Ausgabe 
12.11.1896
 
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Untechaltungsblattzum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

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Das blaue Herz.

Roman von Carl Ed. Klopfer.

(Fortsetzung.)

Ignaz zog ein Packetchen aus der Brusttasche seine« Rockes und legte es vor den verdutzten Baron hin.

Effenberg setzte seinen Kneifer auf die Nase und durch» musterte die mannigfaltigen Scripturen mit Anfangs sehr mißtrauischer Miene. Die verwandelte fich aber gar bald wieder zu einem Ausdruck des höchsten Staunens.

Was soll das heißen?" fragte er dann leise, mit einer ahnungsvollen Aengstlichkeit zu dem jungen Mann aufsehend. Was wollen Sie aus dem Allen für einen Zusammen» hang construiren?"

Ignaz hotte tief Athem und wälzte stch Alles vom Herzen, was ihm in diesen Wochen zu einer Centnerlast ge« worden war.

Eine Viertelstunde später verließ der Freiherr v. Effen» berg mit dem Burschen das Haus, sehr bleich und aufgeregt, wie Wetti bemerken wollte. Ihren fragenden Blick beant­wortete der hinter dem Baron schreitende Bediente nur mit einer Pantomime, die besagen zu wollen schien:Laß michl Jetzt geht'» erst an die Hauptsachei"

Wenn die Baronin und meine Tochter heimkommen sollten, ehe ich wieder da bin," warf der Freiherr nur kurz über die Schulter, ,,so mögen ste stch über mein Ausbleiben nicht beunruhigen. Ich weiß nicht, wie lange ich zu thun haben werde."

*

Es dämmerte schon stark, als der Baron und Ignaz im Hause des Grafen Degenstetn anlangten. Der Graf begrüßte den »verehrten Schwiegerpapa" sehr launig; er wäre eben im Begriffe gewesen, stch in seine Familie zu begeben.

Aber wen bringen Sie mir da?" fragte er dann, als der Freiherr dem Bedienten des Attaches winkte, um ihn eintreten zu heißen.

Effenberg hatte dem Grafen eine fieberische Hand zum zögernden Gruß geboten, aber kein Wort der Erwiderung auf den ihm gewordenen Willkomm gefunden-

Vor Allem Eins!" sagte er jetzt, seine Aufregung mühsam bemeisternd.Sperren Sie hier die Vorzimmer ab, Herr Graf, und laffen Sie un« nebenan eintreten. Er ist nothwendig, fich zu verstchern, daß uns Niemand von Ihre« Leuten belausche."

Der Graf blickte betreten auf den ihm offenbar etwa« fatalen Begleiter des Freiherrn, unterdrückte aber eine Frage und führte die Beiden in das anstoßende Brbliothekzimmer, wo er selbst Licht machte, indem er den Hebel des electrische« Kronleuchters rückte.

Nehmen Ste Platz, Herr Baron und erklären Sie stch gütigst! Sie werden begreifen, daß ich ein wenig ge­spannt bin."

Effenberg hätte den Sitz am liebsten ausgeschlagen, aber er fühlte eine bedenkliche Schwäche in den alten Beinen. Nachdem er vergeblich versucht hatte, einen geeigneten Pu»kt zu seinen Öffnungen zu finden, ließ er sich schwer athmend in einen altdeutschen Ledersessel fallen.

Ergreifen Ste das Wort, junger Mann!" sagte er dann, zu Ignaz gewendet, indem er mit bebenden Fingern an seinen grauen Bartkoteletten zupfte.Sie müßten dann ja doch die Hauptrolle übernehmen."

Ignaz verneigte sich stumm, griff in seine Westentasche und brachte daraus ein zusammengelegtes Papier zum Vor­schein, das er auseinanderfaltete und auf den großen, mit Zeitungen und Broschüren bedeckten Tisch in der Mitte de« Zimmers legte. Es war die Banknote, die ihm der Graf neulich alsFinderlohn" zugesteckt hatte.

Hier, Herr Graf!" sagte er halblaut, ohne jede« Schwung", aber auch ohne Verlegenheit.Zuerst muß ich das zurückerstatten, um frei von der Leber weg reden zu können."

Sind Sie bei Trost?" warf Degenstein mit einer Kälte hin, die sozusagen aus der abgrundtiefen Kluft drang, die er als Aristokrat zwischen sich und diesemRoturier" er­blickte-Was haben Sie mir zu melden?"

Daß ich eins fürchterliche Anschuldigung wider Sie erheben muß, Herr Graf," erwiderte Ignaz prompt, ohne mit der Wimper zu zucken.Seit einer Viertelstunde weiß ich durch die Güte des Freiherrn v. Effenberg, was der in : dem Medaillon der seligen Frau Gräfin gefundene Zettel