmischen Güter bi« auf'» Aeußerste mit Hypotheken belasten müssen . . . ."

Degenstetn unterbrach hier den Baron mit einem schneidenden Auflachen. L.A , .

Ja meine Jugendsünden, meine Jugendsünden! Die bieten nun meinen Widersachern ein ergiebige» Feld.

Aber weiter, weiter!"

Effenberg schöpfte neuen Äthern und fuhr mit gedämpfterer Stimme fort.

Man sagt, während der Krankheit der Gräfin scheine sich Ihr Berhältniß zu der Gattin gebessert zu haben, und während der Reconvalescenz hätten Sie ihr eine sehr überraschende Freundlichkeit gezeigt..."

Als hier der Baron einen Moment innehielt, nickte ihm Degenstein wieder mit einem bitteren Lächeln zu.