Ausgabe 
12.9.1896
 
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Schreibtisch durchschritt. Hier befand sich Aller in Muster- Hafter Ordnung. Ein aufgeschlagenes landwirthschaftliches Buch und ein geschloffener Brief unter dem marmornen Be­schwerer lagen auf dem Tisch.

Hans Justus zog ihn hervor und warf einen Blick auf die Adresse, die den Namen eines Rechtsanwalts und Notars Johannsen in F. enthielt. Er schob ihn wieder an seinen Platz. Sein Blick fiel aus den Papierkorb, in dem stch nur wenige zerriffene Zettel befanden. Sich rasch darnach bückend, prüfte er ihren unzusammenhängenden Inhalt, steckte dann mit sichtlicher Erregung einige in die Tasche und befand sich nach wenigen Minuten wieder im Wohnzimmer. Als er in die Halle hinaustrat, ging die alte Wirthschafterin stumm grüßend an ihm vorüber, ihr verwunderter Blick gefiel ihm nicht.Warte, Spionin/ dachte er,auch Du sollst springen!"

Er kehrte in sein Thurmzimmer zurück, verriegelte die Thür und zog die zerriffenen Papierstücke hervor, die er sorg­fältig sortirte und zusammensetzte. Es schien der Entwurf eines Briefes von der Hand des Onkels an seinen Notar gerichtet, zu sein, der jedenfalls also den ungefähren Inhalt des Briefes unter dem Marmorbeschwerer wiedergab.

Hans Justus lächefte ingrimmig, als er die sehr flüchtig hingeworfenen Zeilen las, welche also lauteten:Mein lieber Herr Notar! Sie haben mir die Nothwendigkeit eines Testaments so ost nahegelegt, daß ich mich nun endlich dazu entschlossen habe, zumal durch die so plötzliche Dazwischenkunft meines Neffen die Lage sich zur Ungunst meiner Tochter verschoben hat, und ich es deshalb für meine Pflicht halte, ihre Zukunft testamentarisch sicher zu stellen. Der Gedanke ihrer Verheirathung mit meinem Neffen, den Sie mir nahe gelegt haben und der mir, wie ich gestehe, auch anfangs als die beste Lösung dieses Conflicts erschien, kann nicht mehr in Frage kommen, weil meine Ellen mehr Ab- als Zuneigung für ihn empfindet, was ich ihr nicht verdenken kann, da Hans Justus auch mir wenig Sympathie einflößt."

Dieser ganze letzte Satz war allerdings durchstrichen, stand somit wohl nicht im Briefe, was fich übrigens für den Leser , der drohend die Hand ballte und dann mit einem grausamen Lächeln das Concept weiter entzifferte, gleich bleiben mochte.

Um Ihre Reise nach Altinghof nun auch für Sie zu einem besonderen Genuß zu gestalten," las Hans Justus weiter,so werde ich, da ich Sie als einen leidenschastlichen Nimrod kenne, auf den fünften October eine Jagd veran- stalten, --der Wildstand ist vortrefflich, Rebhühner find auch noch zahlreich vorhanden, somit Beute genug für den Waid- mann. Wir werden unser Geschäft dann auf den sechsten October verschieben und das Vergnügen einmal vorangehen lassen. Richten Sie fich also darauf ein, auf einige Tage mein Gast zu sein."

Damit endete der Brief-Entwurf, den Baron Justus etwas zu sorgenlos seinem Paplerkorbe anvertraut hatte.

Er hätte damit vorsichtiger sein sollen," dachte der Amerikaner, finster vor sich hinblickend.Ob ich die Papier- Fetzen wieder in den Korb werfe? Es wird jedenfalls klüger fein."

Er raffte sie zusammen und erhob stch, als er Pferde­getrappel vernahm. Rasch an ein Fenster tretend, sah er unb ®Öen in den Schloßhof sprengen. Sein ge­übtes Reiterauge konnte nicht umhin, die elegante und sichere Haltung der jungen Dame anzuerkennen. Diese Beiden waren ihm also feindlich gesinnt, er konnte fichs jetzt schon vorstellen, wie das Testament lauten würde.

... »34 «erde mit einem Bettelbrockeu vor dis Thür ge- fttzt, murmelte er,und die Fremde wird hier Herrin sein. Aber noch ist dieses Testament nicht gemacht, und (joddam wenn ich nicht einen Riegel davor schiebe."

Er blickte auf das zerriffene Concept in seiner Hand und ging dann mechanisch nach dem Ofen, um es dort hineinzuwerfen, worauf er an ein Rauchtischchen trat, ein Streichholz anzündete und darüber nachsann, wozu er es ge­

brauchen wollte. Er hatte das Papier im Ofen verbrennen wollen und es bereits wieder vergessen, weil feine Gedanken auf lichtscheuen Wegen umherirrten. Mechanisch nahm er eine Cigarre, warf das Streichholz, welches ihm die Finger verbrannte, fort und behielt die Cigarre unangezündet zwischen den Lippen. Hans Justus befand fich, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben in einer Art geistiger Ab­wesenheit, er war der Gegenwart vollständig entrückt und lebte in der Zukunft.

Bah, was ist's denn weiter?" sprach er nach einer Weile halblaut vor fich hin,ich nehme mein rechtmäßiges Eigenthum, nichts mehr und nichts weniger. Still bist Du verrückt geworden, Hans Alting? Goddam, ich muß in die freie Luft, dieser Thurm ist ein Gefängniß, worin ich ersticke, ein tüchtiger Ritt ja so, der elende Gaul ist crepirt und einen anderen wird man mir verweigern. Well, so mag ein Spaziergang es thun aber Luft muß ich haben, sonst geht« nicht gut mit mir."

Der wilde Hans Justus mochte es sich nicht eingestehen, daß er nur einer Begegnung mit dem Onkel entgehen und wenigstens vorerst seinem B>, .eiche ausweichen wolle, weil er voraussah, daß der crepirte Gaul böses Blut gemacht hatte und den altenKnicker" zu einer großen Vorlesung veran­lassen werde. Die ganze Art und Weise des deutschen Edel- mannes war dem amerikanischen Sportmann unsäglich zu­wider und er hätte den Vorschlag desselben, mit einer ge­nügend großen Geldsumme nach Amerika wieder zurückzugehen, sicherlich angenommen, wenn ihm nicht ein größerer Gewinn, eine zu verlockende Aussicht zum Bleiben bewogen hätte.

Er müße Joe Catton sprechen. Zu diesem Entschlüsse gekommen, wärf er die schöne Jagdflinte, auch ein Geschenk des Onkels, über die Schulter, nahm Hut und Jagdtasche und verließ den Thurm, um noch einigen Rebhühnern den Garaus zu machen.

Als Baron Justus, welcher ihn sprechen wollte, sein Zimmer verschlossen fand, und sich bei der Dienerschaft nah ihm erkundigte, erhielt er die Nachricht, daß der junge gnädige Herr auf die Jagd gegangen sei.

Er fürchtet sich vor meinen Vorwürfen und ist mit seiner Jagdflinte davongelaufen," sagte der alte Herr, zu Ellen zurückkehrend.Welche Feigheit bei einer solchen Ver- wilderung!"

Feigheit wird's wohl nicht sein," meinte das junge Mädchen mit nachdenklich sorgenvoller Miene,ich denke mir, daß er bet seiner vernachlässigten Erziehung, für welche man ihn nicht verantwortlich machen kann, und der ungebundenen Freiheit, deren er sich drüben erfreut hat, weder Ermahnungen noch Vorwürfe ruhig ertragen kann und denselben also lieber aus dem Wege geht."

Du entschuldigst also seine Grausamkeit und Rohheit?"

Nein, ich setze sie nur auf Rechnung seiner amerikanischen Erziehung, für welche doch nur sein Vater verantwortlich gemacht werden könnte."

Still, er ist tobt," erwiderte Baron Justus leise, wir wollen ihn nicht anklagen, mein Kind! Hat man doch auch Fälle genug, daß fremde Einflüsse die beste Er­ziehung zu Schande gemacht und die schönsten Anlagen und Hoffnungen vernichtet haben. Mein Bruder war ein Edel­mann vom Kopf bis zur Sohle, von vornehmer Eigenart, sein Sohn, der freilich seine Gefichtszüge trägt, ist da« schnur- grade Gegentheil von ihm, während er seiner Mutter auch nicht im Mindesten ähnelt."

Sie war von bürgerlicher Herkunft?" fragte Ellen zögernd.

Allerdings, wie auch meine Mutter," versetzte der Baron mit ungewöhnlicher Schärfe,Du glaubst doch etwa nicht, daß von mütterlicher Seite eine derartige Vererbung stattgefunden hätte?"

Nein, dann würdest Du die Frau überhaupt nicht er­wähnt haben," sprach Ellen ruhig.

Sie war eine Hamburger Patriziertochter von feinster Blldung und Erziehung. Der Sohn hat seine Mutter nicht