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gekannt, das entschuldigt viel, zumal mein Bruder ihn fremden Händen überantworten mußte und er sicherlich nicht glücklich in der Auswahl derselben gewesen ist. Nun, mein Kind, ich habe die Hoffnung aufgegeben, ihn zu civilisiren und des- halb den festen Entschluß gefaßt, ihn mit hinreichenden Mitteln versehen, nach Amer'ka zurückzuschicken."
„Ich glaube kaum, daß es Dir gelingen wird, mein Väterchen," bemerkte Ellen.
„Du glaubst also, daß er mir Widerstand entgegensetzen, meinen Willen n.cht respeetiren würde?" fragte Baron Justus erregt.
„Bitte, rege Dich nicht unnöthig auf, lieber Vater," bat Ellen erschreckt, «es ist ja nur meine Meinung, er wird am Ende froh fi'.tt, wieder in die alten, ihm vertrauten Ver- hältniffe zurückkehren zu können."
„Das meine ich auch, mein Kind," sagte Baron Justus mit einem tiefen Athemzuge, „es thut mir weh, sagen zu müssen, daß der einzige Stammhalter meines Geschlechts nicht würdig ist, bas Erbe seiner Vorsahren anzutreten."
„Und doch hat er es verstanden, sich so sehr beliebt zu machen," wandte Ellen ein, „man wird sagen, daß Du ihn um einer Fremden willen verstoßen hast."
„Du bist keine Fremde in diesem Hause, meine Tochter, stehst meinem Herzen näher als dieser Neffe, von welchem ich bisher nichts gewußt habe. Wenn Du heirathest, wird Dein Gatte den Namen Alling mit dem seinigen verbinden."
„Sprich nicht davon, Vater, ich werde Dich nie verlassen." „Sollst Du auch nicht," fiel der Baron lächelnd ein, „weil Dein künftiger Gatte Altinghof übernimmt. Doch fürchte nichts, Du sollst nur Deinem Herzen folgen, wenn dieses für Harald Römhild sprechen sollte —"
„Nein, nein, Du irrst," unterbrach ihn Ellen hastig, während ihr Gesicht abwechselnd roth und blaß wurde, „Harald Römhild ist mir völlig gleichgültig und auch kein guter Mensch."
„Woraus folgerst Du diese schwere Behauptung?" fragte der Baron ernst.
„Ach, das war dis Geschichte, welche ich Dir an jenem Abend, als der Brief aus Amerika eintraf, erzählte wollte, Du wirst Dich dessen nicht mehr entsinnen, lieber Vater!"
Baron Justus suchte in seiner Erinnerung.
«Ja, ja, ganz recht, wir sprachen von den Vorzügen des Landlebens und Du behauptest, daß nur wir und unseresgleichen den vollen Genuß davon hätten. Ach, liebes Kind, Du hast keine Ahnung davon, mit welchen Sorgen der Großgrundbesitzer oft zu kämpfen hat, und wie manch' kleiner Hofbesitzer nicht mit ihm tauschen möchte."
„O, das ist mir nicht unbekannt," erwiderte Ellen, „der alte Herr von Römhild hat mir dieses Lied häufig genug vorgesungen. Ich glaube aber, daß seine Söhne zu viel ge« brauchen und dadurch die Sorgenlast des alten Herrn verursachen."
„Nun, Harald ist doch der solideste junge Mann, der mir jemals vorgekommen ist."
„Sein Vater ist jetzt auch auf ihn nicht gut zu sprechen, und was ich jüngst von Laura Erlbeck über ihn hörte, konnte nur meine schlechte Meinung über Harald Römhild bestätigen."
„Erkläre Dich deutlicher, mein Kind," bat der Baron unruhig.
„Ich will's durchaus nicht ableugnen, daß ich Harald von Herzen gut gewesen bin," sagte Ellen leise, „ob es aber die Liebe war, von welcher die Dichter singen, möchte ich doch bezweifeln, weil meine Zuneigung alsdann wohl nicht so gänzlich auf den Gefrierpunkt gesunken wäre, als ich seinen grausamen Character erkannte. — Wenn ich an die armen Bauern, und an die Taglöhner von Hirschholm denke, welch' letztere so gut wie Leibeigene find, dann werde ich von tiefer Traurigkeit erfüllt. Ich war bei Charlotte Römhild zum Besuch, wir machten einen Spaziergang durchs Dorf, und da sah ich mit Entsetzen, wie Harald einen alten Mann grausam mit der Hetzpeitsche schlug, weil der Unglückliche, der sich matt und unwohl fühlen mochte, zu früh Feierabend gemacht hatte."
„Das ist empörend," rief der Baron, „fein Vater wird nichts davon wissen, mein alter Freund Römhild ist nicht hart gegen feine Leute. Und was sagte Charlotte dazu?"
„Sie lachte mich aus, als ich meiner Empörung Ausdruck gab. Ich habe sie seitdem nicht wiedergesehen."
„Ach, diese Jemand," seufzte der alte Herr, „wie so ganz anders ist sie heute als zu meiner Zett. Aber auch die Römhilds haben die Mutter zu früh verloren, das bleibt ein Unrecht für's ganze Lben. Ich sage Dir, Ellen, genau so, vielleicht noch um einige Grad schlimmer, würde mein Neffe Hans Justus als Gutsherr von Altinghof werden. Nein, vor diesem Unglück muß ich meine armen Leute bewahren."
„Würdest Du noch meine Heirath mit Harald Römhild befürworten, lieber Vater?" fragte Ellen.
„Nimmermehr, meine Tochter, lieber ledig bleiben, als an einen Mann ohne Herz und Character zeitlebens gekettet sein. Apropos, was ich Dir noch mittheilen muß, wir werden am fünften, also in drei Tagen, eine Jagd-Gesellschaft haben, zu welcher ich morgen die Einladungen ergehen lassen will. Natürlich werden die Römhild's auch dabei sein, Charlotte ist eine eifrige Jägerin, ich kann sie und den Bruder nicht gut übergehen."
„Nein, nein, Vater, thue das auch um keinen Preis," rief Ellen erschrocken, „ich kenne meine gesellschaftlichen Pflichten, es ist ja genug, daß wir uns verständigt haben. Wirst Du Melwig und feine Nichte ebenfalls einladen?" setzte sie zögernd hinzu.
„Nein, erwiderte der Baron sehr kurz und mit ungewöhnlicher Festlichkeit, „diese Menschen gehören nicht zu uns, ich wäre der Letzte, ihnen mein Haus zu öffnen. — Du wirst so freundlich sein, liebe Ellen, die Einladungsliste aufzusetzen," setzte er dann, sich gewalsam fassend, hinzu.
„Ja, Papa — doch hätte ich eine Bitte —"
„Nun, mein Kind?"
„Gieb Deinem Neffen nicht die braune Stute, er würde auch dieses liebe, treue Thier nicht schonen."
„Meine Alraune, die mir durch ihre Fixigkeit schon mal das Leben gerettet hat? — Wo denkst Du hin, Kind! Lieber würde ich das Thier erschießen, als es solchen Barbaren-Händen anvertrauen. — Hans Justus bekommt kein Pferd mehr von mir, wir sind miteinander fertig."
„Du wirst ihm das nicht sagen, Papa!" bat Ellen mit einem seltsam flehenden Blick, wenigstens nicht vor dem Jagdtage."
Der alte Herr sah sie forschend an und erschrak dann sichtlich.
(Fortsetzung folgt.)
Gesundheitspflege im September.
Bon Dr. Otto Gotthilf.
------- (Nachdruck verboten.)
Der September in seiner Eigenschaft als Spätsommermonat und auch wieder als Frühherbstmonat legt uns die Verpflichtung auf, einerseits die etwa noch kommenden schönen Sommertage recht fleißig durch Bewegung im Freien zur Kräftigung des Körpers auszunutzen, damit wir einen möglichst großen Gesundheitsvorrath für den Winter in uns ansammeln, andrerseits an den schon herbstlich kühlen Tagen und Abenden uns durch warme Kleidung vor Erkältung zu schützen. Es ist eine ganz falsche Bravour, recht abgehärtet erscheinen zu wollen, indem man die dünne Sommerkleidung bis in den Spätherbst hinein trägt. Dadurch entzieht man dem Körper eine übergroße Wärmemenge, beeinträchtigt die Thätigkeit der Haut, bewirkt eine Verlangsamung der Blut- und Säftecircu- lation, besonders in den entfernteren Körpertheilen, also Händen und Füßen, so daß dieselben leicht kalt werden und im Winter eher erfrieren. Vermehrt werden diese Uebelstände noch durch eucht-neblige oder regnerische Witterung. Daher ist warme wollene Unterkleidung jetzt oft nöthiger als im trockenen.kalten


